Wie in Zeiten der Trauer der Glaube helfen kann

Die Brandkatastrophe in Crans-Montana hat die Rettungskräfte herausgefordert. Neben Polizei, Feuerwehr und medizinischem Fachpersonal leisteten auch Seelsorgende Sonder­einsätze. Einer von ihnen war der Pater Pablo Pico aus dem Walliser Pastoral­raum Noble et Louable, zu dem auch die Pfarrgemeinde Crans-Montana gehört. Er berichtet von seinen Erfahrungen mit verzweifelten Menschen am Ort der Katastrophe. Sein bewegendes Interview macht deutlich, wie sehr die Religion die Not von verzweifelten Menschen lindern kann.

Pater Pablo Pico, was haben Sie empfunden, als Sie im Kongresszentrum ankamen ?
In erster Linie Mitgefühl für die verzweifel­ten und trauernden Familien, die auf Nachrichten über ihre Kinder warteten. Diese Ungewissheit verstärkte den Schock des Dramas noch. Die Nachrichten kamen nur spärlich. Die Familien verbrach­ten diese vier Tage an diesem Ort und warteten darauf zu erfahren, ob ihr Kind noch lebte, und – falls es überlebt hatte – wo es sich befand und wie es ihm ging. Da war die immense Traurig­keit des Dramas und gleichzeitig die Hoffnung auf Überleben. Man befindet sich zwischen Leben und Tod. Ein menschliches « Niemandsland », das ich wie ein österliches Triduum Sacrum erlebt habe, die heiligen Tage in Erwartung des Osterlichts. Wie ein langer Karfreitag ohne das Licht von Ostern.

Wie haben die Familien auf Ihre Anwesenheit reagiert ?
Die Menschen waren in Not. Sie sehnten sich nach Worten der Hoffnung, nach einer Zeit des Gebets. Sie mussten reden, sie mussten verstehen. Die Menschen klammerten sich an den Glauben, wandten sich Gott zu, selbst diejenigen, die sich nicht als gläubig bezeichneten oder die sich nicht für den Glauben interessierten. Das war ihre einzige Hoffnung. Ein Familien­vater sagte mir : « Wir durchleben eine Todes­qual. » Das Wort ist ziemlich aussagekräftig. Es gab die Ankündigung des Dramas, zu der noch die lange Ungewissheit hinzukam. Die Menschen beteten spontan, es war ihnen wichtig, diese Prüfung und ihre Angst im Gebet niederzulegen. Ich hatte erwartet, dass die Menschen empört und wütend auf Gott sein würden, aber zu meiner Über­raschung war das nicht der Fall. 

Was haben Ihnen die Menschen erzählt ?
In den meisten Fällen brachten Eltern ihren Glauben zum Ausdruck. Andere wollten sich nicht auf spiritueller Ebene äussern, aber es war für sie tröstlich und wichtig, ihre Geschichte zu erzählen.

Es ging eher ums Zuhören als ums Reden ?
Wie Bischof Jean-Marie Lovey sagte, gibt es keine Worte, um diese Prüfung zu beschreiben. Eine Mutter kam zu mir und bat mich um ein Wort aus der Bibel, einen Satz der Hoffnung. Ich hatte keine Worte, aber ich beschwor das Bild des Stabat Mater (die Mutter stand) : Maria am Fusse des Kreuzes, die ihren unschuldigen Sohn sieht, wie er gefoltert wird und stirbt. Das haben diese Eltern erlebt. Ich schlug dieser Mutter vor, um den Trost der Jungfrau Maria zu bitten, die das Gleiche erlebt hat. 

Auch viele junge Menschen kamen ins Zentrum.
Es handelte sich um Augenzeugen des Brandes oder um junge Menschen, die « wie durch ein Wunder » entkommen konnten, wenn ich so sagen darf. Einige hätten zum Zeitpunkt des Unglücks in der Bar sein sollen, waren aber aus irgend­einem Grund nicht dort. Sie empfanden eine gewisse Schuld und Unverständnis. Sie mussten auch über die Bilder, die sie gesehen hatten, sprechen. Überlebende, einige mit leichten Verbrennungen, konnten ihre Dankbarkeit dafür ausdrücken, dass sie verschont geblieben waren, und gleich­zeitig ihre Trauer für diejenigen, die dieses Glück nicht hatten.

Konnten Sie Abstand halten ?
Ja, aber das ist nicht einfach. Durch die Nähe fühlt man sich direkt betroffen. Ich konnte mit den weinenden Familien weinen. Es gibt keine Worte dafür. Sie sehnten sich nach einer Präsenz, nach einer Zeit des Gebets. Vor allem die Familien hatten das Bedürfnis zu sprechen.

Haben Sie die vier Tage im Kongress­zentrum verbracht ?
Nein, ich bin abends in die Pfarrei zurück­gekehrt, nachdem ich den Tag in Crans-Montana verbracht hatte. Bevor ich schlafen ging, habe ich jede einzelne Familie dem Allerheiligsten anvertraut.

Wie haben Sie den vierten Tag erlebt, als im Zentrum alles vorbei war ?
Mit einer gewissen Erleichterung, die auch die Familien teilten, aber auch mit grosser Traurigkeit. Trotz der Todesmeldung waren sie auf das Schicksal ihres Kindes fixiert : « Jetzt wissen wir Bescheid, jetzt können wir es sehen. » Das war ein Trost für viele Eltern, die die sterblichen Überreste ihres Kindes ein letztes Mal sahen und mit der Trauer beginnen konnten.

Wie gehen Sie mit diesen Erfahrungen um ? Können Sie darüber reden ?
Ich möchte mich auf externe Hilfe stützen, um ein offenes Ohr und einen Blick von aussen auf dieses Drama zu bekommen. Ich konnte mich mit Mit­arbeitern der Krankenhausseelsorge im Kongress­zentrum austauschen. Wir haben uns bereits spontan über das Gesagte und Erlebte ausgetauscht. Aber das reicht nicht aus.

Könnte die zukünftige spirituelle Begleitung eine andere Form annehmen ?
Ein Familienvater erzählte mir, dass er jedes Jahr mit seiner Familie nach Crans‑Montana kam. Dieser Ort ist mit vielen Erinnerungen an gemeinsame Ferien mit seinem einzigen Sohn verbunden. Es ist sehr schmerzhaft, mit diesen Erinnerungen zu leben. Alles an diesem Ferienort erinnert sie daran. Sie wünschen sich eine Feier in einer Kapelle in Crans‑Montana, später, im Frühjahr. Sie werden das brauchen, um trauern zu können. Es wird eine langfristige Beglei­tung geben. Nicht mit allen Familien, das wird nicht möglich sein.

Bernard Hallet, 2.2.2026

Pater Pablo Pico
Quelle: zVg
Pater Pablo Pico

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