Pfarreiblatt der Bistumskantone
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Ausgabe Nr. 17

Erinnerung an Dunant

Zum 100 Todestag: Rundgang durch Heiden/AR

Als ein St. Galler Journalist 1895 einen grossen Artikel über Henry Dunant in einer deutschen Illustrierten publizierte, war die Öffentlichkeit Europas erstaunt, dass der Gründer des Roten Kreuzes noch lebte. Dunant wohnte so zurückgezogen im Spital in Heiden/AR, dass auch im Dorf kaum jemand wusste, wer er war. 100 Jahre nach seinem Tod ist Heiden im Dunant-Fieber.

Fast an jeder Ecke im appenzellischen Heiden ist sein Konterfei aus Hunderten kleiner roter Kreuze präsent: Henry Dunant, Humanist, Gründer des Roten Kreuzes und Friedensnobelpreisträger, der die letzten 23 Jahre seines Lebens hier verbrachte.

Verfolgungswahn in lieblicher Umgebung
Am Dunantplatz steht sein Denkmal, dort, wo er den Blick auf den Bodensee genoss. Das Panorama erinnerte ihn an Genf, wo er aufgewachsen, aber wegen seines Konkurses in Ungnade gefallen war. Auch die «Häädler», wie sich die Einheimischen gerne nennen, mochten den seltsamen Alten nicht, heisst es. Er war arm und auf regelmässige Zuwendungen Verwandter angewiesen, litt unter Ekzemen und anderen Krankheiten. Er fürchtete vergiftet zu werden, sodass im Spital, wo er als Dauerpensionär wohnte, jemand sein Essen vorkosten musste. Sogar mit seinem Freund Wilhelm Sonderegger, einem jungen Lehrer, der ihm bei der Neuauflage seines Buches «Erinnerung an Solferino» half, überwarf er sich, als Ersterem eine Seite abhanden gekommen war.

Davon ist auf dem Platz mit der lieblichen Aussicht nichts zu spüren. Eine Sekundarklasse hat sich mit dem Denkmal auseinandergesetzt. Eine ganze Galerie zeigt Fotos von den entsprechenden Inszenierungen. Da gibt es Verwundete, denen sich andere zuwenden, Hände, die man sich reicht. Alle Schulklassen des Dorfes haben sich zum Dunant-Jahr mit den Werten Humanität, Solidarität und Zivilcourage auseinandergesetzt.

Kinder und Bundesräte in Heiden
Diese Werte und ihre Vermittlung vor allem an Kinder und Jugendliche stehen im Zentrum der zahlreichen Aktivitäten zum Jubiläumsjahr. Das Historische Museum Heiden organisiert Klassenreisen nach Heiden. Bei einem internationalen Jugendcamp trafen sich kürzlich Jugendliche aus 36 Ländern, um in Workshops die Visionen und Ideen des Rotkreuz-Gründers weiterzuentwickeln. Natürlich gibt es auch Veranstaltungen für Erwachsene: Ein szenisches Musikwerk ist in Vorbereitung – das Libretto stammt von keinem Geringeren als Bundesrat Hans-Rudolf Merz. Uraufführung ist am Todestag Dunants, dem 30. Oktober – nach dem offiziellen Gedenkanlass, der seit mehr als vierzig Jahren in Heiden begangen wird. Die Rede wird dieses Jahr Bundesrätin Micheline Calmy-Rey halten. Das Dunant-Museum hat seine Dauerausstellung mit zwei Sonderschauen ergänzt. Ein Raum erinnert an die Kinderzüge des Schweizerischen Roten Kreuzes zwischen 1945 und 1956. Über 180 000 Kinder aus Kriegsgebieten konnten sich für drei Monate bei Schweizer Gastfamilien erholen. Im Militärzelt im Garten erinnert eine viel zu lange Fotogalerie an die Kriegs- und Katastropheneinsätze des Roten Kreuzes seit seiner Gründung. Lauter Elend und Leid, dazwischen immer wieder das Zeichen des Roten Kreuzes. Die Bilder aus der ganzen Welt zeugen davon, dass Dunants Idee universale Verbreitung fand.

Gegner des Krieges
Dunant war sein Leben lang ein gläubiger Mann, doch am Ende hatte er auch mit den Kirchen gebrochen: Er wollte in aller Stille und ohne Zeremonie in Zürich beigesetzt werden. Dem Roten Kreuz aber vermachte er die grossen Ideen: die Organisation zur Pflege der Verwundeten, die internationalen Verträge, welche die mit einem Emblem gekennzeichneten Helfer schützen sollen. Während des Deutsch-Französischen Krieges von 1870/71 setzte Dunant sich für die Kriegsgefangenen ein – auch heute noch ein wichtiges Engagement des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK).

Später war er davon überzeugt, dass nicht nur das Los der Betroffenen verbessert, sondern der Krieg ganz verhindert werden müsse. «Die Gegnerschaft gegen den Krieg muss umfassend werden», wird er im Museum zitiert. «Man muss den Nationen zeigen, was der Ruhm, dieser vergebliche Ruhm, kostet, für den sie sich so leicht aufhetzen lassen. Stetsfort sollen sie es erfahren. Es ist wichtig, dass die Völker und Individuen von der Idee eines internationalen Schiedsgerichts überzeugt werden.» Ein entsprechendes Gericht wurde nach dem Ersten Weltkrieg vom Völkerbund gegründet. Noch heute gibt es den Internationalen Gerichtshof in Den Haag. Viele seiner Ideen wurden umgesetzt, oft allerdings erst lange Zeit nach seinem Tod. Auch einen jüdischen Staat in Palästina schlug Dunant vor, Jahrzehnte vor dessen Gründung. «Utopien sind die Realität von morgen», zitiert ihn der Film im Museum. Dunant setzte sich auch für die Gleichberechtigung der Frau ein, welche er für entscheidend hielt für den Frieden, weil er ihr Eigenschaften wie Nächstenliebe und Einfühlungsvermögen zuschrieb. Daneben wälzte er auch seltsame Gedanken. So hat er in vier grossformatigen Kritzelbildern seine Sicht der Menschheitsgeschichte aufgezeichnet, eine mythische Gesamtschau seit Erschaffung der Welt.

Überall das Rote Kreuz
Heute kennt jedes Kind vor allem eines: das rote Kreuz auf weissem Grund. Derzeit ist es selbst in den Schaufenstern von Heiden zu sehen, gemalt sowohl von Kindern wie von Bundesräten. Sechzig dieser mit Namen gezeichneten Bilder wurden schon versteigert. Am Dunantplatz steht ein roter Tisch in Kreuzform mit weissen Hockern in den Ecken. Das Werk des Künstlers H. R. Fricker gibt es vier Mal in Heiden, drei davon sollen später an andere Städte verschenkt werden; Tische für private Versöhnungsgespräche samt Anleitung in fünf Schritten. Gerade vom Rot-Kreuz-Tisch ist Norbert Näf, Präsident des Vereins Dunant-Jahr 2010 in Heiden, besonders begeistert: «Wenn man im Kleinen, in der Familie oder am Arbeitsplatz Frieden schliessen könne, leiste man einen Beitrag zum Weltfrieden – ganz im Sinne Dunants.»

Petra Mühlhäuser/Kipa

■ Hinweis

www.dunant2010.ch
Verein Dunant 2010

www.dunant-museum.ch
Dunant-Museum Heiden

www.dunant-wissen.ch
interaktive Bildungsplattform

www.micr.ch
Musée international de la croix-rouge et du croissant-rouge, Genf, mit der Sonderausstellung «Henry Dunant + Gustave Moynier: ein Kampf an vielen Fronten»

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Friedenstisch für private Versöhnungsgespräche des Künstlers H. R. Fricker.





Dunants Zimmer im Dunant-Museum

Bilder: pem, kipa
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