Impressionen zur Ausstellung «ORAKEL – Kaleidoskop der Zukunft»

Heute benutzen wir bewusst oder unbewusst KI oder fragen Fachleute. In der Vergangenheit halfen Beobachtungen, Götter, Menschen und ihre Hilfsmittel, um Entscheidungshilfen für die Zukunft zu erhalten. In der Ausstellung im Schaffhauser Museum zu Allerheiligen veranschaulicht ein Potpourri aus unterschiedlichen Sammlungsobjekten das menschliche Bedürfnis, in die Zukunft zu schauen.

Ein azurblauer Ausstellungsraum lässt einen in eine geheimnisvolle Sphäre eintauchen. Soll das verändernde Licht einen Tagesrhythmus oder unsere Vergänglichkeit implizieren ? Das Urbedürfnis des Menschen ist, sich für die Zukunft abzusichern. 

Das Orakel von Delphi
Die alten Griechen verehrten Apollon, den Gott der Wahrheit. Seinen berühmtesten Tempel im griechischen Delphi nannte man das Orakel von Delphi. Lateinisch «oraculum» bedeutet (Götter-)Spruch. Auch die priesterlichen Ratgeber und deren mehrdeutige Sprüche werden als Orakel bezeichnet. Der Spruch « Erkenne dich selbst » ist durch dessen Tempelinschrift bekannt. Viele Politiker, Krieger und Pilger kamen nach Delphi, um Rat zu suchen. In der Ausstellung ist als Beispiel eine Apollon-Statuette als Opfergabe zu sehen. Eine Radie­rung namens « Pythia » von 1901 stellt die damals berühmteste Hohepriesterin von Delphi dar, die in Trance Apollons Weissagungen verkündete. 390 n. Chr. hat Kaiser Theodosius I. das Orakel von Delphi sowie alle heidnischen Stätten und Praktiken strengstens verboten. Damit galt das Christentum als alleinige Staatsreligion im Römischen Reich.

Die Wiege der Wissenschaften
Beobachtungen der Natur verhalfen den Menschen, Erkenntnisse zu gewinnen. Das Präparat einer Feldlerche und das Hören ihres Gesangs macht auf die Schaffhauser Bauernregel für den 27. Februar aufmerksam : « Singt die Lerche jetzt schon hell, geht es dem Bauern ans Fell. » Eine Warnung an diejenigen, die bei einem milden Februar mit der Aussaat bereits starten wollen, da erfahrungsgemäss mit einem Winter­einbruch zu rechnen ist.

Eine Lithografie namens « Sterngucker » von 1850 zeigt einen Astrologen, der durch sein Fernrohr anhand des Sternenbildes den Tod des Kaisers vorauszusehen vermochte. Kurios ist, dass er seinen eigenen Tod – hier der Tod als Skelett neben sich – nicht erkennt. Soll es seine Unfähigkeit als Astrologe darstellen, der angeblich in die Zukunft schauen kann, aber sein eigenes Schicksal nicht sieht ? Im 17. Jahrhundert hat sich die wissenschaftliche, auf messbaren Daten basierende Astronomie von der volkstümlichen Astrologie abgelöst. Letztere konnte die Sternzeichen auf menschliche Schicksale nicht nachweisen. 

Menschen, Hilfsmittel und Geschäfte
Bereits im frühen Christentum verband man Wahrsagerei mit Geldmacherei. In der Apostelgeschichte 16,16 begegnet Paulus einer Magd, die von einem Wahrsagegeist besessen ist. Ihr Herr verdient viel Geld an ihren Fähigkeiten. Auf einem Kupferstich von 1710 n. Chr. erkennt man Paulus, wie er den Geist der Frau im Namen Jesu austreibt. Aus ihrem Mund entflieht der Geist. 

Ein Verkaufsrenner wurden die Tarotkarten der Schaffhauser Spielkartenfabrik AGMüller, die extra für den James-Bond-Film « Live and Let Die » (« Leben und sterben lassen ») von 1973 produziert wurden. In einer Film­sequenz bietet James Bond (Roger Moore) fächerartig die Karten­rückseiten mit dem 007-Muster der Seherin Solitaire (Jane Seymour) an. Zu ihrem Entsetzen zieht sie die Karte « The Lovers » («Die Liebenden»). Bonds Bluff : Das ganze Set bestand aus der gleichen Karte. Die Ausstellung präsentiert das ursprüngliche Original­deck und die Filmszene.

Orakel unserer Zeit ?
Ohne Künstliche Intelligenz wären Prognosen und Planungen heute nicht mehr vorstellbar. Beispielsweise basiert SRF Meteo auf empirischen Wetter­daten. Zwei eigens für die Ausstellung entwickelte KI-Installationen führen das Thema weiter : « The Oracle » von Dan Koerner lädt die Museumsgäste ein, eine KI nach der eigenen Zukunft zu befragen. Die Antworten sind eher zum Schmunzeln. Die KI « Spiegel zu Allerheiligen » von Simon Husslein und Arne Magold kehrt die Rollen um und stellt den Besuchenden Fragen. Dafür darf man auf einem blauen Thron mit sphärischem Licht und Kopfhörern Platz nehmen. Am Ende der Fragenreihe liefert die geheimnisvolle Stimme eine scheinbar individuelle Zusammenfassung. Trotz KI : Persönliche Dialoge der Gegenwart haben mehr wert für die eigene Zukunft !

 Judith Keller, 5.10.2026

Sieht den Tod des Kaisers durchs Fernrohr, aber nicht seinen eigenen : « Der Sterngucker », Lithografie von Hans Sigmund Bendel, 1850 n. Chr.
Quelle: Judith Keller
Sieht den Tod des Kaisers durchs Fernrohr, aber nicht seinen eigenen : « Der Sterngucker », Lithografie von Hans Sigmund Bendel, 1850 n. Chr.

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