Individuell gefertigt und wasserlöslich
Nathalie Heid stellt im Berner Länggassquartier Urnen her, die nicht gebrannt werden und im Wasser zergehen. Die Idee der Wasserurnen kam der Keramikerin, als sie selbst den Verlust eines Menschen betrauerte.
Standhaft, stolz, fein, scheu. So beschreibt Nathalie Heid ihre Urnen. Sie sind aus einer Mischung aus Kaolin, Kalifeldspat und Quarz gefertigt und werden nicht gebrannt. Dadurch sind sie an der Luft zwar stabil, im Wasser lösen sie sich aber auf. Als feiner weisser Staub werden die sogenannten Wasserurnen weggeschwemmt. Ein bis zwei Stunden dauert das. Zeit, in der die Hinterbliebenen Abschied nehmen können.
Ungefähr drei Wochen lang arbeitet Heid an einer Urne. Viele ihrer Kundinnen und Kunden wünschen sich, in den Herstellungsprozess involviert zu sein. Manche helfen beim Formen der Urne mit, manche bringen Erde aus dem Garten der verstorbenen Person oder von einem Ort, der ihnen wichtig war. Die Erde arbeitet Heid in den Ton der Urne ein. Die individuelle Färbung der jeweiligen Erden oder Mineralien, zusammen mit dem cremefarbenen Weiss der Lehmerden, verleiht den Urnen ihren Charakter.
Jede Urne ist ein Unikat
Ungefähr ein Dutzend verschiedene Formen zieren die Regale in Nathalie Heids Atelier. Trotz der Gemeinsamkeiten der Urnen, den geschwungenen schlichten Formen, der glatten kreideartigen Oberfläche, ist jede ein Unikat. Sie entscheide spontan, wie die Urne aussehen werde, sagt Heid.
Die ausgebildete Keramikerin stellt zwei Exemplare auf den Tisch : Auf den ersten Blick scheinen sie gleich. Dann stösst Heid eine davon an, und die Urne schwingt leicht hin und her. Zwei Frauen haben sie kürzlich für ihre verstorbene Freundin gekauft. Ausgewählt hatten sie diese Urne gerade aufgrund ihres Charakters. Ihre Form, ihre Leichtigkeit und Beweglichkeit hätten sie an ihre verstorbene Freundin erinnert, berichtet Heid. So ginge es vielen Kundinnen und Kunden. Viele wünschten sich, dass die Urne dem Wesen der Person entspreche, für die die Urne bestimmt sei.
Diesem Anspruch werden auch die Steinurnen gerecht, eine andere Version von Urnen, die Heid regelmässig gestaltet. Auch diese Urnen bestehen aus diversen Tonerden und nicht etwa aus Stein. Heid gestaltet sie aber entlang eines Steins, des « Muttersteins », wie sie ihn nennt. In ihrem Atelier finden sich verschiedene Steine, manche kieselgross, manche faustgross.
Die Kundinnen und Kunden können einen Stein auswählen oder auch einen eigenen Stein mitbringen. Entlang des Muttersteins modelliert Heid eine Urne : Sie reproduziert die Form, die Musterung, die Farben. Mittels Intarsientechnik modelliert sie mineralische Adern, die jedem Stein sein individuelles Aussehen verleihen. Das Endprodukt sieht dem Mutterstein zum Verwechseln ähnlich. In den Fluss gesetzt, sieht die Urne aus wie einer von vielen anderen Flusssteinen – bis auch sie sich langsam in der Strömung auflöst.
Ein unkomplizierter Umgang mit dem Tod
Angefangen hat Nathalie Heids Idee der Wasserurnen genau so : mit einer Bestattung im Fluss. Ein Freund von ihr war 2009 verstorben. Der Freundeskreis habe sich lange überlegt, wie der Abschied gestaltet werden solle. Sie sei doch Keramikerin, habe eine Freundin plötzlich eingeworfen, ob sie nicht eine Urne gestalten möchte – so habe die Idee Form angenommen. Heid töpferte die erste Urne, gemeinsam nahm der Freundeskreis an der Aare Abschied vom Verstorbenen. Heid weiss also selbst, was diese Form des Abschiednehmens auslöst : « Das Ritual lässt zu, sich Zeit zu nehmen, und es ist eine festliche Form des Abschieds. »
Heid weiss auch, was die Menschen bewegt, die zu ihr kommen, um eine Urne zu bestellen. Oft sind es Freundinnen oder Partner der verstorbenen Person, manchmal sind es auch Menschen, die ihre eigene Urne bestellen. Mit einem älteren Paar verbindet sie bereits eine jahrelange Bekanntschaft. Beide haben ihre Urne bei ihr bestellt, sie bewahren sie zu Hause auf, im Wissen darum, dass sie darin einmal ihre letzte Reise antreten werden. Manchmal trifft sie die beiden im Quartier, dann wechseln sie einige Worte ; manchmal meinen beide scherzhaft, dass es nun mal langsam Zeit würde. Einen unkomplizierten Umgang mit dem Tod, den habe sie die Gestaltung der Urnen auch gelehrt, so Heid. « Die Beschäftigung damit, wie man bestattet werden möchte, nimmt vielen Menschen auch die Hemmung, die die Auseinandersetzung mit dem eigenen Ende heute oft auslöst. »
Abschiednehmen als Prozess
Der Abschied als Prozess, das steht bei Nathalie Heid und ihren Wasserurnen im Zentrum – von der Gestaltung und der Auswahl der Urne bis zum langsamen Verschwinden im Wasser. Den Menschen, die ihre Urnen kauften, sei es wichtig, den Abschied individuell zu gestalten, die Person, von der sie Abschied nehmen, noch einmal zu spüren. Und : die Person einem Kreislauf zurückzugeben.
Gerade heute, wo klassische Formen der Beerdigung in den Hintergrund treten, wünschen sich viele Menschen neue Trauerrituale, die auch Raum bieten für schöne Erinnerungen, meint Heid. Der Abschied von ihrem Freund sei nicht nur traurig gewesen, erinnert sie sich. Die Freundinnen und Verwandten des Verstorbenen hätten gemeinsam an der Aare gesessen, angestossen und Erinnerungen ausgetauscht, gemeinsam gelacht und geweint. Und der Urne zugeschaut am Beginn ihrer Reise den Fluss hinunter.
Sebastian Schafer, 13.07.2026
Dieser Text erschien zuerst im « pfarrblatt » Bern.
Nathalie Heid
Steinurne
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