Der Thurgauer Ferdinand Jäger diente zwei Jahre in der Schweizergarde
Wer an die Schweizergarde denkt, sieht bunte Uniformen und reglose Männer mit Hellebarden. Ferdinand Jäger weiss : Hinter der Fassade steckt deutlich mehr als ein Postkartenmotiv. Am 6. Mai werden die neuen Schweizergardisten in Rom vereidigt. Gast ist in diesem Jahr der Kanton Thurgau. « Diesem bietet sich die Chance, sich einem breiten und internationalen Publikum zu präsentieren », sagt der ehemalige Schweizergardist Ferdinand Jäger.
Traditionell werden in Rom die neuen Schweizergardisten am 6. Mai vereidigt. Ferdinand Jäger, welche Erinnerungen haben Sie an Ihre eigene Vereidigung und die Vorbereitungen darauf ?
Die Zeit vor der Vereidigung ist sehr intensiv, sowohl körperlich als auch spirituell. Am Tag der Vereidigung wird man früh aus dem Bett getrommelt, im wahrsten Sinne des Wortes, von den Tambouren des Gardespiels. Als Erstes geht man zur Messe im Petersdom und danach ist alles eng getaktet. Es gibt Gespräche mit dem Kommandanten, Treffen mit der Familie und Fototermine. Man ist fast etwas gestresst und kann es nur bedingt geniessen. Die eigentliche Vereidigung am Nachmittag ist dann der Höhepunkt. Die letzten Minuten davor verschwimmen fast, weil man so konzentriert ist. Der Schwur selbst dauert vielleicht 20 Sekunden und danach denkt man : Das ging jetzt aber schnell !
Viele sehen die Schweizergarde als Mischung aus Mythos und Postkartenmotiv. Wie war Ihre Realität ?
Das hängt stark vom Einsatzort ab. An den Eingängen steht man oft still und wirkt eher « dekorativ ». Dort fühlt man sich manchmal tatsächlich ausgestellt. In anderen Bereichen leistet man echte Sicherheitsdienste. Unabhängig vom Posten bleibt man aber immer im gleichen Mindset : Es kann jederzeit etwas passieren.
Was schätzen Sie: Wie oft wurden Sie in Ihrer Dienstzeit fotografiert? Und hat Sie das irgendwann genervt ?
Das kann ich gar nicht zählen, wahrscheinlich Tausende Male. Genervt hat es mich eigentlich nie. Die Leute sind interessiert, für viele ist das ein Highlight. Störend wird es nur, wenn Regeln nicht respektiert werden, etwa wenn Leute Absperrungen ignorieren. Das kann die Arbeit behindern.
Was geht einem durch den Kopf, wenn man stundenlang Wache steht ?
Jeder entwickelt seine eigene Strategie. Ich bin oft Lieder oder Gedichte im Kopf durchgegangen. Andere beten den Rosenkranz. Wir hatten einen Gardisten, der ist in Gedanken Schachpartien oder einzelne Spielzüge durchgegangen. Das Ganze hat etwas Meditatives, gleichzeitig muss man immer aufmerksam bleiben. Es ist eine Balance zwischen Meditation und Wachsamkeit.
Gab es Situationen, in denen Sie wirklich eingreifen mussten ?
Die meisten Fälle sind harmlos, beispielsweise Pilger, die emotional sehr aufgeladen sind und denken, sie könnten den Papst persönlich treffen. Auf die muss man beruhigend einwirken. Dann gibt es auch Menschen am Rand der Gesellschaft, die unberechenbarer sein können. Oft lassen sich Situationen mit Gesprächen lösen. Ich hatte zwei brenzlige Situationen mit Personen, die wir festhalten mussten, und einmal kam Pfefferspray zum Einsatz. Meine Schusswaffe musste ich zum Glück nie einsetzen.
Wie nahe kamen Sie dem Papst im Alltag ?
Als Gardist hat man deutlich mehr persönliche Momente mit dem Papst als die meisten Menschen. Wir sehen ihn morgens und abends, teilweise in ganz normalen Situationen. Dabei kommt es zu ganz alltäglichen Gesprächen. Papst Franziskus hat mich einmal gefragt, wie ich mit meinem Italienisch vorankomme und hat mich ein paar Vokabeln abgefragt. Selbst versuchte er, sich die Namen jedes Gardisten zu merken und ihn mit Namen anzusprechen.
Zurück zu Ihrer Funktion als Gardist. Wie viel ist dabei Zeremonie und wie viel Sicherheitsarbeit ?
Beides gehört dazu. Unter dem Strich ist es mehr Sicherheitsarbeit, sogar ein 24 / 7-Job. Es gibt Phasen, in denen man zwei Wochen am Stück arbeitet, ohne wirklich frei zu haben. Dazu kommt fast jeden Tag ein zeremonieller Teil.
Wie hart war die Ausbildung ?
Sie ist körperlich sehr anspruchsvoll, man trainiert sechs Tage pro Woche. Es ist vergleichbar mit der RS. Allerdings ist die Motivation eine andere, weil alle freiwillig dabei sind. Das macht viel aus.
Es ist seit Langem bekannt, dass die Schweizergarde eine neue Kaserne benötigt. Baubeginn soll im kommenden Jahr sein. Wie waren Sie untergebracht ? Muss man sich das wie in einem mittelalterlichen Schloss vorstellen ?
Nein, es ist überhaupt nicht wie im Mittelalter. Die Zimmer sind renoviert und die Situation ist vergleichbar mit der in einer Militärkaserne. Allerdings hat man keine Achterzimmer. Normalerweise sind es Zweier- oder Dreierzimmer. Zudem darf man sein Zimmer nach den eigenen Wünschen gestalten und dekorieren. Die Sanitäranlagen teilt man sich gemeinschaftlich.
Wenn Sie einen Film machen würden über einen Tag eines Gardisten in Rom, welche Szene würde am meisten überraschen ?
Der Wechsel zwischen den Rollen. Man steht in Uniform vor dem Petersdom, wird fotografiert und kurze Zeit später sitzt man in Zivil im Restaurant neben genau diesen Leuten, die einen vorher noch fotografiert haben, ohne dass diese es merken.
Hat die Zeit in Rom Ihre Sicht auf Religion oder Macht verändert ?
Mein Bezug zum Glauben hat sich eher vertieft. Man sieht Menschen aus aller Welt, die für ihre Überzeugung viel auf sich nehmen. Das ist sehr beeindruckend. Was die Machtstrukturen angeht, ist es spannend zu sehen, wie dieser Mikrostaat Vatikan funktioniert. Grundlegend verändert haben die Erfahrungen meine Haltung allerdings nicht.
Derzeit studieren Sie Security Studies in Den Haag, sind dem Thema Sicherheit also treu geblieben. Was nehmen Sie sonst aus Ihrer Zeit in Rom mit ins weitere Leben ?
Sehr viele Erfahrungen, gute wie schwierige. Auch im Studium kann ich vieles mit der Praxis vergleichen. Was einem ebenfalls bleibt, sind Eigenschaften wie Disziplin, Pünktlichkeit und Durchhaltevermögen.
Der Moment, in dem Sie die Uniform zum letzten Mal ausgezogen haben, was überwog da bei Ihnen, eher Wehmut oder Erleichterung ?
Beides. Man freut sich, dass es geschafft ist, aber im letzten Moment überwiegt die Wehmut. Ich habe mich schon gefragt, ob ich nicht noch ein Jahr hätte anhängen sollen.
Bleibt man ein Leben lang Gardist ?
Im Kopf auf jeden Fall. Die Freundschaften bleiben, und man bleibt immer mit dem Vatikan verbunden. Ich reise selbst immer wieder nach Rom, auch für die anstehende Vereidigung der neuen Gardisten.
Was würden Sie jemandem raten, der zur Schweizergarde möchte ?
Ich würde empfehlen, davor unbedingt mit einem ehemaligen Gardisten zu sprechen. Man muss sich bewusst sein : Es ist nicht nur ein Abenteuer, sondern auch sehr anstrengend und fordernd. Man stösst an persönliche Grenzen, aber genau daran wächst man wiederum. Es gibt wenige Tätigkeiten, in denen man in jungem Alter die Chance hat, solche Verantwortung zu tragen. Es gibt schwierige Tage, die vergisst man allerdings schnell. Es bleiben vor allem die vielen schönen und eindrücklichen Erlebnisse, die man fürs Leben mitnimmt.
23.4.2026, Ralph Weibel, forumKirche
«Tapfer und treu»
Die Päpstliche Schweizergarde wurde 1506 von Papst Julius II. gegründet, der Schweizer Söldner wegen ihres guten Rufes als besonders diszipliniert, tapfer und loyal anwarb. Ein prägendes Ereignis ihrer Geschichte ist der « Sacco di Roma », die Plünderung Roms nach dem 6. Mai 1527. Dabei verloren 147 Gardisten ihr Leben, um Papst Clemens VII. die Flucht zu ermöglichen.
Die Schweizergarde ist die älteste noch aktive militärische Einheit der Welt. Sie besteht ausschliesslich aus Schweizern. Ihr Wahlspruch « Acriter et fideliter » (Tapfer und treu) bringt ihren Auftrag und ihr Ethos zum Ausdruck.
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