Überlebenswichtig für die Ernährungssicherheit der Zukunft

Vom 18. Februar bis am 5. April läuft die diesjährige Fastenkampagne. Im Rahmen des Dreijahreszyklus « Hunger frisst Zukunft » geht es dieses Mal um das Recht auf lokales Saatgut. 

Seit Jahrtausenden züchten Bäuerinnen und Bauern Saatgut als Grundlage für ihre kleinbäuerlichen Familienbetriebe. Es wird aus der eigenen Ernte gezogen, mit den Nachbarn getauscht oder auf dem lokalen Markt erworben. Eine grosse Sortenvielfalt ist wesentlich für eine ökologische Landwirtschaft. Die richtige Sorte am richtigen Ort ist angepasst an die jeweiligen Verhältnisse, kann besser auf klimatische Extremereignisse und Krank­heiten reagieren und braucht weniger Pestizide und Dünger. Genetische Vielfalt ist deshalb zentral, um in Zukunft die Ernährungssicherheit zu gewährleisten – erst recht im Hinblick auf die Klimaerwärmung. 

Monotonie schadet
Auch wenn wir staunen angesichts der Vielfalt auf einem Wochenmarkt, so ist laut FAO, der Ernährungs- und Landwirtschafts­organisation der UNO, die genetische Vielfalt innerhalb der letzten 100 Jahre um 75 Prozent verloren gegangen. Am Beispiel Reis lässt sich das gut zeigen : In Indien wurden in den 1960er-Jahren 110'000 Reissorten angebaut. Heute sind nur noch 6'000 davon übrig, wovon gerade einmal 10 Sorten im grossen Stil angepflanzt werden. Es handelt sich um einen Verlust von 95 Prozent. Dazu kommt, dass heute Reis, Mais und Weizen die Hälfte aller pflanzenbasierten Kalorien abdecken. Andere Pflanzenarten werden völlig vernachlässigt – eine gefährliche Entwicklung. Denn eine mono­tone Landwirtschaft ist anfällig auf Krank­heiten, Schädlinge und extreme Wetterbedingungen. Das lässt sich am Beispiel der Hungersnot von 1845 in Irland zeigen : Die Bevölkerung war stark abhängig von Kartoffeln, die nur als zwei Sorten angebaut wurden. Eine Krautfäule, die beide Sorten befiel, zerstörte die komplette Ernte. In der Folge starb eine Million Menschen, zwei Millionen wanderten aus – vor allem in die USA. 

Macht der Grosskonzerne
Nach dem Zweiten Weltkrieg löste die zunehmende Industrialisierung der Landwirtschaft den Rückgang der Sorten­vielfalt aus: Im Labor wurde Hybrid- und Gentech-Hochleistungssaatgut entwickelt. Dieses war auf den Einsatz von chemischen Düngemitteln und Pestiziden angewiesen. Als sich staatliche Institutionen nach den 1980er-Jahren aus der Agrarforschung zurückgezogen hatten, kauften wenige grosse Saatgutfirmen im freien Markt Tausende kleiner Saatgut­firmen auf. Heute sind es noch drei internationale Firmen, die etwa die Hälfte des globalen kommerziellen Saatgut­marktes kontrollieren. Zu ihnen gehört Syngenta in Basel. Gleichzeitig stellen sie auch Pestizide her und verkaufen sie als Gesamtpaket. Zusammen mit den Regierungen der Industrieländer haben sie Gesetze durchgesetzt, die ihren Interessen am besten dienen, beispielsweise die Vermarktung von gentechnisch veränderten Sorten. 

Sortenschutz ist irreführend
Die Saatgutfirmen wollen auch patent­ähnliche geistige Eigentumsrechte auf ihre kommerziellen Sorten durchsetzen. Sie versuchen, Regierungen im Globalen Süden dazu zu bringen, strenge Sorten­schutz­gesetze zu erlassen, um ihre kommerziellen Sorten und ihren Umsatz abzusichern. Mit verheerenden Folgen für die Vielfalt des Saatguts : Dieser « Sortenschutz » verbietet es Bäuerinnen und Bauern, selbst produziertes Saatgut aus diesen kommerziellen Saaten zu tauschen oder zu verkaufen. Ebenso wird das Ziehen traditionellen Saatguts und das Verwenden für die eigene Aussaat stark eingeschränkt. Die Vielfalt an Kulturpflanzen und Sorten liegt aber genau in dieser Praxis der eigenen Selektion und des Tauschens begründet und stellt das Rückgrat der Ernährungssicherheit dar. In gewissen afrikanischen Ländern bis zu 90 Prozent, auf den Philippinen 71 Prozent. 

Die Partnerorganisationen von HEKS, Fastenaktion und Partner sein unterstützen die Bäuerinnen und Bauern in Afrika, Asien und Lateinamerika darin, sich gegen den Vormarsch der Saatgutindustrie zur Wehr zu setzen und ihre nachhaltige Landwirtschaft zu stärken. Auch die UNO hat die Bedeutung der Saatgutvielfalt für das Recht auf Nahrung erkannt und in der Deklaration über die Rechte der Bäuerinnen und Bauern (Undrop) verankert. Dadurch konnte in Honduras beispielsweise ein strengeres Sortenschutzgesetz, das Ley Monsanto, verhindert werden. 

16.2.2026, Tina Goethe, HEKS / Red.


« Gärtnern fasziniert mich »

Wenn der Ziermohn von Hand bestäubt wird

ProSpecieRara ist die Schweizerische Stiftung für die kulturhistorische und genetische Vielfalt von Pflanzen und Tieren. Dank Sortenbetreuerinnen und Sorten­betreuern werden alte Kultur­pflanzen wieder angebaut, um die genetische Vielfalt zu erhalten. Eine dieser ehrenamtlichen Sorten­betreuerin­nen ist Kathrin Schäppi. forumKirche hat sie im Schaffhauser Dorf Beggingen besucht. 

Was ist die Aufgabe einer Sortenbetreuerin ?
Es ist die lebendige Erhaltung von Saat­gut, indem man es immer wieder anbaut und darauf achtet, dass die sorten­typischen Eigenschaften erhalten bleiben. Dafür benötigt es Kenntnisse über die Vermehrung von Pflanzen : Es gibt selbstbefruchtende und fremdbefruchtende Pflanzen. Bei den Selbstbefruchtern ist es nicht kompliziert, die bestäuben sich selbst. Aber bei fremdbefruchtenden Pflanzen kann es zu Verkreuzungen durch Insekten und den Wind kommen. Dann sind die Sorteneigenschaften nicht mehr gewährleistet. Als Beispiel erwähne ich gerne die Ziermohnsorte Schaffhausen. Es ist ein wunderschöner Schlafmohn mit rosaroten Blüten. Als ich diese Sorte übernahm, stand sie auf der roten Liste von ProSpecieRara. Es gab nur noch wenig Saatgut. Als ich es im ersten Jahr angebaut hatte, kam alles Mögliche – gefüllt, ungefüllt, andere Farben. Ich musste selektionieren, was sortenspezifisch war. So habe ich das sortentypische Saatgut immer weiter­gezogen, um es zu bereinigen. Der Mohn blüht bei mir unter einem Netz, damit er nicht verkreuzt wird. Ich bestäube ihn von Hand. 

Wann haben Sie begonnen, Saatgut zu betreuen ? 
Meine Schwester hat bei ProSpecieRara ein Praktikum gemacht und Saatgut von Stangenbohnen mitgebracht. Wir hatten zusammen einen Garten. Ich pflanze Stangenbohnen an, seit ich 20 bin, also seit 25 Jahren – jeweils viele, auch viele Sorten, da sie in meinem früheren Garten gut gekommen sind.

Was bauen Sie sonst noch an ?
Neben den Stangenbohnen baue ich alte Nutzpflanzen an : Flachs, auch Lein genannt, den es bei uns seit 7'500 Jahren gibt und zur Öl- und Fasergewinnung dient. Dann Linsen, die etwa 4'000 Jahre alt sind, Hirse, Buchweizen. All diese Pflanzen sind an unsere Böden angepasst. Auch wenn seither viel Entwicklung passiert ist, sind es trotzdem alte Sorten, die Erträge liefern – oder eben auch nicht. Beispiel Linse Lenka : Sie war ein wichtiges Nahrungsmittel, ist aber mühsam zu ernten, gibt wenig Ertrag pro Pflanze. Sie reift nicht gleichzeitig ab, ich muss die reifen Linsen immer wieder heraus­pflücken. Das benötigt viel Zeit. Letztes Jahr konnte ich nur eine Handvoll ernten. 
Für mich selbst baue ich immer Neues an, aber nur sortenechtes Saatgut, keine Hybridsorten. Tomaten finde ich sehr spannend, jedes Jahr pflanze ich neue Sorten. Die Krautfäule ist mühsam, letztes Jahr war kein gutes Tomatenjahr. Der Vorteil von Vielfalt ist, dass irgendeine Sorte schon kommt. 

Was passiert mit den geernteten Samen ?
Meine Ernte teile ich so auf, dass eine gute Portion an ProSpecieRara geht und ich eine Portion für mich aufbewahre. Falls noch ein Rest übrig bleibt, stelle ich diesen Gönnerinnen und Gönnern von ProSpecieRara zur Verfügung. 
Ich bewahre mehrere Jahrgänge der Samen auf und mische diese bei der Aussaat. Damit verfüge ich bei einem totalen Ernteausfall immer über eine eiserne Reserve. Ausserdem habe ich dadurch Samen, die unter unterschiedlichen Wetterbedingungen gewachsen sind, was sie fitter macht für den erneuten Anbau unter noch unbekannten Bedingungen. 
Die Stangenbohnen tragen Namen wie beispielsweise Kaiser Friedrich, Schwefelgelbe, Weinländerin oder Kloster­frauen. Ich baue nicht jedes Jahr alle Sorten an, sondern in einem Dreijahres­zyklus. Die Samen können gut aufbewahrt werden. Wichtig ist eine konstante Luftfeuchtigkeit und Temperatur, wobei kühlere Temperaturen besser sind und Sonnenlicht vermieden werden sollte.

Was fasziniert Sie an dieser Arbeit ?
Gärtnern an und für sich fasziniert mich, das Pflanzen im Kreislauf – von der Aussaat bis zur Samenernte. Mein eigenes Saatgut zu haben. Ich bin unabhängig. Ich betreibe es als Hobby, aber ich kann etliche Essen damit kochen. Und dann die Frische des Geernteten – der Geschmack ist viel intensiver als bei gekauften Lebensmitteln. 

Interview : Béatrice Eigenmann


Saatgut-Bibliothek Weinfelden
Ein antikes Pult in der Regionalbibliothek Weinfelden dient als Saatgut-Bibliothek : Hobbygärtnerinnen können ihr Saatgut deponieren. Andere Gartenfreunde können die gewünschten Samen mitnehmen. Das Saatgut – lokale, alte, robuste Sorten – muss biologisch sein und ohne chemische Dünger oder sonstige Chemie gezogen worden sein.

Sicht auf Garten von Kathrin Schäppi in Beggingen
Quelle: Kathrin Schäppi
Gepflegter Sortengarten: Kathrin Schäppis Garten in Beggingen

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Kathrin Schäppi, Sortenbetreuerin von ProSpecieRara, mit Saatgut für Stangenbohnen, Buchweizen, Hirse und Flachs
Quelle: Béatrice Eigenmann
Kathrin Schäppi mit ihrem Saatgut für Stangenbohnen, Buchweizen, Hirse und Flachs

 

rosarote Blüten der Ziermohnsorte Schaffhausen werden von Hand bestäubt
Quelle: Kathrin Schäppi
Handbestäubung, um eine Verkreuzung zu vermeiden : Ziermohnsorte Schaffhausen

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