Wie eine frühmittelalterliche Bibel die Zeit überlebt
Die Grandval-Bibel – auch Bibel von Moutier genannt – gehört zu den bedeutendsten Handschriften Europas. Sie ist fast 1’200 Jahre alt und kostbarer als jedes Schmuckstück. Ihr Weg führte sie aus dem Skriptorium der Abtei Saint-Martin de Tours in Zentralfrankreich nach Moutier in die Schweiz. Danach ging sie auf Umwegen und Fluchten durch Kriege und Revolutionen. Letztlich landete sie in London. Ihre Reise ist spannender als jeder «Tatort» am Sonntagabend.
Wer heute die Grandval-Bibel in der British Library in London betrachtet, sieht ein kostbares, ruhiges Zeugnis vergangener Zeiten. Ein mächtiger Codex aus Pergament, fast 900 Seiten stark, in dem sich das biblische Wort pracht- und würdevoll entfaltet. Doch dieses still schimmernde Buch hat ein Leben hinter sich, das alles andere als ruhig verlief. Es ist ein Werk, das durch Klöster, Städte, Kriegsgebiete, politische Umwälzungen und private Hände wanderte. Ein Werk, das Jahrhunderte überdauerte, weil Menschen es bewahrten. Dies geschah manchmal bewusst, einige Male zufällig und verschiedentlich aus rein finanziellen Interessen.
Im Herzen der karolingischen Renaissance
Spulen wir an den Anfang seiner Entstehung. Um 830 entsteht die Grandval-Bibel im berühmten Skriptorium der Abtei Saint-Martin im französischen Tours. Der Ort galt im Frühmittelalter als ein Zentrum der karolingischen Bildungs- und Kunstreform. Der Name bezieht sich auf die Herrscherfamilie der Karolinger und den von ihnen geprägten Aufschwung der karolingischen Renaissance und der zugehörigen Kunst und Schrift. Auftraggeber war vermutlich ein bedeutender geistlicher Würdenträger. Jedenfalls lässt der Aufwand und die Gestaltung keine andere Interpretation zu.
Über 200 Schafshäute wurden für die Pergamentseiten benötigt, und ein Team von rund zwanzig Mönchen arbeitete daran, jede einzelne Seite sorgfältig zu beschreiben, auszurichten und auszuschmücken. Sie schufen ein üppiges Gesamtwerk. Die karolingische Buchmalerei suchte in dieser Zeit bewusst die Nähe zur römischen Antike, und so wirken die Gestalten der Miniaturen überraschend lebendig, fast erzählerisch.
Der Weg ins Kloster Moutier
Wie genau dieses Meisterwerk vom Loiretal in das abgelegene jurassische Kloster Moutier-Grandval kam, ist nicht zu beantworten. Eine Besitzurkunde, die darüber Aufschluss geben könnte, existiert nicht. Stattdessen müssen sich Historikerinnen und Historiker auf Indizien verlassen. Ein erster, entscheidender Hinweis findet sich in einer unscheinbaren Handschriftennotiz auf der letzten Seite. Zwischen 1595 und 1606 schrieb ein Mönch die Namen German und Randoald hinein. Dies sind zwei Lokalheilige, deren Martyrium eng mit der Gründungsgeschichte des Klosters im Jura verbunden ist. Das ist historisch zwar kein Beweis, aber ein starkes Indiz. Die Bibel wurde zumindest im ausgehenden 16. Jahrhundert in Moutier aufbewahrt und war dort offenbar ein Objekt besonderer Verehrung.
Wahrscheinlich kam sie schon viel früher dorthin. Im 9. Jahrhundert befand sich das Kloster in einer Phase der wirtschaftlichen und spirituellen Blüte und pflegte enge Kontakte zu anderen karolingischen Zentren. Gut möglich, dass die Bibel im Zuge einer Schenkung, eines Tauschgeschäfts oder sogar auf direkten Auftrag des Klosters nach Moutier gelangte. Sicher ist, dass das Werk spätestens im späten Mittelalter fest zum Bestand gehörte.
Einschnitt zur Jahrtausendwende
999 erfolgte ein grosser Einschnitt : Das Kloster wurde dem Bischof von Basel geschenkt und bildete fortan einen Bestandteil des Fürstbistums Basel. Angesichts der damals verbreiteten Neuordnung von Klosterbibliotheken ist es bemerkenswert, dass die Bibel diesen institutionellen Wechsel überdauerte. Besonders während der Gregorianischen Reform des 11. Jahrhunderts verloren viele ältere liturgische Werke ihren Wert, wurden verkauft oder sogar entsorgt. In dieser Zeit wandten sich viele Kirchenobere von langjährigen Gepflogenheiten ab und wurden säkularisiert. Die Grandval-Bibel blieb jedenfalls im Kloster in Moutier. Vielleicht wegen ihres aussergewöhnlichen künstlerischen Charakters. Möglich ist auch eine heute längst vergessene Tradition.
Die erste grosse Rettung
Im 16. Jahrhundert kam das Werk erneut an eine historische Schwelle. Die Reformation erreichte den Jura, und die Städte im Umfeld des Klosters waren zunehmend geprägt von Spannungen zwischen den Konfessionen. Um die kostbarsten Reliquien und Archivalien zu schützen, wurden sie in der Nacht vom 26. auf den 27. März 1530 nach Solothurn gebracht. Unter ihnen befanden sich die Reliquien der Heiligen German und Randoald und mit hoher Wahrscheinlichkeit die Grandval-Bibel. So entkam sie der Verwüstung der Kirche durch die reformiert gewordenen Bewohner von Moutier.
1534, nur vier Jahre später, verliessen die Chorherren Moutier und liessen sich in Delémont nieder. Die Bibel kehrte mit ihnen zurück und zählte dort wiederum zu den wertvollsten Stücken des Stifts. Für mehr als zweieinhalb Jahrhunderte blieb sie hier, wurde gehütet und genutzt. Sie überstand politische Spannungen, Kriege und wirtschaftliche Krisen.
Revolution und Flucht
Das beschauliche Dasein änderte sich mit der Französischen Revolution. 1792 erreichten Napoleons Armeen den Jura. Die Chorherren flohen und das Stift löste sich schrittweise auf. In der Folge lenkte der Lauf der Dinge die Geschichte der Grandval-Bibel in neue Bahnen. Bei der Rettung und dem Transport des Archivs half in den chaotischen Zeiten ein Mann namens Claude Joseph Verdat. Vermutlich nahm er die Bibel an sich und in sein Haus in Delémont. Für das Bistum Basel war sie jedenfalls verloren.
Dass dies keine plumpe Diebstahlsgeschichte war, sondern eine glückliche Fügung, zeigte sich erst nachträglich. Verdat verwahrte und bewahrte die Bibel sorgfältig über Jahre. Gerüchten zu Folge fanden seine Töchter diese nach dem Tod des Vaters auf dem Dachboden. Nach Verdats Tod verkauften seine Töchter das Werk zwischen 1812 und 1818 an den Advokaten Alexis Bennot. Dieser wiederum suchte schon bald einen neuen Käufer. Nicht, weil er die Bibel nicht schätzte, sondern weil er wusste, dass eine sichere Aufbewahrung kostspielig und anspruchsvoll war.
Endgültiger Wendepunkt
Im Jahr 1822 versuchte Bennot, die Bibel in Delémont zu verkaufen. Pfarrer Joseph Hennet bemühte sich engagiert darum, sie für die Pfarrei zu erwerben. Allerdings überstieg der Preis die finanziellen Möglichkeiten deutlich. Stattdessen erschien Johann Heinrich von Speyr-Passavant auf der Bildfläche. Der Antiquar aus Basel verfügte über ein internationales Netzwerk, Geschäftssinn und ein ausgeprägtes Gespür für historische Schätze.
Von Speyr-Passavant führte die Grandval-Bibel auf einen Weg, der sie endgültig aus dem Jura entfernte. Er reiste mit dem Buch durch Europa, präsentierte es in Paris und London, bewarb die handgeschriebene Bibel als aussergewöhnliches Zeugnis der frühen christlichen Buchkultur und suchte einen Käufer, der ihren Wert würdigte.
Schliesslich gelang ihm 1836 der entscheidende Verkauf : Für 750 Pfund erwarb das British Museum den Codex. Damit war die Handschrift endgültig ins Ausland verkauft. Gleichzeitig wurde das Werk aus dem Frühmittelalter erstmals dauerhaft wissenschaftlich zugänglich. Als 1973 die British Library in London gegründet wurde, ging die Bibel in deren Bestand über.
Zweimal zurück in die Heimat
Trotz ihres Weggangs blieb die Grandval-Bibel in der Schweiz unvergessen. 1981 wurde sie erstmals wieder ausgeliehen und in Delémont, Moutier und Bern gezeigt. 2025 kam sie zum zweiten Mal auf Besuch und konnte in Moutier bewundert werden. Heute ist die Bibel vollständig digitalisiert und online einsehbar. Sie ist, nach vielen Jahrhunderten des Reisens, so zugänglich wie nie zuvor.
Ralph Weibel, forumKirche, 12.01.2026
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