Wut ist die Grundlage von Mut

Zorn und Wut gehören im Christentum zu den sieben Todsünden. Dabei kann dieses Gefühl negative wie positive Folgen haben. Doch wie lassen sich Wut und Zorn, die sich in uns ausbreiten, kontrollieren oder gar in positive Gefühle verwandeln ? 

Bei Wut beschleunigen sich Herzschlag und Atmung, die Muskelspannung steigt, das Gehirn schottet sich ab. Burkhard Genser, was ist Wut ?
Wut ist die Energie, die bei einer Person entsteht, wenn sie einer verletzenden Situation gegenübersteht. Mit dieser Energie kann sie die Situation verändern und verbessern. Wut kann jedoch auch zu Gewalt und Unrecht führen. Zorn kann als beherrschte Wut verstanden werden.

Warum werden wir wütend ?
Wut ist die Reaktion auf kritische Ereig­nisse ; etwa, wenn wir einen Schaden, einen Angriff, körperliche, sexuelle oder seelische Gewalt erleiden, wenn Verluste eintreten, Bedürfnisse oder Erwartungen nicht erfüllt werden ; weiterhin bei Bedrohung, Notfällen, Beleidigungen oder Nichtbeachtung. Wut ist die Energie, die hilft, sich zu schützen und die Situation zu bewältigen. Die betroffene Person stellt sich verschiedene Fragen, bevor sie handelt : Wie gross ist der Schaden ? Wurde ihr ein Unrecht zugefügt ? Welche Absicht hatte ihr Gegenüber ? Kann sie mit sozialer Unterstützung rechnen ? 

Welche Folgen kann Wut auslösen ?
Der oder die Betroffene klärt die Schadens­situation. Sie sucht und akzeptiert soziale Unterstützung. Sie kann etwa eine Aus­sprache mit dem Gegen­über führen und einen Kompro­miss anstreben. Sie wehrt sich und leistet Wider­stand, macht eventuell eine Strafanzeige. Mehrheit­lich kann sie dann das Problem überwinden. Ausser­dem minimiert sie für die Zukunft Risiken und trifft Vorsorge bei Bedrohungen. Wut ist die Grundlage von Mut. Durch Ermutigung findet die Person neue Handlungsmöglichkeiten, sie nimmt beispielsweise an einer Demonstration teil. Gewerkschaften sind aus der Wut der Arbeiter innen und Arbeiter wegen ihrer Ausbeu­tung entstanden. Die Wut über die Unfreiheit in der DDR führte zu den Montags­demons­trationen, die zum Mauerfall beitrugen. 

Und wenn keine positive Veränderung erreicht wird ?
Oft erscheint eine Veränderung in der Sache bzw. im Umfeld unmöglich, Verlust und Wut bleiben dann dauerhaft. Nicht selten entwickelt sich bei der Opferperson daraus eine langdauernde negative Bindung an den Täter oder die Täterin mit Unversöhn­lichkeit, Bitterkeit und Ressentiments. Manches Opfer will Rache. Es übt Macht aus, wenn es – besonders in einer Partnerschaft – der Täterperson die Verletzung immer wieder vorwirft. Aus einem Opfer kann auch ein Täter werden. Eine Person übt jedoch rechtswidrige aggressive Gewalt erst aus, wenn sie einen Erfolg erwartet und ihr keine soziale Kontrolle mit Bestrafung droht. Oft hat ein Opfer Angst, sich zu wehren. Es zieht sich zurück − besonders, wenn Ressourcen und soziale Unterstützung fehlen − fühlt sich ohnmächtig und unterdrückt seine Wut. Dadurch wird die Wut aber nicht überwunden.

Im Neuen Testament heisst es : « … lasst die Sonne nicht über eurem Zorn unter­gehen. » (Epheser­brief 4,26). Wie stehen Sie dazu ?
Wut kann ein Opfer vergiften. Dagegen hilft, wenn die Person ihre Verletzung zeitnah aussprechen kann und mit dem Gegenüber verhandelt. Es ist sehr wichtig, dass von Angehörigen, der Justiz und vom Täter anerkannt wird, dass ein Unrecht zugefügt wurde. Es ist hilfreich, wenn die betroffene Person den Verlust betrauert und der Täterperson vergibt. Dies wird leichter, wenn diese um Vergebung bittet ! Und : Das Opfer allein entscheidet, ob es verzeiht. Durch Vergebung löst es die belastende Bindung an die Täterschaft und gewinnt Gelassenheit.

Wie stehen Sie zur christlichen Sichtweise, Wut sei Sünde ?
Nur eine Handlung oder eine Sprech­hand­lung kann eine Sünde sein. Die Person kann und muss die Impulse zu einer Unrechts­handlung abwehren, damit sie diese unter­lässt und keine Sünde begeht. Die Etiket­tierung von Wut als « Sünde » unterstützt die bestehenden Verhältnisse und erschwert die Überwindung von Ungleich­heit und Benach­teiligung. Die Wut bleibt dann ohnmächtig. Zum Schluss möchte ich das Gelassen­heitsgebet zitieren : 

Gott gebe mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.

Interview : Christiane Faschon, 28.12.2025

Faust - Aus Wut kann schnell Gewalt werden
Quelle: Tomas Gunnarsson / WikiCom
Symbolbild : Aus Wut kann schnell Gewalt werden.

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