Geben und empfangen – beides gehört zum Leben
Die Bilder und Nachrichten aus Nepal haben uns auf schmerzhafte Weise vor Augen geführt, wie verletzlich das Leben sein kann. Eine gewaltige Überschwemmung traf die Himalaya-Region nahe der Grenze zwischen Nepal und Tibet. Wassermassen, Schlamm und Geröll rissen Strassen, Brücken, Häuser und wichtige Infrastruktur mit sich. Menschen kamen ums Leben, viele weitere wurden vermisst. Familien verloren ihr Zuhause, ihre Angehörigen und ihre Lebensgrundlage.
Doch mitten in dieser Zerstörung zeigte sich auch etwas, das keine Katastrophe auslöschen kann : Menschen, die füreinander da sind. Polizisten, Soldaten, Ärztinnen und Ärzte, Rettungskräfte und Bewohnerinnen und Bewohner der betroffenen Gemeinden machten sich auf, um nach Vermissten zu suchen und Menschen aus den Gefahrenzonen zu retten. Andere versuchten aus der Ferne, ihre Angehörigen zu erreichen und Hilfe zu organisieren. In solchen Momenten wird sichtbar, was Solidarität bedeutet : nicht wegzuschauen, wenn andere leiden, sondern zu helfen, wo immer es möglich ist.
Solidarität – füreinander da sein
Gerade solche Ereignisse lassen uns darüber nachdenken, was Solidarität eigentlich bedeutet. Das Wort begegnet uns immer wieder. Wir hören davon in Kirchen, bei Spendenaktionen und verschiedenen Kampagnen. Doch Solidarität ist mehr als eine finanzielle Unterstützung oder eine einmalige Hilfsaktion. Solidarität bedeutet, die Not und das Leid anderer Menschen wahrzunehmen und sich davon berühren zu lassen. Sie bedeutet, nicht gleichgültig zu bleiben, wenn jemand Hilfe braucht. Dabei müssen es nicht immer grosse Taten sein. Ein Anruf bei einem Menschen, der einsam ist. Ein Besuch bei jemandem, der nicht mehr so leicht aus dem Haus kommt. Ein freundliches Wort, ein offenes Ohr oder die Bereitschaft, etwas Zeit zu schenken. Manchmal kann eine scheinbar kleine Geste für einen Menschen, der gerade eine schwierige Zeit durchmacht, sehr viel bedeuten.
Wir können nicht jedes Problem lösen. Es gibt Krankheiten, die wir nicht heilen können, Trauer, die wir niemandem abnehmen können, und Einsamkeit, die nicht einfach durch ein paar Worte verschwindet. Aber wir können da sein und einen Menschen begleiten.
Auch wir brauchen die anderen
Vielleicht liegt darin aber noch eine tiefere Seite der Solidarität. Denn Solidarität bedeutet nicht nur, dass wir anderen helfen. Sie bedeutet auch, dass wir selbst die anderen brauchen.
Im Laufe unseres Lebens entdecken wir immer wieder, dass niemand ganz allein durchs Leben gehen kann. Wir sind auf viele Menschen angewiesen : Da ist die Ärztin, die sich um unsere Gesundheit kümmert, der Nachbar, der nach uns schaut, ein Familienmitglied, das uns bei einem schwierigen Anliegen hilft, oder eine Freundin, die anruft und einfach fragt : « Wie geht es dir ? »
Unser Leben ist von unzähligen kleinen Gesten getragen. Vieles davon nehmen wir kaum wahr. Und doch geben sie uns Halt und ermöglichen es uns, weiterzugehen. Diese Seite der Solidarität anzunehmen, fällt manchmal schwer. Wir sind es gewohnt, selbstständig zu sein, Dinge zu organisieren und anderen zu helfen. Zu sagen, « Ich brauche dich » oder « Ich brauche Hilfe », kann uns verletzlich machen. Doch Hilfe anzunehmen, ist kein Zeichen von Schwäche. Es braucht vielmehr Demut und Vertrauen, sich einzugestehen, dass man nicht alles allein schaffen muss.
Getragen und tragend
Heute sind vielleicht wir diejenigen, die einem anderen Menschen Halt geben. Morgen brauchen vielleicht wir selbst eine Hand, die uns stützt. Solidarität bedeutet deshalb beides : füreinander da zu sein und sich selbst getragen zu wissen.
Auch unser christlicher Glaube erzählt von einem Leben, das nicht auf völlige Selbstständigkeit ausgerichtet ist. Es gibt Zeiten, in denen wir tragen, und Zeiten, in denen wir getragen werden. Es gibt Momente, in denen wir geben, und andere, in denen wir empfangen. Vielleicht können wir deshalb beides in den Blick nehmen : die Menschen, die unsere Hilfe brauchen, und die Menschen, deren Hilfe wir selbst benötigen. Denn letztlich sind wir alle miteinander verbunden – im Geben und im Nehmen, im Tragen und im Getragenwerden.
Text und Übersetzung: Andrea Metzger, 21.09.2026
Dar apoyo,
encontrar apoyo
Nos sostenemos unos a otros
Las imágenes y las noticias de Nepal nos han mostrado dolorosamente lo vulnerable que puede ser la vida. Una inundación de enorme fuerza golpeó la región del Himalaya, cerca de la frontera entre Nepal y el Tíbet. Muchas personas perdieron la vida, otras siguen desaparecidas y familias enteras perdieron sus hogares y seres queridos.
Pero en medio de la destrucción apareció también algo que ninguna tragedia puede borrar: personas que están ahí unas para otras. Policías, militares, médicos, equipos de emergencia se movilizaron para rescatar a quienes estaban en peligro. En momentos así comprendemos qué significa la solidaridad: no permanecer indiferentes ante el sufrimiento, sino ayudar donde sea posible.
Estar ahí para los demás
La solidaridad es mucho más que una ayuda económica o una acción puntual. Significa reconocer el sufrimiento de los demás y dejarse tocar por él. A veces, un gesto pequeño puede significar mucho: una llamada a una persona que se siente sola, una visita o simplemente una palabra amable. No podemos solucionar todos los problemas, pero podemos acompañar y estar ahí.
Sostenidos y sosteniendo
A lo largo de nuestra vida vamos descubriendo que nadie puede recorrer el camino completamente solo. Necesitamos ayuda de muchas personas, de quienes cuidan nuestra salud, nos ayudan o simplemente preguntan: «¿Cómo estás?». Estar ahí para los demás también significa dejarnos sostener por ellos. Nuestra fe cristiana nos recuerda que no estamos llamados a vivir en completa autosuficiencia. Hay momentos para dar y otros para recibir. Aprendamos a reconocer a quienes necesitan nuestro apoyo y a agradecer humildemente las manos que sostienen. Porque todos estamos unidos en el dar y recibir, en sostener y dejarnos sostener.
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