Über die Frauen unter dem Kreuz

Die Evangelien erzählen von vielen Menschen, die Jesus als Hoffnungsträger begeistert feiern. Bei seiner Kreuzigung wird es aber still um ihn. Nur ein paar Frauen aus seinem Kreis trauen sich noch, ihm nahe zu sein. Wer sind diese Frauen und welche Bedeutung haben sie für den christlichen Glauben ? Luzia Sutter Rehmann, Titularprofessorin für Neues Testament an der Universität Basel, gibt Einblicke in die Passionserzählungen.

Welche Rolle hatten Frauen in der jüdischen Gesellschaft zur Zeit Jesu inne ?
Das ist eine grosse Frage, weil es ja ganz unterschiedliche jüdische Gesellschaften in den verschiedenen Ländern und Provinzen zur Zeit Jesu gab. Man kann aber sagen, dass jüdische Frauen oft lesen konnten, ihre Bildung war eher besser als diejenige der nicht jüdischen Frauen. Sie wurden angehalten, die Schriften zu kennen. Sie mussten wissen, wie man den Haushalt führt, Kinder erzieht, Reinheitsgebote beachtet, und ihr Wissen mussten sie an ihre Töchter weitergeben können. Christliche Frauen hingegen wurden in der römischen Staatskirche ab dem 3. Jahrhundert zurückgebunden. Es war alles andere als eine gleichberechtigte Gesellschaft, aber für Frauen war doch einiges möglich gewesen.

Gehörten auch Frauen zur Jüngerschaft Jesu ?
Ja. In den Paulusbriefen – den ältesten Zeugnissen der Jesusbewegung – kommen Frauen wie Phoebe vor, die Gemeindeleiterin waren, oder die Apostelin Junia. In den Evangelien finden sich auch viele Frauengeschichten, deren Bedeutung zum Teil leider verkannt wird. Doch im Markus-evangelium wird zu Beginn von der Heilung der Schwiegermutter des Petrus erzählt. Sie ist die erste Person überhaupt, die aufersteht. Und gegen Ende des Evangeliums sehen Frauen die Kreuzigung. Von ihnen heisst es, dass sie Jesus von Anfang an nachgefolgt sind und ihm gedient haben. « Nachfolgen » und « dienen » sind die beiden charakteristischen Verben für die Jüngerschaft. Das Markusevangelium spannt also einen Bogen von der Schwiegermutter am Anfang, in Galiläa, bis zu der Frauengruppe der Kreuzigungsszene. Auch sie werden Galiläerinnen genannt. Diese Frauen waren durchgehend immer dabei. Sie haben mit dem Kerngeschehen der Jesusbewegung zu tun.

Welche Bedeutung kommt diesen Frauen unter dem Kreuz im Markusevangelium zu ?
Es sind Augenzeuginnen, also auch Zeuginnen für den ganzen Weg, weil betont wird, dass sie von Anfang an nachgefolgt sind. Damit werden sie zu Quellen des Evangeliums, des Weges und der Botschaft Jesu. Bei der Kreuzigungsszene heisst es, dass die Frauen « gesehen » haben. Das wird im Griechischen durch drei verschiedene Verben ausgerückt, die sich im Deutschen kaum differenzieren lassen. Sie haben nicht nur gesehen, sie haben auch zutiefst verstanden, und sie hatten eine theologische Sicht, eine Vision. Ihnen wurde klar, was mit der grausamen Kreuzigung geschieht, dass Gott nicht eingreift und dennoch präsent ist, dass Gott auch am Kreuz hängt mit dem Gekreuzigten, dass er sich nicht von seinem Volk trennt, sondern mitleidet. Es ist ein vielschichtiges Sehen. Die Frauen haben voll erfasst, was sich menschlich, politisch und theologisch ereignete. 

Und wo waren die Männer aus der Gefolgschaft Jesu ? Warum standen sie ihrem Meister nicht bei ?
Sie hatten offensichtlich Angst. Die Frauen unter dem Kreuz hatten sicher auch Angst, aber sie standen trotzdem dort. Ich möchte diesen Umstand aber nicht biologistisch deuten. Frauen sind nicht die besseren Menschen als Männer. Es gab vermutlich auch Jüngerinnen, die der Kreuzigung fernblieben. Und man weiss ja nicht, wie es um den eigenen Mut stehen würde, wenn es hart auf hart kommt. 

Alle Evangelisten ausser Lukas erwähnen Maria von Magdala als treue Gefährtin unter dem Kreuz. Was sagt das über ihre Bedeutung aus ?
Ich halte sie für die wichtigste Jüngerin. Sie hat eine grosse Bedeutung, was wir auch daran sehen, dass sie die Frauen unter dem Kreuz anführt. Es ist wichtig, dass wir das Markusevangelium historisch in seine Zeit einbetten. Es wurde kurz nach dem römisch-jüdischen Krieg geschrieben. Um 70 n. Chr. ist Jerusalem total zerstört worden. Während des Krieges ereigneten sich bei Magdala zwei schlimme Massaker. Auf dem See sind 6'500 Soldaten und vor der Stadt 30'000 Bewohnerinnen und Bewohner niedergemetzelt worden. Der Name der Stadt steht für diese grauenvollen Ereignisse, ähnlich wie heute Städtenamen (z. B. Auschwitz) für Gräueltaten stehen. Mit der Figur der Magdalenerin werden Erinnerungen daran wachgerufen. Darum ist es wichtig, dass sie unter dem Kreuz steht. Es bedeutet, dass das Leiden der Zivilbevölkerung ganz nah zu Jesus und zum Kreuz gehört. In Magdala sind bildlich gesprochen alle gekreuzigt worden wie er.

Welche Bewandtnis hat es, dass die Frauen nochmals beim Begräbnis Jesu erwähnt werden ?
Es sind wieder die Frauen, die sehen, was geschieht, wo der Leichnam hingelegt wird. Nur deswegen können sie das Grab später auch aufsuchen. Sie verfolgen den Weg Jesu über seinen Tod hinaus, suchen seine Spuren und werden zu Botinnen für das neue Leben. Diese Notiz der Grablegung gewährleistet, dass der Weg nicht abbricht und ihre Solidarität weiterführt.

Wie lassen sich diese Erzählungen von den Frauen beim Kreuz Jesu historisch bewerten ? Waren die Frauen wirklich dort oder stehen sie für etwas anderes ?
Ich würde diese beiden Ebenen nicht trennen. Die Figuren in den Texten haben neben der individuellen Aussage oft eine metaphorische Ebene. So steht die Schwiegermutter des Petrus etwa für Mutter Zion, die am Boden liegt. Von ihrer Auferstehung zu erzählen, ist darum auch eine politische Aussage : Auch wenn die Römer gesiegt haben, bleibt Zion nicht am Boden liegen. Es wird eine Zukunft geben für das geschundene Land. Das Gleiche gilt für die Frauen unter dem Kreuz. Die Jüngerinnen lassen den Verurteilten nicht los, sie bleiben bei ihm und riskieren, selbst verhaftet zu werden. Auf der metaphorischen Ebene stehen sie für die Zivilbevölkerung, die ihr Ziel, ihre Vision nicht aus den Augen lässt. Sie halten an dem fest, was ihnen kostbar ist.

Interview : Detlef Kissner, 16.03.2026

Prof. Dr. Luzia Sutter Rehmann
Quelle: zVg
Prof. Dr. Luzia Sutter Rehmann

 

 

Bild von Edwin Austin Abbey : « Three Marys », um 1906
Quelle: Wikimedia Commons
Die Mutter Jesu, ihre Schwester und Maria von Magdala erleben die Kreuzigung Jesu: Bild von Edwin Austin Abbey : « Three Marys », um 1906

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