(9.2.206, Bistum Basel) Unter dem Titel «Menschen der Hoffnung» hat Bischof Felix Gmür einen Hirtenbrief verfasst. Dieser wurde am 8. Februar in den Gottesdiensten gepredigt.

Liebe Schwestern und Brüder in Christus

Warum brauchen wir Hoffnung? Sicher nicht als fromme Verzierung, auch nicht als Trostpflaster, sondern als Grundeinstellung, die uns befähigt, in unsicheren Zeiten weiterzugehen.

Unser Leben gleicht manchmal einem Morgen, an dem der Nebel so dicht ist, dass selbst der nächste Schritt ungewiss bleibt. Sicherheiten lösen sich auf, Orientierung schwindet, und die Welt wirkt wie ein einziger grauen Schatten. In solchen Momenten könnten wir stehen bleiben, uns einrichten im Stillstand. Doch Stillstand nimmt uns die Zukunft. Und gerade dort, wo alles unsicher wird, öffnet sich aus christlicher Sicht ein Raum der Hoffnung. Nicht, weil wir stark wären, sondern weil Gott uns hält (vgl. Ps 31). Hoffnung ist kein grelles Scheinwerferlicht. Sie ist ein leises, aber unbeirrbares Leuchten. Eine Liebe, die trägt, aushält und niemals aufgibt (vgl. 1 Kor 13). Wir leben aus dieser Hoffnung. Sie ist unser Erbe.

Unsere Welt ist unruhiger geworden. Schneller. Härter. Konflikte, Kriege, Einsamkeit, Überforderung prägen unseren Alltag. Die alten Gewissheiten bröckeln, viele Menschen fühlen sich orientierungslos. Die digitalen Fortschritte machen vielen Angst, Migration überfordert uns, die Schöpfung leidet, und der Krieg rückt näher an unsere Grenzen. Die Frage steht im Raum: Wird auch unsere scheinbar sichere Schweiz erschüttert?

Wir stehen mitten in dieser Realität. Nicht daneben. Und genau deshalb müssen wir uns fragen: Was bedeutet es heute, Christin oder Christ zu sein? Was heisst es, «Kinder des Lichtes» (vgl. Eph 5,8; 1 Thess 5,5) und «Leib Christi» (vgl. 1 Kor 12) zu sein in einer Welt, die sich so rasant und rücksichtslos verändert? Was heisst es zu hoffen, obwohl alles dagegen spricht?

Gott antwortet auf diese Frage nicht mit einer Theorie, sondern mit einer Zusage: «Wenn du rufst, werde ich sagen: Hier bin ich.» (vgl. Jes 58,8-9)

Die Schrifttexte dieses Sonntags sprechen eine klare Sprache. Jesaja fordert uns auf, nicht wegzusehen. Nicht nur zu reden, sondern zu handeln. Brot zu teilen. Unrecht zu benennen. Menschen und Schöpfung zu schützen. Hoffnung entsteht mit Jesajas Worten nicht im Rückzug, sondern im aktiven und bewussten Tun:

«Dann wird dein Licht im Dunkel aufgehen.» (vgl. Jes 58,9-10)

Hoffnung ist kein Gefühl, das man hat oder nicht hat. Hoffnung ist eine Entscheidung. Eine Haltung. Ein Widerstand gegen die Dunkelheit. Sie ist die Brücke zwischen dem, was ist, und dem, was sein kann. Sie hält uns innerlich zusammen, wenn alles auseinanderzufallen droht. Und sie befähigt uns, selbst Licht zu werden: für Menschen, die mit Trauer, Wut oder Mutlosigkeit kämpfen. Dieses Licht beginnt im Inneren, dort, wo Gott uns zuflüstert: «Ich bin da.»

Jesus selbst gibt uns den Auftrag, Licht und Salz zu sein (vgl. Mt 5,13-14). Das Evangelium ist unser Kompass. Und in jeder und jedem von uns brennt ein Licht, das nicht uns gehört, sondern uns anvertraut ist. Licht und Salz wirken nie für sich selbst. Sie verändern ihre Umgebung still, aber kraftvoll. Sie machen sichtbar, geben Orientierung, schenken Leben. Genau das ist unser Auftrag in einer Welt voller Leid, Gewalt und Zerstörung: Nicht wegsehen, nicht schweigen, nicht resignieren, sondern Hoffnung hochhalten.

Warum ist Hoffnung so wichtig? Weil sie real ist. Weil sie wirkt. Weil sie Leben in Fülle schenkt.

Jesaja zeigt: Hoffnung ist kein Trugbild oder Wunschdenken.

Matthäus zeigt: Hoffnung beginnt dort, wo Menschen Frieden stiften (vgl. Mt 5,9). Wo sie teilen. Wo sie sich berühren lassen. Wo Angst Platz hat und Vertrauen ebenso. Hoffnung wächst, wenn wir die Dunkelheit nicht leugnen, sondern ein Licht hineinstellen.

«Man stellt eine Leuchte nicht unter den Scheffel.» (vgl. Mt 5,15)

Hoffnung lebt nicht von der Abwesenheit von Problemen, sondern von der Gegenwart Gottes und von Menschen, die zuversichtlich handeln. Menschen, die bleiben, wenn andere gehen. Die trösten, wenn Worte fehlen. Die mahnen, wenn Unrecht geschieht. Die helfen, wenn Not da ist. In ihnen wird Gottes Kraft sichtbar. Oft unspektakulär, aber tragend. Leise, aber unüberwindbar. Ein Licht, das kein Sturm auslöschen kann.

Was bedeutet es heute, Salz und Licht zu sein?

Vielleicht bedeutet es, eine Tür offen zu lassen, wenn andere sie schliessen. Eine Frage zu stellen, wenn alle schweigen. Ein kleines Projekt zu beginnen, das Leben ermöglicht. Es heisst offenkundig: Nicht passiv bleiben. Nicht aufgeben. Handeln – im Vertrauen darauf, dass Gott mitgeht.

Mit diesem Hirtenbrief lade ich Sie ein, Teil einer Bewegung der Hoffnung zu sein. Nicht Zuschauerinnen und Zuschauer, sondern Mitwirkende. Menschen des Lichts. Menschen der Hoffnung.

Gehen wir gemeinsam. Mit offenen Augen. Mit hörendem Herzen. Mit Mut. Mit Hoffnung.

Ihr
Felix Gmür
Bischof von Basel

Bischof Felix Gmür
Quelle: Fabienne Bühler
Bischof Felix Gmür

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