Verantwortlich für ein 20-Millionen-Geschenk

Das Kloster Fischingen steht vor einem grossen Wandel. Mit Unterstützung der Thurgauer Kantonalbank soll ein Bereich der historischen Anlage saniert, modernisiert und als Ort der Begegnung weiterentwickelt werden. Im Gespräch erzählt Walter Hugentobler, Gesamtleiter des Projekts, wie er das Kloster in eine neue Zukunft führen möchte, ohne dass dieses seine Wurzeln verliert.

Walter Hugentobler, Sie waren rund dreieinhalb Jahre der Geschäftsführer des Klosters. Im Jahr 2024 wurde angekündigt, dass Sie zurücktreten und Gesamtprojektleiter für das Millionenprojekt der Thurgauer Kantonalbank (TKB) werden. Wie sind Sie damals zu dieser Aufgabe als Geschäftsführer gekommen ?
Durch ein Inserat. Ich war Gemeinde­präsident von Matzingen. Zufällig habe ich das Inserat gesehen, und es hat mich sofort angesprochen. Mit 58 Jahren dachte ich, wenn ich etwas Neues wagen will, ist jetzt der richtige Zeitpunkt. So bin ich zur Stelle als Geschäftsführer gekommen.

Das Kloster Fischingen hat in der Region eine lange und bewegte Geschichte. Wie würden Sie die heutige Rolle des Klosters in der Region beschreiben ?
Das Kloster Fischingen ist ein grosser Arbeitgeber. Es gibt eine Schule, ein Hotel, ein Restaurant, eine Schreinerei, einen Kulturbetrieb usw. Insgesamt haben wir rund 130 Mitarbeitende. Das Kloster ist also einer der grösseren Arbeitgeber in der Umgebung. Gleichzeitig leben hier noch Benediktinermönche. Das macht das Kloster zu einem lebendigen Ort, an dem die klösterliche Tradition weitergeführt wird. Und dann hat das Kloster natürlich von seiner kulturellen Identität her eine grosse Strahlkraft in der Region und über die Region hinaus. 
Das Kloster Fischingen hat in meinen Augen den Nachteil, dass es ganz hinten in der Region Tannzapfenland liegt. Wenn man in der Region Frauenfeld über das Kloster Fischingen spricht, dann haben alle das Gefühl, es sei sehr weit entfernt. Ich finde, diese Vorstellung, dieses Denken muss man aufbrechen. Von meinem Wohnort Matzingen fahre ich zum Kloster Fischingen genau so lange wie zur Kartause Ittingen.

Im Sommer 2023 hat das Thurgauer Stimmvolk zugestimmt, dass rund 127 Millionen der TKB-Börsengewinne verschiedenen kantonalen Projekten zugesprochen werden. Damit erhielt das Kloster Fischingen 20 Millionen Franken. Wofür genau ist dieser Beitrag vorgesehen ?
Ganz einfach gesagt, ist es eine Investition in die Zukunft des Klosters.

Das Projekt scheint viele verschiedene Bereiche zu betreffen – von der Infrastruktur bis zur inhaltlichen Ausrichtung. Welche Teilprojekte sind momentan in Planung und was hat höchste Priorität ?
Also, höchste Priorität hat im Moment noch die Eingabe der Fördervereinbarung mit der Fachstelle, die diese Gelder verwaltet. Das ist auf Ende Oktober geplant. Die Förder­vereinbarung umfasst alle Teilprojekte. Zu den kleineren Teilprojekten gehören die Brandmelde- und Entwässerungs­anlage sowie weitere technische Erneuerun­gen. Das erste grosse Teilprojekt ist die Sanierung des Westflügels, ein weiteres die Umnutzung eines Teils des Ökonomie­gebäudes in ein Besucher- und Natur­zentrum des Hörnli-Berglands. Dieses soll eine Ausflugs­gastronomie, einen regionalen Shop und einen touristischen Treffpunkt beherbergen. Das dritte grosse Teil­projekt ist die Gestaltung der Umgebung. Wenn wir uns umschauen, dann sehen wir, dass wir keine allzu klöster­liche Umgebung haben. Damit meine ich beispiels­weise kein Labyrinth. Die Umgebung ist zwar gepflegt, wirkt aber etwas zufällig gestaltet. Wir möchten sie so auf­werten, dass Besucher sagen können : Wir kommen her, weil es hier besonders schön ist.

Ein Projekt dieser Grösse bringt sicher auch Herausforderungen mit sich. Wo sehen Sie momentan die grössten Schwierigkeiten ?
Das Projekt ist sehr komplex. Die Schwierigkeit ist : Wenn man in einem Bereich irgendetwas verändert, dann ist es wie ein Mobile. Es bewegt sich alles. Da einen Überblick zu behalten und zu realisieren, wenn wir das machen, dann hat das Auswirkungen auf dieses und jenes – das ist sehr schwierig. Ein kleines Beispiel dazu : Wenn wir sagen, wir wollen eine Ausflugsgastronomie beliefern mit einem grünen Salat, dazu noch Schnitzel und Pommes frites, dann wäre unsere jetzige Küche nicht geeignet. Sie ist auch zu klein. Also müssen wir eine neue Küche machen, die am besten alles produzieren kann und die Ausflugsgastronomie beliefert. Wenn wir das planen, muss diese Küche erschlossen werden. Auch die Entsorgung muss gewährleistet sein. Das geht nicht so einfach, man kann nicht einfach eine Tür einbauen und eine Küche irgendwo platzieren. Dazu brauchen wir andere Orte. Wir benötigen auch neue Zugänge, und das hat Auswirkungen, auch wenn man das im Hauptbau machen möchte. Es ist möglich, dass man plötzlich über die Turnhalle sprechen muss. Das sind diese recht komplizierten Zusammenhänge.

Das Kloster liegt in einer landschaftlich sehr attraktiven Gegend. In einem Artikel der Thurgauer Zeitung wurde gesagt, das Kloster soll zu einem touristischen Leuchtturm im Hörnli-Bergland werden. Inwiefern wird das Kloster mit der Umgebung vernetzt, also zum Beispiel dem Hörnli-Bergland ?
Das Hörnli-Bergland ist eine Region, die von nationaler Bedeutung ist. Da gibt es ein gemeinsames Projekt von Thurgau Tourismus, Toggenburg Tourismus und Zürich Oberland. Sie wollen mit uns zusammen im Kloster ein Besucherzentrum für das Hörnli-Bergland bauen. Das heisst, man kann zum Kloster kommen und erfährt hier schon etwas über die Landschaft im Hörnli-Bergland. Im Mittelpunkt steht also die Vernetzung. Die geschieht nachher über das Besucher- und Naturzentrum. 
Sie haben mich vorher gefragt, was die Schwierigkeiten bei diesen Projekten sind. Wir planen, ein Ausgangspunkt für Ausflüge zu werden. Doch da haben wir schnell gemerkt, dass Fischingen eine schlechte Verbindung mit den öffentlichen Verkehrsmitteln hat. Vor allem hört der öffentliche Verkehr bei uns an der Kantonsgrenze auf. Es handelt sich beim Hörnli-Bergland aber um eine Landschaft, die sich über drei Kantone erstreckt. Also muss man dafür sorgen, dass der öffentliche Verkehr auch Kantonsgrenzen überschreitend ist. Solche Probleme sieht man auf den ersten Blick nicht. Aber wenn man im Projekt drin ist, dann merkt man : Wir müssen mit all diesen Verkehrsanbietern zusammensitzen. Wir besprechen, ob es eine Möglichkeit gibt, bessere Verbindungen herzustellen. Ein anderes TKB-Projekt ist ein selbstfahrender Bus. Wir haben uns gefragt, ob es möglich ist, hier in der Region einen solchen Bus einzusetzen. Und ja, das wäre möglich ! Dass sind alles Schritte, die sehr viel Geduld brauchen. 

Welche Rolle soll das Kloster Ihrer Meinung nach künftig für die Region übernehmen ?
Ich hoffe, dass das Kloster auch künftig ein verlässlicher Arbeitgeber bleibt. Ebenso sollte es ein attraktiver Ausflugsort für Leute aus allen Gegenden und auch für Menschen aus allen Altersgruppen sein.

Abschliessend interessiert mich Ihre persönliche Sicht. Welche Vision haben Sie für das Kloster in den nächsten 10–20 Jahren ?
Dass man diese angedachten Projekte umsetzen kann. Geplant ist, dass bis 2030 alle Teilprojekte abgeschlossen sind. Ausserdem sollte man eine neue Sicht auf das Kloster entwickeln. Man sollte nicht denken, es sei eine verschlossene Klostergemeinschaft, sondern ein sehr offenes Kloster, in dem es auch möglich ist, wie bisher Ruhe und Besinnung zu finden.

Und ganz persönlich gefragt : Was bedeutet Ihnen das Kloster ?
Als ich hier begonnen habe, habe ich schnell gemerkt, dass es ein Klostervirus gibt. Entweder man wird von ihm befallen oder eben nicht. Da war das Coronavirus noch im Umlauf. Ich habe mich gegen Corona impfen lassen, aber nicht gegen das Klostervirus. Darum bin ich so begeistert vom Kloster Fischingen.

Interview und Bilder : Matteo Metzger, 28.12.2025

Dieser Artikel entstand Mitte Oktober 2025 im berufsfeldspezifischen Praktikum von Matteo Metzger an der Fachmittelschule der Kantonsschule Frauenfeld.


Geschichte des Klosters Fischingen

Das Benediktinerkloster Fischingen im Kanton Thurgau wurde im Jahr 1138 vom Bischof von Konstanz gegründet. Ursprüng­lich war es als Doppelkloster für Mönche und Nonnen gedacht, entwickelte sich jedoch bald zu einem reinen Männerkloster. Schon im Mittelalter spielte Fischingen eine wichtige Rolle als religiöses, wirt­schaftliches und kulturelles Zentrum der Region. Die Benediktiner betrieben Landwirtschaft, Handwerk und Bildung und prägten damit das geistliche und soziale Leben weit über die Klostermauern hinaus.

Seinen Höhepunkt erlebte Fischingen in der Barockzeit. Zwischen dem 17. und 18. Jahrhundert wurden die Kirche, die Bibliothek und die Klostergebäude im pracht­vollen barocken Stil neu gestaltet. Diese Bauwerke verleihen dem Kloster bis heute sein eindrucksvolles Erscheinungs­bild und zeugen vom damaligen Wohlstand der Gemeinschaft.

Ein grosser Einschnitt erfolgte 1848, als das Kloster im Zuge der Säkularisation durch den Kanton Thurgau aufgehoben wurde. Nach mehreren Besitzerwechseln wurde es 1879 vom Verein St. Iddazell übernommen, der dort eine Waisenanstalt gründete. Später errichtete er eine Erziehungs­anstalt, ein Erziehungsheim und ein Kinderheim. Diese Zeit gilt heute als dunkles Kapitel der Geschichte : Bis in die 1970er-Jahre kam es zu Misshandlungen und sexuellem Missbrauch an Kindern. 

Im Jahr 1977 kehrten Benediktiner nach Fischingen zurück und belebten das klösterliche Leben in kleiner Gemeinschaft neu. Heute ist das Kloster sowohl ein Ort des Gebets und der Stille als auch ein Restaurant, ein Seminarhotel, eine Schreinerei, ein Kulturbetrieb und eine Förderschule. Ausserdem gibt es spirituelle Angebote für Besucher und Pilger. So verbindet Fischingen auf eindrucksvolle Weise jahrhundertealte Tradition mit moderner Offenheit.

Westflügel des Klosters Fischingen
Quelle: Matteo Metzger
Westflügel des Klosters Fischingen

 

abgehauener Verputz im Westflügel des Klosters Fischingen offenbart Fresken
Quelle: Matteo Metzger
Bei Renovierungsarbeiten im Westflügel sind Fresken freigelegt worden.

 

Baumstämme auf einer Wiese auf dem Klostergelände, mit Drähten verbunden, an denen Buchstaben das Wort Hörnli-Bergland ergeben
Quelle: Matteo Metzger
Im Kloster soll das Besucher- und Naturzentrum Hörnli-Bergland entstehen.

 

Walter Hugentobler vor Kloster Fischingen
Quelle: Matteo Metzger
Walter Hugentobler, Gesamtprojektleiter über 20 Millionen für verschiedene Projekte zugunsten des Klosters Fischingen

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