Internationales Seerecht als Grundlage
Mit den wärmeren Temperaturen versuchen wieder vermehrt Menschen, auf einem Boot nach Europa zu gelangen. Die Organisation SOS MEDITERRANEE rettet seit zehn Jahren Flüchtlinge, die auf der gefährlichsten Route im zentralen Mittelmeer zwischen Tunesien, Libyen und Italien unterwegs sind – oft in überfüllten Booten.
Zehn Jahre nach ihrer Gründung zieht die Seenotrettungsorganisation SOS MEDITERRANEE eine ernüchternde Bilanz. « Eigentlich sollte es uns gar nicht mehr geben », sagt Stefan Caprez, verantwortlich für die Öffentlichkeitsarbeit. Dass der Verein jetzt sein Jubiläum feiert, sei kein Grund zur Freude, sondern Ausdruck einer anhaltenden Notlage. Gegründet wurde SOS MEDITERRANEE 2016 von einer französischen Menschenrechtsaktivistin und einem deutschen Kapitän eines Handelsschiffes. Damals dominierten Bilder von überfüllten Booten vor Lampedusa die Schlagzeilen. Italien hatte bis 2014 selbst Rettungsmissionen durchgeführt, zog sich dann aber zurück.
Gefährlichste Fluchtroute
« In vielen Ländern haben sich Bürger zusammengeschlossen, um diese Lücke zu schliessen », sagt Caprez. Neben SOS MEDITERRANEE entstanden Organisationen wie Sea-Watch oder Sea‑Eye. Heute betreibt die Organisation das Rettungsschiff « Ocean Viking ». Es ist zwischen Libyen, Tunesien und Italien im Einsatz – auf der zentralen Mittelmeerroute, der gefährlichsten Fluchtroute weltweit. Seit 2016 wurden von SOS MEDITERRANEE rund 43'000 Menschen gerettet, allein seit Januar dieses Jahres bereits 453, darunter 98 Minderjährige.
Die Zahlen bleiben hoch. Laut International Organization for Migration sterben jedes Jahr zwischen 1'500 und 3'000 Menschen im Mittelmeer. « Die Aufmerksamkeit ist kleiner geworden, aber die Realität hat sich kaum verändert », sagt Caprez. Wie riskant die Einsätze sind, zeigte sich erst kürzlich. Im August 2025 wurde ein Schiff der Organisation bei einem Rettungseinsatz von der libyschen Küstenwache beschossen. « Wir wurden rund 20 Minuten lang mit Kalaschnikows beschossen, mit 87 Menschen an Bord », sagt Caprez. Das Schiff musste danach monatelang repariert werden.
Abbild globaler Konflikte
Die Menschen an Bord kommen oft von weit her. « Viele denken, es seien vor allem Menschen aus den Küstenländern », sagt Caprez. « Was wir sehen, ist ein Abbild globaler Konflikte. » Gerettete stammen vielfach aus Bangladesch, aber auch aus Afghanistan, Syrien, Pakistan, Äthiopien oder zuletzt vermehrt aus dem Sudan. Manche reisen jahrelang, bevor sie in Libyen stranden. « Diese Wege sind selten geradlinig », so Caprez. Für SOS MEDITERRANEE ist die Grundlage klar : internationales Seerecht. « Jeder, der auf dem Meer ist, muss Menschen in Seenot retten », sagt Caprez. Die Geretteten müssten an einen sicheren Ort gebracht werden – und der liege nicht in Libyen oder Tunesien, die laut UNO nicht als sicher gelten.
Die Organisation ist mittlerweile in Frankreich, Deutschland, Italien und der Schweiz präsent. Das Hauptbüro befindet sich in Genf mit rund sieben Angestellten, in der Deutschschweiz arbeiten drei fest angestellte Mitarbeitende. Unterstützt werden sie von zahlreichen Freiwilligen, unter anderem in lokalen Gruppen in Genf und Zürich. Finanziert wird die Arbeit durch Spenden von Privatpersonen, Stiftungen, Kirchen und öffentlichen Institutionen. Heute ist aus der einstigen Bürgerbewegung eine professionelle Organisation geworden. Doch das Ziel ist unverändert : Leben retten. Dass dies auch zehn Jahre nach der Gründung noch nötig ist, bleibt für Caprez die zentrale Botschaft : « Wir füllen eine Lücke, die es eigentlich nicht geben dürfte. »
Carmen Schirm-Gasser, 01.06.2026
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