Vom Leben an Bord, einer Rettung und den Gesichtern der Geretteten

Stefan Caprez ist zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit von SOS MEDITERRANEE in der Deutschschweiz . Die Zeit vom 21. Juli bis 3. August verbrachte er auf dem Rettungsschiff « Ocean Viking » seiner Organisation. Seither versucht er immer wieder zu erzählen, was er auf dem zentralen Mittelmeer erlebt hat. 

Schon als ich das Schiff verliess, war mir klar, dass es schwierig werden würde, zu Hause darüber zu erzählen. So viele Eindrücke, so viele Bilder. Wie erklärt man das ? Seit meiner Rückkehr versuche ich es. Bei Freunden, Familie und Kollegen. Beim Erzählen erlebe ich die Geschichte immer wieder. Die Reaktionen meiner Zuhörerinnen und Zuhörer sind unterschiedlich. Manche sind interessiert und stellen Fragen. Andere möchten lieber nicht zu viel wissen. Das Thema belastet. Was ich aber immer wieder sehe, ist Erstaunen : « Das passiert wirklich ? » Ja, es passiert.

Warten auf den Notfall
Fast jeden Tag versuchen Menschen, in völlig seeuntauglichen Booten das zentrale Mittelmeer zu überqueren. Sie fliehen aus Libyen. Die Menschen stammen aus den unterschiedlichsten Teilen der Welt : aus West- und Ostafrika, aber auch aus Bangladesch, Pakistan oder dem Nahen Osten. Sie fliehen vor Krieg, Armut und Menschenrechtsverletzungen. Manche in kleinen Schlauchbooten, andere in grossen Holzbooten oder selbst gebauten Booten aus Metall. Meistens sind diese völlig überladen. Rettungsmittel gibt es kaum. Viele sterben bei dem Versuch. Das zentrale Mittelmeer gilt als die tödlichste Seeroute weltweit.

Auf der « Ocean Viking » arbeiten rund 30 Menschen. Ein Teil gehört zur Schiffs­crew : Kapitän, Schiffsingenieur, Matrosen. Dazu kommen unsere See­not­retter, die mit den schnellen Rettungs­booten hinaus in die Wellen fahren. Das sogenannte Post-Rescue-Team kümmert sich um die geretteten Menschen, sobald sie an Bord sind : medizinisches Personal, eine Hebamme, kulturelle Vermittlerinnen mit Sprachkenntnissen sowie Mitarbeitende für Logistik und Betreuung. Ich war Teil dieses Teams.

Tagsüber suchen Crewmitglieder mit Ferngläsern den Horizont nach Booten in Seenot ab, nachts wird mit Nachtsichtgeräten Ausschau gehalten. Dazwischen Meetings, alltägliche Arbeiten, zusammen essen. Oft wird trainiert : Rettungsmanöver, medizinische Versorgung und Sicherheitsabläufe. Im Notfall müssen die Rettungsboote innerhalb weniger Minuten im Wasser sein. Am Abend gibt es manchmal Filmvorführungen, es wird gespielt, geredet, auch gelacht. Aber alle wissen, dass sich die Situation jederzeit ändern kann. Ein Alarm bedeutet aber nicht immer ein Boot in Seenot. Immer wieder müssen wir uns vor Schiffen der libyschen Küstenwache in Sicherheit bringen. In der Vergangenheit wurde die « Ocean Viking » schon angegriffen und beschossen. Auch während meines Einsatzes wurde ich mehrmals mitten in der Nacht von Sicherheitsalarmen geweckt, weil uns unbekannte Boote folgten.

Die eigentlichen Seenotfälle werden uns von Behörden, anderen Schiffen oder Organisationen wie der Schweizer NGO Alarm Phone gemeldet. Oder wir entdecken Boote in Seenot vom Schiff aus.

Notfalleinsatz
In meinem Fall verbrachten wir rund zehn Tage in unserem Einsatzgebiet. Dann, am 31. Juli, kommt der Alarm über Funk : « All crew, all crew. Ready for rescue, ready for rescue. » Ein Frontex-Flugzeug meldet ein Boot in Seenot. Als wir an der gemeldeten Position ankommen, ist das Schlauchboot kaum mehr als ein kleiner Punkt auf dem riesigen Meer. 14 Menschen sind darauf. Zwei Nächte haben sie auf dem winzigen Gummiboot verbracht. Nur Wasser und Wellen rundherum, sonst nichts. Als unsere Seenotretter sie erreichen, läuft bereits Wasser hinein. Der Motor ist defekt.

Wenn ich heute von diesem Boot erzähle, merke ich immer wieder, wie erstaunt die Menschen sind. So klein ? Und damit übers Mittelmeer ? Zu Hause würden wir mit einem solchen Ding vielleicht zu sechst auf den Rhein gehen. Für die « Ocean Viking » ist es eine « kleine » Rettung. Unsere Crew ist es gewohnt, auch 50, 100 oder 300 Menschen zu retten.

Die Rettung selbst verläuft schnell. Nach etwa 15 Minuten sind alle 14 Menschen an Bord. Dort gibt es einen ersten medizinischen Check. In unserem Fall zum Glück keine schweren Notfälle. Alle sind am Leben. Es sind zehn Männer, drei Frauen und ein Mädchen. Sie kommen aus Eritrea, Somalia sowie Nord- und Südsudan. Die Menschen sind völlig erschöpft und dehydriert, einige sind von den Treibstoffdämpfen benommen. Was mir von den ersten Minuten geblieben ist ? Ihre Gesichter.

Erste Minuten an Bord
Zuerst die Verblüffung. Für sie ist die « Ocean Viking » plötzlich wie aus dem Nichts aus dem Meer aufgetaucht. Sie wissen nicht, wer wir sind. Und sie haben nicht mit uns gerechnet. Dann diese unglaubliche Freude, noch am Leben zu sein. Sie strecken die Hände zum Himmel, lachen, reichen uns die Hände. Und kurz darauf sehe ich noch etwas anderes : Angst. « Wo fahren wir hin ? In welche Richtung ? Norden ? Nicht zurück nach Libyen ? » Immer wieder fragen sie uns das. Immer wieder antworten wir : « Nein, nicht zurück. Nach Norden. Hier seid ihr in Sicherheit. » Viele sprechen nur wenige Wörter Englisch. Aber in diesem Moment ist das egal. Wir reden mit den wenigen Wörtern, die wir haben, und mit den Händen. Wir verstehen uns.

Die Menschen kriegen Wasser, können sich hinsetzen und etwas erholen. Dann bekommen alle ein Überlebensset : Nahrung für die ersten 24 Stunden, Unterwäsche, einen Trainingsanzug und eine Zahnbürste. Dazu eine Decke. Die meisten der Geretteten tragen nur ihre nassen Kleider am Leib und Flip-Flops an den Füssen. Unter den 14 ist auch ein siebenjähriges Mädchen. Ich nenne sie hier Amira.* Nach der Rettung legen sich fast alle Geretteten völlig erschöpft schlafen. Nur sie nicht. Als ich sie zum ersten Mal sehe, sitzt sie bei einer unserer Ärztinnen und malt. Kurz darauf rennt sie schon auf dem Deck herum, lacht, klatscht und will alles entdecken.

Am Nachmittag spiele ich mit ihr Fussball. Ich kann es kaum begreifen, wie dieses Kind einfach Kind sein kann. Ich kenne ihre Geschichte nicht. Ich weiss lediglich, dass sie mit ihrer 18-jährigen Schwester unterwegs ist. Und dass sie gerne zur Schule gehen würde, wie sie uns immer wieder erzählt.

Leben an Bord
In den nächsten Tagen lerne ich auch einige der anderen Geretteten kennen. Einer von ihnen ist Elias, ein Junge aus Eritrea. Eines Abends stehen wir zusammen an der Reling und schauen auf das Meer. Er zeigt auf ein Licht am Horizont und fragt mich, ob es auch so ein Schiff sei wie unseres. « Nein », sage ich. Plötzlich sehe ich wieder diese Angst in seinem Gesicht. « Police ? » « Nein, keine Polizei », sage ich. Hier ist er sicher. Ich erkläre ihm, dass es vermutlich ein Handels­schiff ist.

An einem Morgen winkt mir Karim. Ein junger Mann aus dem Sudan, mit einge­fallenem Gesicht, aber immer am Lächeln. Er zeigt mir sein Handy. Es ist schwarz. Ich frage, ob ich es aufladen soll. « Nein », sagt er. « Es ist kaputt. Nass geworden. » Minuten­lang pustet er vorsichtig in alle Öffnungen und versucht immer wieder, es zu starten. Nichts passiert. Schliesslich legt er es in die Sonne. « No problem », sagt er und versucht zu lachen. – Ich denke noch heute an Karim. Und daran, wie dieser junge Mensch in einem neuen Land ankommt. Mit nichts ausser den Kleidern, die er trägt, einer Decke und einem kaputten Handy.

Land in Sicht
Schon am Tag der Rettung wurde uns von den italienischen Behörden ein sogenannter Place of Safety zugewiesen : ein sicherer Ort, wo wir die Geretteten an Land bringen können. In unserem Fall Brindisi, eine Stadt in Süditalien. Am Morgen des Ausschiffungstages ist die Küste bereits zu sehen. Die Geretteten stehen an der Reling und schauen aufs Land. Elias ist aufgeregt. Schon zuvor hat er oft und lange die aufgemalte Europakarte an der Wand studiert. Er wollte wissen, ob das alles Italien sei und ob er dort überall hingehen könne. Ich musste ihm ehrlich sagen : « Ich weiss es nicht. » Am letzten Tag zeigt er auf die Küste und fragt mich fröhlich : « Italy, very good ? » Die Frage überrumpelt mich. Ich weiss nicht, was ich ihm sagen soll. Also nicke ich nur und bleibe stumm.

Als wir Brindisi erreichen, wartet am Hafen ein grosses Aufgebot – Polizei, Küsten­wache, Rotes Kreuz, Gesundheitsamt. Nach und nach werden die Geretteten aufgerufen. Sie tragen die Kleider aus ihren Überlebenssets und ihre Decke unter dem Arm. Das ist alles. Die Crew verabschiedet sich von den Geretteten so, dass es vom Hafen aus nicht zu sehen ist. Hände werden geschüttelt, es gibt Umarmungen und auch Tränen. Dann werden alle einzeln die Gangway heruntergerufen. Elias ist der Letzte. Er ist nervös, trotzdem lacht er. Unten schaut er noch einmal zu uns zurück und winkt. Dann wird er weitergeführt.

Epilog
Und dann ist mein Einsatz auf der « Ocean Viking » zu Ende. Ich bin wieder zu Hause und versuche zu erzählen. Und immer wieder sehe ich das Erstaunen im Gesicht meines Gegenübers. Manchmal fällt mir das Erzählen leicht. Und ich denke an die Freude, noch am Leben zu sein. Manchmal bin ich müde davon. Dann denke ich an die Angst und Verzweiflung. Manchmal werde ich innerlich wütend und möchte am liebsten schreien und an meinem Gegenüber rütteln : « Das passiert ! Direkt vor unserer Haustür. » Aber ich halte mich zurück. Das Leben zu Hause geht weiter.

Während ich versuche, einen Schluss für diesen Artikel zu finden, leuchtet immer wieder mein Arbeitshandy auf. Es ist der 8. September. Heute hat unsere Crew an einem einzigen Tag drei Boote in Seenot gefunden. Insgesamt 78 Menschen, darunter ein fünf Monate altes und ein zwei Tage altes Baby. Ja, das passiert wirklich. Und ich denke an das Lachen von Karim und an sein kaputtes Handy. An Elias, an seine Angst und daran, wie er neugierig die Weltkarte studierte. Und an ein kleines Mädchen, das gerne in die Schule gehen würde.

*Die Namen der erwähnten geretteten Personen wurden zu ihrem Schutz geändert.

Siehe auch forumKirche Nr. 11 / 2026, S. 6

Schlauchboot im Mittelmeer
Quelle: Maria Giulia Trombini / SOS MEDITERRANEE
Sichtung des Schlauchbootes am 31. Juli mit 14 Geflüchteten

 

 

Seenotrettung
Quelle: Maria Giulia Trombini / SOS MEDITERRANEE
Amira wird von den Seenotrettern in Empfang genommen.

 

 

Elias verlässt in Brindisi das Schiff.
Quelle: Maria Giulia Trombini / SOS MEDITERRANEE
Elias verlässt in Brindisi das Schiff.

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