Franziska und Marius Heeb setzen sich für eine bedrohte Tierart ein
Ihr Ruf ist schlechter, als sie es verdienen. Für die einen sind Fledermäuse blutsaugende Vampire, für andere gefährliche Krankheitsüberträger. Ihr nächtliches Leben macht sie vielen Menschen unheimlich. Als ich bei Franziska und Marius Heeb von der Thurgauischen Koordinationsstelle für Fledermausschutz jedoch eine seltene Kryptische Fledermaus aus der Nähe betrachten durfte, war das ein berührender Moment. Das kleine, zarte Tier wirkte alles andere als furchteinflössend. Sofort wurde mir verständlich, weshalb das Paar einen grossen Teil seiner Freizeit dem Schutz dieser faszinierenden Säugetiere widmet.
Eine Fledermausausstellung im Naturmuseum Thurgau weckte 1995 das Interesse von Marius Heeb. Zwei Jahre später initiierte er als Lehrer gemeinsam mit seinen Schülerinnen und Schülern eine öffentliche Suche nach Fledermausquartieren. Seine Frau Franziska war von Anfang an mit dabei. 2009 führten die beiden, zusammen mit dem Naturmuseum Thurgau, eine Ausstellung im Schulhaus Bischofszell über Fledermäuse durch. Sie organisierten zahlreiche Führungen und engagierten sich bereits damals in der Pflege verletzter Tiere.
Prägend für das Paar wurde die langjährige Zusammenarbeit mit Wolf-Dieter Burkhard. Gemeinsam mit seiner Frau Ursula hat er 1983 die Thurgauische Koordinationsstelle für Fledermausschutz gegründet. Sein enormes Fachwissen, seine Erfahrung und sein aussergewöhnliches Engagement begeisterten Franziska und Marius Heeb für diese Aufgabe. Nach entsprechender Ausbildung übernahmen sie 2016 die Koordinationsstelle, die seither in Bischofszell angesiedelt ist. Nun blickt das Paar auf zehn Jahre erfolgreiche Arbeit zurück.
«Kirchenmäuse»
Nicht jede Fledermaus lebt in einer Kirche. Viele Arten bevorzugen Baumhöhlen, Dachstöcke, Fensterläden oder spezielle Fledermauskästen. Dennoch sind Kirchen für manche Arten wichtige Rückzugsorte. Voraussetzung ist vor allem eines : Dunkelheit.
Mehrere Kirchgemeinden im Thurgau beherbergen heute noch Fledermäuse oder bemühen sich darum, wieder geeignete Quartiere bereitzustellen. Der Erfolg stellt sich allerdings nicht immer sofort ein. Viele Arten sind selten geworden, manche stark bedroht oder bereits verschwunden.
Gerade deshalb sind bekannte Quartiere und deren Schutz so wichtig. Das Grosse Mausohr, früher eine häufige Art, besitzt im Thurgau nur noch zwei grössere Wochenstuben : in den Kirchen von Ermatingen und Lipperswil. Weitere kirchenbewohnende Arten sind das Braune Langohr, das Graue Langohr sowie die Breitflügelfledermaus. In der Kirche Bischofszell kommen das Grosse Mausohr, das Braune Langohr und die Breitflügelfledermaus vor. Oberneunforn beherbergt die grösste Kolonie des Grauen Langohrs im Kanton Thurgau. In Buch bei Frauenfeld finden sich das Braune Langohr und die seltene Kryptische Fledermaus. In Thundorf leben das Graue Langohr und eine kleine Population des Grossen Mausohrs. Weitere Fledermausquartiere befinden sich unter anderem in Welfens-berg, Schönholzerswilen, Uesslingen, Weiningen, Fischingen, Lommis, Landschlacht, Mammern, Eschenz und bei der Kapelle Klingenfels. Insgesamt leben im Thurgau rund 20 Fledermausarten.
Franziska Heeb, die viele Jahre als Katechetin in Bischofszell tätig war und sich heute bei « Kirche wunderbar » engagiert, sieht die Kirchgemeinden besonders in der Verantwortung. Kirchen könnten für bedrohte Arten wertvolle Rückzugsorte bieten und damit einen wichtigen Beitrag zum Erhalt der Artenvielfalt leisten.
Lebensrettende Pflege
Während meines Besuchs waren mehrere Fledermäuse bei den Heebs in Pflege. Aufmerksame Finderinnen und Finder hatten verletzte, erschöpfte oder verwaiste Tiere zu den Tierschützern gebracht. Die Betreuung ist anspruchsvoll. Junge Fledermäuse benötigen Spezialnahrung, Mehlwürmer und regelmässige Fütterungen im Abstand von ein bis zwei Stunden. Weil Fledermäuse Säugetiere sind, übernehmen die Pflegenden gewissermassen die Rolle von Ersatzeltern. Heebs stellen den Tieren grosse Flugnetze bereit. Dort trainieren sie nachts ihre Flugkünste. Tagsüber ruhen sie in kleinen Kisten. Haben sie genügend Kraft gesammelt, werden sie zu ihren Fundorten zurückgebracht. Rund hundert Fledermäuse werden so jedes Jahr wieder ausgewildert. « Das ist immer ein besonders schöner Moment », sagen Franziska und Marius Heeb.
Das Überleben wird für viele Arten zunehmend schwieriger. Ihre Lebensräume verschwinden. Sanierungen verschliessen Fledermausquartiere in Gebäuden, alte Bäume mit Höhlen werden gefällt, und das dramatische Insektensterben reduziert das Nahrungsangebot. Hinzu kommen Pestizide und die zunehmende Lichtverschmutzung. Fledermäuse brauchen dunkle Flugrouten entlang von Hecken, Waldrändern oder Gewässern. Gehen diese verloren, finden viele Arten ihre gewohnten Wege nicht mehr. Entsprechend stehen zahlreiche Fledermausarten auf der Roten Liste gefährdeter Tierarten.
Hilfe auf vielen Ebenen
Franziska und Marius Heeb helfen nicht nur einzelnen Tieren. Sie arbeiten auch mit Gemeinden, Kirchgemeinden, Behörden, Naturschutzorganisationen und der Politik zusammen. Denn ohne den Schutz und die Wiederherstellung geeigneter Lebensräume haben Fledermäuse langfristig keine Zukunft. Tatsächlich kann bei vielen Projekten Rücksicht auf Fledermäuse genommen werden : bei Brückensanierungen, Gewässerrevitalisierungen, Haussanierungen, Bepflanzungen oder der Beleuchtung öffentlicher Räume. In Frauenfeld beispielsweise wurde entlang der Murg ein Dunkelkorridor geschaffen. In Bischofszell verzichtet man auf die Beleuchtung des Kirchturms. Solche Massnahmen helfen lichtempfindlichen Arten.
Auch Windenergieanlagen können für Fledermäuse problematisch sein. Besonders Anlagen im Wald stellen eine Gefahr dar. Nicht nur Kollisionen spielen dabei eine Rolle. Der starke Unterdruck in der Nähe der Rotorblätter kann tödliche Verletzungen verursachen. Wie bei Zugvögeln könnten gezielte Abschaltungen während bestimmter Zeiten helfen, Fledermäuse zu schützen.
Was jede und jeder tun kann
Auf die Frage, was wir selbst für Fledermäuse tun können, haben Franziska und Marius Heeb eine klare Antwort : Licht vermeiden, wo es nicht notwendig ist. Entscheidend ist dabei nicht nur die Menge des Lichts, sondern auch dessen Platzierung. Oft lässt sich die Beleuchtung gezielt ausrichten oder reduzieren.
Ebenso wichtig sind naturnahe Gärten. Wer einheimische Pflanzen und nachtblühende Gewächse setzt, fördert Insekten und schafft damit Nahrung für Fledermäuse. Wasserstellen, Hecken, Obstgärten und strukturreiche Grünflächen helfen zusätzlich. Alte Bäume sollten, wenn möglich, erhalten werden. Auch Fledermauskästen können wertvolle Ersatzquartiere bieten.
Von solchen Massnahmen profitieren nicht nur Fledermäuse. Auch Nachtfalter, Igel, Eulen, Käuze, Dachse und viele weitere Tierarten finden dadurch bessere Lebensbedingungen. Letztlich stärkt dies ganze Lebensräume und fördert eine Artenvielfalt, von der auch wir Menschen profitieren.
Von meinem Besuch in der Koordinationsstelle nehme ich weit mehr mit als spannende Informationen. Die Begegnung mit den filigranen Tieren und mit zwei Menschen, die sich mit Herzblut für deren Schutz einsetzen, bleibt in Erinnerung. Franziska und Marius Heeb zeigen eindrücklich, wie viel engagierte Menschen bewirken können. Sie retten einzelne Tiere, bewahren wertvolle Lebensräume und sensibilisieren die Öffentlichkeit für eine oft übersehene Tierart.
Gaby Zimmermann, 24.08.2026
Fledermausschützer
Lokale Fledermausschützende helfen vor Ort bei der Sicherung von Quartieren, vermitteln und beraten Private und Behörden, unterhalten Pflegestellen und arbeiten mit der Koordinationsstelle zusammen. Etwa 50 lokale Fledermausschützende wurden im Thurgau bislang ausgebildet und arbeiten ehrenamtlich. Der nächste Kurs findet am 26. September in Frauenfeld statt.
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