Die Rolle der Frauen in den Auferstehungs­erzählungen

Die gleichen Frauen, die Jesus in den Tod begleitet haben (s. auch letzte Ausgabe von forumKirche), dürfen als Erste seine Auferstehung erfahren. Luzia Sutter Rehmann erläutert im Interview, warum diese Frauen zunächst verstummen und wie man die Erfahrung der Auferstehung verstehen kann. Die feministische Theologin lehrt Neues Testament an der Theologischen Fakultät der Universität Basel.

Im Markusevangelium wird erzählt, dass Maria aus Magdala, Maria, die Mutter des Jakobus, und Salome als Erste entdecken, dass Jesu Grab leer ist. Es sind die gleichen Frauen, die Jesus in den Tod begleitet haben. Was erleben sie am Grab und wie reagieren sie ?
Sie sehen kein leeres Grab, sondern im Grab ist ein junger Mann, wir würden heute sagen : ein Teenager (griech. neaniskos = Neuling). Der sagt zu ihnen : « Geht nach Galiläa. Dort werdet ihr ihn sehen. » Ich finde es wunderbar, dass die nächste Generation weiss, wo die Zukunft zu finden ist. Die Frauen erhalten in ihrem Schmerz eine Richtung. Sie spüren schon ein wenig Zukunft in dem jungen Mann. Aber trotzdem erschrecken sie zutiefst. Eine Ehr­furcht ergreift sie, eine grosse Kraft, die sie erschüttert. Sie sind in Ekstase (griech. exstasis), also ausser sich. Sie haben nicht einfach Angst, aber sie sind total durch­einander, weil der Leichnam nicht da ist, sondern ein Teenager.

Sie sind so durcheinander, dass sie niemandem etwas davon erzählten, wie Markus anfügt. 
Ja, das ist erstaunlich. Es hat die Wissen­schaft immer wieder irritiert. Man fragt sich, warum sie denn nichts erzählen. Ich würde sagen, dass diese Sprachlosigkeit ein Zeichen von Traumatisierung ist. Man kann das, was das Wichtigste wäre, was einen traumatisiert hat, nicht benennen. Man kann nur darum herum kreisen, immer wieder anfangen, aber das Eigent­liche kommt nicht heraus. Hier spüren wir etwas von den Folgen des römisch-jüdischen Krieges (66–74 n. Chr.), der die Bevölkerung traumatisiert hat, von der Diktatur der Römer, von der Hinrichtung, die die Frauen gesehen haben. Vielleicht brauchen sie einfach Zeit, müssen noch­mals nach Galiläa, um dort auf Spuren­suche zu gehen. Und erst dann können sie reden. Die Augen­zeuginnen haben sicher­lich irgend­wann angefangen zu reden, sonst hätten wir ja keine Evangelien.
Dieser Hinweis « Sie sagten niemandem etwas » umschreibt die Zeit, die es braucht, um heil zu werden oder die Füsse auf den Boden zu bekommen. Das erlaubt auch uns allen, innezuhalten und zu schweigen. Darum finde ich das einen sehr schönen Schluss in seiner Irritation. 

Auch in den anderen Evangelien sind es die Frauen, die das leere Grab entdecken. Hier bleibt es aber nicht beim Erschrecken …
Markus ist das älteste Evangelium. Es wurde kurz nach dem römisch-jüdischen Krieg verfasst und ist darum in weiten Teilen noch Trauma-Literatur. Bei ihm spürt man noch ein richtiges Suchen : Welche Wörter sind angemessen, passen zu dem Schrecken des Krieges und dem Grossartigen und Verrückten, das die Jüngerschar erlebt hat ? Die anderen Evangelien wurden 20 bis 25 Jahre später geschrieben. Es liegt eine Generation dazwischen, in der man Worte gefunden hat, sich Heilung ereignet hat, sodass man die Sprache wiedergefunden hat. Die späteren Evange­listen können dann Geschichten erzählen und sie ausschmücken. 

Wie reagieren die Jünger auf die Erfahrung des leeren Grabes ?
Sie ringen auch darum, es zu verstehen. Sie brauchen auch noch Zeit. Ich möchte das Vermögen, verstehen oder nicht ver­stehen zu können, nicht an den Geschlechtern festmachen. Gender hat eine ausge­prägte Metaphorik. So können Frauen für die Zivil­bevölkerung stehen, für Zion, Jerusalem, das wieder aufstehen wird. Männer stehen oft für Helden, Soldaten, Kriegsfiguren. Das hat nur bedingt mit den realen Männern zu tun. Das Verstehen der Frauen und das Unver­ständnis der Männer könnte darauf hindeuten, dass man denen den Vorzug gibt, die aufbauen und Leben geben, und nicht denen, die kämpfen und herrschen wollen. 

Wie kann man sich die Erfahrung, die die Evangelien mit « Auferstehung » umschreiben, vorstellen ?
Auferstehung ist keine Zauberei, durch die Tote wieder physisch lebendig werden. Aber man kann die Angehörigen, die man verloren hat, mitnehmen auf seinem Weg. Man kann wahrnehmen, dass sie nicht einfach verscharrt sind, sondern bei uns sind. Man kann sie singen hören, wenn man in der Gemeinde singt. Man kann ihre guten Kräfte mitnehmen. Das ist eine wichtige Erfahrung. 
Und wenn man selbst halb tot und traumatisiert ist, bedeutet Auferstehung, dass es einen Weg, eine Zukunft gibt. « Geht nach Galiläa », sagt der junge Mann im Grab. Die Menschen in den Evangelien beginnen, wieder zu leben, sich aufzurichten, zu essen, sich zu bewegen, zu sehen, zu verstehen. Sie werden wieder lebendig (Lk 7,22). Nach dem Krieg ist es das Wichtigste, dass man wieder leben­dig wird, dass aus einer versprengten Schar von verängstigten, traumatisierten Über­lebenden wieder eine Gemeinschaft wird. Ich denke, dass diese Erfahrung von Auferstehung auch für uns heute von grosser Bedeutung ist. Es ist wichtig, dass wir nicht verängstigt sind von den schlimmen Nachrichten und geopolitischen Entwick­lungen, sondern dass wir uns gegen Gleich­gültigkeit und Hass wehren, dass wir aufstehen und am Kost­barsten festhalten, das uns geschenkt wurde : an der Gotteben­bildlichkeit. Wir lassen uns nicht teilen und gegeneinander aufhetzen. Wir leben, wir halten am von Gott gewollten vollen Leben fest und nicht an einem Rinnsal, das übrig bleibt, nachdem alle Mächtigen sich bedient haben. 

Welche Rückschlüsse lassen sich durch die Auferstehungserzählungen auf die Bedeutung von Frauen in der Jüngerschaft Jesu ziehen ?
In der frühen Jesusbewegung und in den frühen christlichen Gemeinden sind Frauen und Männer ziemlich gleichberechtigt unter­wegs gewesen. Sie begegneten sich auf Augen­höhe. Das zeigt sich deutlich in den Paulusbriefen. Um etwa 100 n. Chr. verloren die Frauen an Einfluss, was in den unechten Paulus­briefen (z. B. in den Briefen an die Epheser, Timotheus und Titus) zum Ausdruck kommt.
Je mehr sich die christlichen Gemeinden mit dem Römischen Reich verbunden haben, desto weniger hatten Frauen etwas zu sagen. Je mehr sie in der jüdischen Kultur verwurzelt geblieben sind, desto mehr konnten sie in den Gemeinden mitwirken. 

Im Johannesevangelium steht Maria von Magdala im Mittelpunkt der Auferstehungserzählung. Warum wird sie so hervorgehoben ?
Bei Johannes findet sich die Besonderheit, dass Themen über eine einzelne Person behandelt werden, die dadurch besonders hervorgehoben wird. Das kann auch ein Jünger sein. Beim Thema Auferstehung ist es die Magdalenerin. Sie repräsentiert das Schicksal der Zivilbevölkerung im und nach dem jüdisch-römischen Krieg. Doch sie lässt sich nicht beugen, wie die Sieger­macht es wollte, sondern hält an ihrem Gott fest. Die Magdalenerin ist eine kraftvolle Widerstandsfigur, ein Einspruch gegen die Sieger.

Der Apostel Paulus schreibt : « Er ist begraben worden und am dritten Tag auferweckt worden, nach der Schrift, und ist dem Kephas (= Petrus, Anm. d. Red.) erschienen, dann den Zwölfen. Danach ist er mehr als fünfhundert Brüdern auf einmal erschienen » (1 Kor 15,4-6). Wie kommt es, dass hier die Frauen nicht erwähnt werden ?
Erstens bedarf es einer Präzisierung des griechischen Begriffs « adelphoi ». Er bedeutet « Geschwister » und nicht nur « Brüder ». Unter Geschwister verstehen wir Schwestern und Brüder. « Adelphos » weist auf die gemeinsame Gebärmutter hin, nicht auf das Geschlecht der Kinder.

Und zweitens ?
Die Formulierung « Kephas und dann den Zwölfen » klingt so, als ob Petrus nicht zu den Zwölf gezählt würde, sondern separat steht. Aber wir sollten nicht so pingelig sein, sondern den grossen biblischen Bogen sehen. Zwölf ist eine biblische Zahl. Sie wird mit den zwölf Söhnen Jakobs und den Stämmen Israels verbunden. Stämme waren Grossfamilien, zu denen immer auch Töchter, Schwiegertöchter, Gross­mütter, Tanten usw. gezählt haben. Wir dürfen sie nicht nur männlich verstehen. Die Zahl Zwölf steht stets für das Ganze. Darum auch zwölf Sternzeichen, zwölf Monate – der ganze Himmelskreis, das ganze Jahr. 
Zur Zeit des Paulus hat es nur noch zwei Stämme gegeben. Dennoch hat er die Vor­stellung der Ganzheit Israels mit zwölf verbunden. Die junge Kirche hat immer wieder versucht, « die Zwölf » mit Namen bedeutender Männer zu verbinden. Allerdings stimmen die verschiedenen Namens­listen in den Evangelien nicht miteinander überein, was zeigt, dass diese Namen nicht ganz so wichtig waren. Somit ist die Aussage des Korintherbriefs offen dafür, dass der Auferstandene Frauen und Männern aus dem ganzen Jüngerkreis erschienen ist. 

Warum wird Maria von Magdala bei Paulus nicht erwähnt ?
Paulus hat seine Briefe vor dem römisch-jüdischen Krieg verfasst. Maria von Magdala gewinnt erst nach diesem Krieg mit dem Massaker von Magdala für die christlichen Gemeinden an Bedeutung. 

26.3.2026, Interview : Detlef Kissner

Luzia Sutter Rehmann und Ulrike Metternich bieten den Podcast «Feministische Bibelgespräche» an.

Kirchenfenster der Kirche St. Anna im englischen Lewes zeigt di drei Frauen, die Jesu Grab leer finden und dem Jüngling begegnen, dargestellt als Engel
Quelle: Antiquary/WikiCom
Die drei Frauen begegnen dem Teenager, der oft als Engel dargestellt wird (Kirche St. Anne im englischen Lewes).

 

Fenster im Strassburger Münster: Maria von Magdala hält den Auferstandenen für einen Gärtner
Quelle: Detlef Kissner
Fenster im Strassburger Münster: Maria von Magdala hält den Auferstandenen für einen Gärtner (Joh 20,11-18).

 

Porträt von Prof. Dr. Luzia Sutter Rehmann
Quelle: zVg
Prof. Dr. Luzia Sutter Rehmann, reformierte Theologin

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