Franz von Assisis Botschaften an die Menschheit
Nach Sonnenuntergang des 3. Oktobers vor 800 Jahren ist Franz von Assisi gestorben. In der katholischen Kirche wird sein Gedenktag am 4. Oktober gefeiert. Aus diesem Anlass hat forumKirche Bruder Dr. Niklaus Kuster, Kapuziner und Lehrbeauftragter für Spiritualität an der Universität Luzern, gefragt, welche Bedeutung Franz von Assisi für uns heute hat.
Warum spricht Franz von Assisi Menschen auch 800 Jahre nach seinem Tod noch an ?
Papst Franziskus, der sich als Jesuit den « Mystiker und Pilger » aus Assisi zum Vorbild erwählte, antwortet darauf in « Laudato si’ » mit einem wunderbaren Satz (LS 10) : « Franz ermutigt auch heute mit seiner Gottesfreundschaft, seiner Menschenliebe, seiner Schöpfungsliebe und seiner Selbstsorge. Seine Lebenskunst ist weltbejahend, ganzheitlich, geschwisterlich ohne Grenzen und zutiefst mystisch.»
Wie kann man eine Brücke schlagen von der Zeit von Franz von Assisi zu uns heute ? Die Wundmale Jesu, die er hatte, das Schlafen auf dem Steinboden resp. mit einem Stein als Kopfkissen sowie die fünf Fastenzeiten pro Jahr sind für uns etwas schwer nachzuvollziehen oder würden gar als gesundheitsgefährdend angeschaut werden.
Wer einen Menschen kennenlernen will, hört nicht einfach auf das, was andere über ihn sagen. Die zitierten Beispiele sind allesamt Fremdaussagen. Mittelalterliche Biografen präsentieren und stilisieren gerne asketische Helden ! Der reife Franz spricht mit grosser Liebe und geradezu zärtlich von seinem Leib, « das Zelt der Seele ». Wer pilgert und outdoor lebt, trägt dem verletzlichen Zelt Sorge, das ihm Geborgenheit schenkt. Die Stigmata (Wundmale) werden erst nach seinem Tod Thema und sind wohl überinterpretierte Hautflecken am Sterbenden. Die fünf « Fastenzeiten », die sich der kranke Bruder in den letzten Jahren gönnt, sind Phasen des Rückzugs in wunderschöne Berg-Eremitagen, und zwar im nasskalten Winterhalbjahr von November bis März und in den heissen Sommermonaten von Ende Juni bis Ende September. Sie stehen im Zeichen der Selbstsorge, der Freude an der Schöpfung und der Gottesfreundschaft in einem italienischen Wanderleben, das in diesen Monaten strapazierend wäre.
Welche seiner Botschaften ist heute aktueller denn je ?
Erneut hat es Papst Franziskus auf den Punkt gebracht : « fratellanza » – Geschwisterlichkeit ohne Grenzen ! Sie ist radikaler als die « fraternité » der französischen Revolution, denn jene war ein bürgerlich-politisches Programm, das sich mit politischer und militärischer Gewalt « exportieren » liess, so aggressiv wie später der Kommunismus. Die Geschwisterlichkeit von Franz gründet in seiner Gotteserfahrung, bezieht Menschen aller Kulturen ein und gilt selbst den Mitgeschöpfen. Religiös motiviert besingt Franz Gott als Vater und Schöpfer aller Lebewesen, folgt beherzt den Fussspuren Jesu, der uns Bruder geworden ist, und erfährt die Geistkraft auch in Menschen anderer Religion, weshalb er ermutigende Rundbriefe an « alle Menschen auf Erden » schreiben konnte. Im « Sonnengesang » wird die Schöpfung zur geschwisterlichen Mitwelt : Franz würde den Begriff Umwelt nie gebrauchen, weil dieser zu anthropozentrisch ist und die ganze Natur um den Menschen kreisen lassen will.
Worüber wäre er in der heutigen Zeit vermutlich tief erschüttert ?
Ökologisch leiden würde Franz an der Ausbeutung der Erde, der Vergiftung der Luft, der Verschwendung von Wasser und dem industriellen Umgang mit Tieren. Sozial betroffen wäre er über Fremdenfeindlichkeit und Gleichgültigkeit gegenüber neuen Formen der Exklusion in wohlhabenden Staaten. Wirtschaftlich inakzeptabel fände er den Hunger und die Armut in einer Welt, in der es genug Nahrung und Güter für ein gutes Leben aller Menschen gibt. Religiös fände er jede Form von Fanatismus, Intoleranz und Gewalt im Namen Gottes unerträglich. Die Religionen der Welt treffen sich denn auch in Assisi regelmässig, um gemeinsam für eine friedlichere, gerechtere und geschwisterliche Welt einzutreten. Sie tun es diesen Herbst erneut und zum fünften Mal auf höchster Ebene.
Warum war Armut für Franz von Assisi Freiheit und nicht Verzicht ?
Mit seiner Selbstenterbung verzichtet Franz durchaus auf vieles : das privilegierte Leben einer reichen Bürgerfamilie im Zentrum der Stadt, die politische Macht in der führenden Zunft, die berufliche Erfüllung und Beliebtheit als Modefachmann, rauschende Feste mit seinem Freundeskreis …
Sein Ausstieg aus diesem Leben war psychologisch zunächst ein Ausstieg aus der Egozentrik und der familiären Fremdbestimmung. Der Kaufmannssohn folgte dabei dem Rat Jesu an den Reichen in Mk 10 : « Löse dich von allem, was dich unfrei macht, verbinde dich mit Besitzlosen, gewinne innere Schätze und folge mir mit freien Händen ! » Der Weg zur Lebensfülle, von der Jesus spricht (Joh 10), braucht offene Augen, freie Hände und mutige Füsse. Sie führen vom Ich zum Du und zu einem neuen Wir. Jesus spricht von einem « hundertfachen » Gewinn (Mt 19).
Wann wird Besitz zur Last ?
Hausi Leutenegger antwortete auf diese Frage gegenüber Mona Vetsch im TV-Beitrag « Macht Verzicht glücklich ?» als Multimillionär und damit unverdächtig : Der wachsende Besitz sei mit einer Sorge verbunden, die ihn Tag und Nacht nie wirklich in Ruhe gelassen habe. Franz von Assisi sagte es seinem Bischof ähnlich. Indem der zuvor Privilegierte sich an die Seite der Mittellosen stellte und den Lebensunterhalt wie sie mit Gelegenheitsarbeiten bei Bauern und in der Stadt erwarb, baute er Brücken : zwischen Arm und Reich, zwischen Stadt und Land. Teilen verbindet, während Haben trennen kann. Und auch Gespräche über Lebens- und Glaubensfragen finden im gemeinsamen Arbeiten einen ganz anderen Boden als in Sprechzimmern von Pfarrhäusern.
Kann ein wohlhabender Mensch franziskanisch leben ?
Elisabeth von Thüringen und König Ludwig IX. von Frankreich zeigen bereits zu Franz von Assisis Zeiten, dass das möglich ist. Sie leben, von ihm inspiriert, den Spirit der Geschwisterlichkeit selbst als Fürstin und König – und setzen beide prophetische Zeichen.
Was bedeutet freiwillige Einfachheit in einer Konsumgesellschaft ?
Lassen Sie mich erneut mit Papst Franziskus antworten. Seine franziskanische Enzyklika « Laudato si’ » enthält dazu ökopraktische Kapitel. Zwei Zitate sollen hier Lust auf mehr machen : « Die christliche Spiritualität schlägt ein anderes Verständnis von Lebensqualität vor und ermutigt zu einem prophetischen und kontemplativen Lebensstil, der fähig ist, sich zutiefst zu freuen, ohne auf Konsum versessen zu sein. » – « Man kann wenig benötigen und erfüllt leben, vor allem, wenn man fähig ist, Freude an anderen Dingen zu entwickeln und in den geschwisterlichen Begegnungen, im Dienen, in der Entfaltung der eigenen Charismen, in Musik und Kunst, im Kontakt mit der Natur und im Gebet Erfüllung zu finden. Das Glück erfordert, dass wir verstehen, einige Bedürfnisse, die uns betäuben, einzuschränken, und so ansprechbar bleiben für die vielen Möglichkeiten, die das Leben bietet. » (LS 222–223).
Was verstand Franz von Assisi unter Frieden ?
Friede in die Welt zu tragen, wozu Jesus seine Jüngerinnen und Jüngern « in Dörfer und Städte » sandte, hat Franz als bleibende Sendung erkannt : in einer zerrissenen Welt, einer polarisierten Gesellschaft und einer Zeit der Bürgerkriege und Parteienkämpfe. Das kann allerdings nur, wer den Frieden in sich selbst trägt. Franz fand zu einem derart tiefen Frieden in sich, dass selbst wilde Tiere vor ihm keine Angst mehr hatten und dass er mitten im Fünften Kreuzzug durch seinen respektvollen Dialog mit der islamischen Welt bis in die heutige Zeit hinein zur Begegnung der Religionen ermutigt.
Wie ging Franz von Assisi mit Menschen um, die ihn verletzten ?
Indem er auch in ihnen Geschwister sah ! Seine Erzählung der « Wahren Freude » schildert die üble Behandlung durch einen Bruder, der mitten im Winter die erschöpften Brüder Franz und Leo bei ihrer Rückkehr nach Assisi abends aussperrt. Die Pointe der Geschichte : Der grösste Erfolg ist es, die Geduld nicht zu verlieren, auf aggressives Verhalten nicht aggressiv zu reagieren, sich nicht fremdbestimmen zu lassen und den inneren Frieden zu wahren, denn nur so bleibt ein Mensch in Freiheit handlungsfähig. Natürlich kann die Reaktion dann auch Konfrontation heissen. Geschwisterlichkeit schliesst Streitkultur mit ein !
Welche Bedeutung hat Vergebung im franziskanischen Leben ?
Im « Sonnengesang » sieht Franz von Assisi die schönste Stimme des Menschen im Chor der Geschöpfe darin, versöhnlich zu leben und Krankheit oder innere Strapazen ohne Hadern zu tragen. Er sieht darin die Liebe Gottes das menschliche Verhalten am eindrücklichsten prägen. « Per lo tuo amore » – « in der Kraft deiner Liebe » leben und handeln, das tun natürlich auch Verliebte mit spielerischer Phantasie. Doch drückt die geprüfte und strapazierte Liebe weit deutlicher aus, dass Menschen « friedfertige Töchter und Söhne Gottes » sind, wie es die Bergpredigt in den Seligpreisungen sagt.
Welches Gottesbild hatte Franz von Assisi?
Der junge Franz ist religiös unmusikalisch und steht in den städtischen Gottesdiensten vor einem fernen Gott. Der suchende Franz in Krise wendet sich an den « Lichtvollen über allem » und erhofft sich von ihm Erleuchtung. In San Damiano bringt ihm eine Christusikone den menschlichen, brüderlichen und liebevollen Gottessohn nahe. In seinen Fussspuren findet er seine neue Lebensform. Der Mystiker schaut auf zum väterlichen DU über allem, folgt im auferstandenen Christus dem göttlichen DU mit uns Menschen und erfährt die Geistkraft auch in jeder Person wirken. Inspiriert vom Islam, dichtet Franz 1224 ein eigenes Gebet mit seinen « schönsten Namen Gottes » . Ein Drittel dieser Namen ist weiblich und steht für die vielen Facetten der Geistkraft : « Du bist Liebe, Hoffnung, Freude, Ruhe, Kraft, Mut, Schönheit, zärtliche Zuwendung … »
Welche Rolle spielte Jesus für Franz von Assisi?
Der irdische Jesus zeigt ihm « Fussspuren » auf Erden, in denen Menschen einander Geschwister werden, Frieden säen und « Leben in Fülle » finden. Der Auferstandene zeigt ihm seine Nähe im Hören auf das Wort, im Brechen des Brotes, im Teilen mit Menschen und in der Solidarität zu Bedürftigen aller Art.
Was unterscheidet ihn von anderen Heiligen ?
Die Heiligen der monastischen Orden – von Wüstenvätern über Benedikt bis zu Nonnen wie Hildegard von Bingen – suchen Gottes Nähe in der Stille von Eremitagen oder Klöstern. Familienmenschen, die heiliggesprochen wurden, verdanken dies – leider Gottes – meist nicht ihrer Art, Partner- und Elternschaft zu leben : Bruder Klaus wurde als Eremit und Friedensstifter heiliggesprochen, die leidenschaftliche Ehefrau und Fürstin Elisabeth von Thüringen als Witwe und Schwester der Ärmsten, der Bauer Franz Jägerstätter als Märtyrer der Gewaltlosigkeit im Nazireich …
Ihr Beispiel zeigt jedoch bei näherer Betrachtung, wie sehr eheliche Liebe ein christliches Leben leuchten lassen kann. Dominikanerheilige sind dem gelehrten Beispiel des missionarischen und pastoral wirkmächtigen Apostels Paulus gefolgt. Franz von Assisi folgt als Laie – er war weder Theologe noch Diakon – mit Geschwistern dem menschlich-brüderlichen Leben Jesu in Galiläa. Sein Modell ist das Leben von Jesu Jüngerkreis vor Ostern, während Mönche und Nonnen Jesus in die « Wüste » folgen, die « kleinen Schwestern und Brüder » sich von seinem unauffälligen Leben in Nazareth leiten lassen. Seelsorge- oder Missionsorden erwählen sich das Wirken der Apostel nach Ostern zu ihrem Modell.
Weshalb spricht Franz von Assisi von Schwester Sonne und Bruder Mond ?
Für den Naturmystiker wird die ganze geschaffene Welt durchsichtig auf den grossen Künstler hin, der hinter ihr steht. Indem Franz die Geistkraft seit Beginn der Schöpfung « über dem Wasser schweben », im Entstehen der Gestirne wirken und in allem Leben gegenwärtig sieht, bildet sich die Vorstellung einer universalen, ja kosmischen Verwandtschaft aller Geschöpfe aus. Indem Franz im Schöpfer den Vater allen Lebens erkennt, gewinnt diese innerste Verwandtschaft geschwisterliche Farben. In Zürichs « Woche der Religionen » habe ich 2016 eine interreligiöse Feier mitgestaltet, in der Lesungen aus den heiligen Schriften der jüdischen, christlichen, islamischen und hinduistischen Religion diese Sicht des Menschen und der ganzen Lebenswelt als gemeinsame Überzeugung erkennen liessen.
Was hat es mit dem berühmten « Sonnengesang » auf sich ?
Von den ältesten Quellen « Lobpreis der Geschöpfe » genannt, ist diese erste Poesie in italienischer Sprache ein tiefsinniges Credo : auf den Schöpfer aller Wesen und deren geschwisterliche Verwandtschaft, auf die Welt als Lebenswelt Gottes und den Tod als Pforte ins ewige Leben in der neuen Schöpfung.
Wie würde Franz von Assisi auf Klimawandel und Umweltzerstörung reagieren ?
Mit einer beherzten Ökopraxis, denn Menschen tragen mit aller Kraft Sorge zu dem, was ihnen am Herzen liegt. Franz würde uns dazu ermutigen, wieder tiefer vertraut zu werden mit der Natur und neu beziehungsfähig zu sein auch Tieren und Pflanzen gegenüber, über die sich staunen und mit denen sich sprechen lässt. So wichtig neue Technologien, nachhaltiges Wirtschaften, sorgsamer Umgang mit den Ressourcen, Recycling, Ökopolitik und Klimagesetze sind : Die stärkste Motivation zu einem ökologisch verantwortungsvollen Handeln ist eine neue Verbundenheit mit allem Leben und « Mutter Erde ». Wir tragen beherzt Sorge zu dem, was wir lieben !
Was verstand Franz von Assisi unter wahrem Glück ?
Papst Franziskus sagt es in der eingangs erwähnten Passage aus LS 10 wörtlich so : « Harmonie mit Gott, mit den anderen Menschen, mit der Schöpfung und mit sich selbst ».
Weshalb wirkte Franz von Assisi trotz vieler Entbehrungen so lebensfroh ?
Weil er, wie von Jesus verheissen, hundertfach geschenkt erhielt, worauf er verzichtet hat : « Mütter, Schwestern, Brüder, Kinder, Häuser und Äcker » (Mt 19). Ihm wurde « die Welt, soweit dein Auge reicht », zum neuen Zuhause, wie es ein frühfranziskanisches Mysterienspiel mit dem Blick von einem Berggipfel poetisch ausdrückt.
Was können gestresste Menschen von Franz von Assisi lernen ?
In einem bewegten Leben immer wieder einmal eine Auszeit zu nehmen, um zur Ruhe zu kommen, die eigene Welt aus guter Distanz zu betrachten, den Überblick zu gewinnen und sich selbst, die eigenen Beziehungen und das Weltgeschehen im Licht Gottes zu betrachten. Und dann wieder aufbrechen – in die Schönheit, die Herausforderungen und die Strapazen eines engagierten Lebens.
Was fasziniert Sie persönlich an Franz von Assisi bis heute am meisten ?
Seine Geschwisterlichkeit ohne Grenzen : im Glauben an Christus, in seinen Beziehungen zu Menschen, in seiner Sicht der Geschöpfe, in seinen Botschaften an die Menschheit. In der postmodernen Selfie-Kultur des « Ich, mich und mir selbst », in einer auseinanderdriftenden Menschheit und in einer Welt neuer nationaler Egoismen liegt darin das radikalste Gegenmittel !
Hat Franz von Assisi Ihr eigenes Leben verändert ? Wenn ja, wie ?
Er hat mich vom Kind aus einem Bauerndorf zu einem Wanderer gemacht, dessen Wege bis in den Amazonasurwald führten, vom Schweizer zu einem Weltenbürger, vom ältesten Bruder von vier Geschwistern zum Bruder jedes Menschen, vom Studenten mit überschaubarem Kollegenkreis zum Weggefährten unterschiedlichster Kreise.
Wenn Sie den Leserinnen und Lesern nur einen einzigen Gedanken von Franz von Assisi mit auf den Weg geben dürften – welcher wäre das ?
Entdecke deine Geschwister – in Gottes Sohn, Menschen aller Völker und allen Lebewesen !
Interview : Béatrice Eigenmann, forumKirche, 07.09.2026
Das Interview wurde schriftlich geführt.
Lebensskizze von Franz von Assisi
Franz wird als Giovanni di Pietro di Bernardone 1182 im mittelitalienischen Kleinstädtchen Assisi geboren. Unter den vielen Bürgern mit Namen Hans gibt der Vater ihm den Rufnamen Francesco und erinnert damit an französische Stoffe, mit denen der Textilkaufmann reich wird. Franz erhält Schulbildung, lernt das Metier seines Vaters und wird Juniorchef in seinem Modegeschäft. Lebenslustig feiert er Feste und träumt vom Aufstieg in den Ritterstand. Dazu reitet er 1202 in den Krieg gegen die Rivalenstadt Perugia. Das Gemetzel am Tiber wird zum Debakel. Nach einem Jahr Kriegsgefangenschaft kehrt der junge Mann krank und traumatisiert in seine Geburtsstadt Assisi zurück. Er verliert seine Lebensfreude und den Sinn in seinem Beruf.
Erfahrungen mit Armen in der Stadt und mit aussätzigen Menschen draussen sowie die Entdeckung der Stille im verlassenen Kloster San Masseo wecken sein Herz sozial und religiös. Schliesslich überrascht ihn eine Christusikone im Landkirchlein San Damiano : Sie zeigt ihm, dass der ferne Weltenherrscher Mensch geworden ist und dazu einlädt, seinen Fussspuren zu folgen. Franz nimmt die Einladung im Frühling 1208 an, gewinnt bald Gefährten und führt fortan einer hierarchischen Gesellschaft und Kirche eine Alternative vor Augen : fraternitas – Geschwisterlichkeit.
Mit Klara von Assisi stossen 1211 erste Schwestern zu dieser Bewegung. Während die Frauen sesshaft in Herbergen leben, ziehen die Brüder mit der Friedensbotschaft des Evangeliums durch die Welt. 1216 durchwandern sie bereits ganz Italien, 1217 erreichen sie in alle vier Himmelsrichtungen Frankreich, Spanien, Tunesien und Syrien. 1219 überschreitet Franz mit seiner Friedensmission in Ägypten auch religiöse Grenzen und gewinnt mitten im Fünften Kreuzzug Sultan al-Kāmil zum Freund.
Ende 1223 anerkennt Papst Honorius III. die Brüder als Orden in der Kirche. Klara fühlt sich diesem zugehörig, bis sie sich zwei Jahrzehnte später genötigt sieht, für ein ganzes Netzwerk « Armer Schwestern » in Europa eine eigene Ordensregel zu schreiben. Franz stirbt 1226 nach zwei Jahrzehnten Wanderleben in Assisi und wird schon vor seinem Tod als lebendiger Heiliger verehrt. Mit dem « Sonnengesang » hinterlässt der Schöpfungsmystiker und Menschenfreund Weltliteratur, und der « Lieblingsheilige der katholischen Kirche » verbindet heute die Religionen der Welt, wie dies die grossen Friedensgebete in Assisi zeigen.
Kommentare