Eintauchen in die Welt von KONSTANZ 1414–1418
Kirchengeschichte kann richtig spannend sein. Das erlebt man, wenn man den neu eröffneten Panoramaturm in Konstanz besucht. An dessen Innenwand ist ein 3'500 Quadratmeter grosses Rundbild des Künstlers Yadegar Asisi zum Konstanzer Konzil (1414–1418) zu sehen. Es lädt ein, einzutreten in die Welt des Mittelalters und sich von den Ereignissen dieser Zeit berühren zu lassen.
Wer von der deutsch-schweizerischen Grenze kommend auf die Europabrücke zufährt, dem fällt sofort der 52 Meter hohe, bunte Turm auf, dessen Fassade sich je nach Perspektive und Lichteinfall wandelt. Das vom Konstanzer Architekten Matthias Sauerbruch entworfene Bauwerk, an dessen Realisierung auch eine Holzbaufirma aus Gossau beteiligt war, wurde nach vierjähriger Bauzeit am 12. September eröffnet. Finanziert wurde es ausschliesslich von privaten Investoren.
Im Innern erwartet die Besucherinnen und Besucher ein monumentales 360-Grad-Gemälde des Künstlers Yadegar Asisi und seines Teams. Es zeigt die Bodenseemetropole während des Konstanzer Konzils mit vielen kleinen Geschichten und Details. Über dem Rundbild werden in Kürze noch zwei Etagen mit Tagungsräumen und einem Restaurant eröffnet. Eine Dachterrasse bietet darüber hinaus einen einmaligen Ausblick auf das heutige Konstanz und den Bodensee.
Das Konzil und seine Bedeutung
Das Konstanzer Konzil war eine der grössten Zusammenkünfte des Mittelalters. Von 1414 bis 1418 trafen sich dort die Mächtigen dieser Zeit, weltliche Herrscher und kirchliche Würdenträger. Die etwa 7'000 Einwohner zählende Stadt beherbergte teilweise bis zu 20'000 Gäste.
Wichtigster Grund für die Einberufung des Konzils war eine sich ausweitende Spaltung der Kirche (Schisma) : Nach dem Konzil von Pisa (1409) gab es drei Päpste, die von unterschiedlichen Lagern unterstützt wurden. Jeder von ihnen sah sich als das einzige legitime Oberhaupt der Kirche an. Auf Betreiben von König Sigismund sollte dieser Missstand durch ein Konzil behoben werden. Nachdem die drei konkurrierenden Päpste zum Rücktritt gedrängt worden waren, wurde auf dem Konzil ein neuer Papst als alleiniges Oberhaupt gewählt.
Das zweite Anliegen des Konzils, offene Glaubensfragen zu klären, scheiterte dagegen. Jan Hus, der sich weigerte, seine Ansichten zu widerrufen, wurde trotz der Zusage freien Geleits auf dem Scheiterhaufen hingerichtet. Dieses Vorgehen führte in Böhmen zu Volksaufständen und zu den Hussitenkriegen. Schliesslich hatten sich die Konzilsväter das Ziel gesteckt, Reformen in der Kirche einzuleiten, um Missstände zu beseitigen. Doch auch dies misslang. Ablasshandel, Prunksucht und skrupelloses Machtstreben entwickelten sich weiter und bescherten der Kirche 100 Jahre später eine noch tiefgreifendere Krise : die Spaltung durch die Reformation.
Eingebettet in Vorher und Nachher
« Das Konzil ist ein Wendepunkt, der nur durch ein Vorher und Nachher existiert », konstatiert Asisi im Begleitheft zum Panoramabild. Diese Überzeugung fliesst auch in das Konzept der Ausstellung ein, durch die die Besucher anfangs geführt werden und die in die Geschichte des Konzils einführt. Denn dort wird die Kirchenversammlung als ein geschichtlicher Brennpunkt zwischen dem Aufstieg des Christentums unter Kaiser Konstantin und der Reformation vorgestellt – beides Themen, die der Künstler bereits in den Panoramen ROM 312 und LUTHER 1517 umgesetzt hat. Das Konzilsgeschehen selbst wird erlebbar durch grosse Porträts der beteiligten Protagonisten, durch einen Film, der die Ereignisse im Konstanzer Münster zu rekonstruieren versucht, und durch anschauliche Übersichten. Zusätzlich sind die Illustrationen der Chronik von Ulrich Richental zu sehen, die Begebenheiten rund um das Konzil darstellen und dem Team um Yadegar Asisi als Quelle und Inspiration dienten.
Konstanz von oben
Auf der Aussichtsplattform im Inneren des Turmes erhält man einen faszinierenden Rundblick auf das mittelalterliche Konstanz mit seinem geschäftigen Treiben. Durch unterschiedlichen Lichteinfall werden die wechselnden Tageszeiten simuliert, Geräusche und Musik bringen einem den Alltag näher und vermitteln unterschiedliche Stimmungen. So erlebt sich der Betrachter nicht als Gegenüber, sondern taucht ein in die Zeit von König Sigismund, wird ein Teil dieser Welt. « Damit soll eine Emotionalität entstehen, die über das Wissen hinausgeht », erklärt Yadegar Asisi.
Steigt man die Stufen hinunter, lassen sich wie in einem Wimmelbild immer mehr Details entdecken wie der Einzug des Papstes in Konstanz, seine Flucht aus der Stadt oder die Verbrennung von Jan Hus. Darüber hinaus sind einfache Alltagsszenen festgehalten : wie etwa mobile Bäcker ihr Brot verkaufen oder ärmere Gäste in Fässern übernachten. KONSTANZ 1414–1418 möchte keinen konkreten Zeitpunkt, sondern Geschehnisse aus der ganzen Zeit des Konzils darstellen. Der Betrachter kann dabei selbst entscheiden, bei welchem Ausschnitt er verweilen möchte. Er soll gemäss Asisi « Regisseur des eigenen Sehens » werden.
Aus der Geschichte lernen
Die Auseinandersetzung mit dem Konzil ist für Yadegar Asisi kein Selbstzweck. Sie soll helfen, die Gegenwart besser zu verstehen. Ein entscheidender Punkt ist für den Künstler der Umgang mit Macht. Auf dem Panoramabild schwebt über Konstanz ein Banner durch die Luft mit dem Satz : « Certamen pro potestate est ruina humanitatis », was übersetzt bedeutet : « Der Kampf um Macht ist der Untergang der Menschheit ». Asisi fragt sich, warum die Menschen immer wieder der Macht verfallen. Religion ist für ihn einzig dafür da, das Miteinander zu stärken. « Wenn Religion zum Machtinstrument wird, ist es eines der schrecklichsten, die es gibt », gibt er zu bedenken. Welche Weichen liessen sich aufgrund der Erfahrungen aus dem Konzil und seinen Folgen heute anders stellen ? Die Warnung, die über dem mittelalterlichen Konstanz und unserer Zeit schwebt, kann wahrgenommen und beherzigt oder auch einfach beiseitegeschoben werden.
Detlef Kissner, 5.10.2026
Panorama KONSTANZ 1414–1418
Adresse : Reichenaustr. 110, 78467 Konstanz
Öffnungszeiten : Mo–So, 10–18 Uhr
Exkursion « Konstanzer Konzil »
Besuch des Panoramaturms und Führung
zu den Schauplätzen des Konzils
Termin : Sa, 17. Oktober, 9.30–17.30 Uhr
Zum Künstler
Yadegar Asisi wurde 1955 als Sohn persischer Eltern in Wien geboren, wuchs in der DDR auf, studierte Architektur in Dresden und Malerei in Berlin. Seit 2003 stellte er 17 Panoramabilder fertig, die geschichtliche Ereignisse, Kunst und besondere Naturorte zum Thema haben. Unterstützt wird er dabei von einem Expertenteam und dem Komponisten Eric Babak, der die Klangräume zu den Panoramen gestaltet.
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