Trost und Orientierung nach einem Unglück

Seit 20 Jahren steht das Care Team Thurgau Menschen zur Seite nach einem tragischen Ereignis, etwa wenn jemand verunfallt, ein Brand alles raubt oder ein Angehöriger stirbt. Rund 1'150 Mal haben seine freiwilligen Helferinnen und Helfer Betroffene in den ersten schweren Stunden begleitet, Trost gespendet und Orientierung gegeben.

Wenn nach einem Unglück die Blaulicht­organisationen ausrücken, gehört heute oft auch eine notfallpsychologische Einsatz­gruppe dazu. Das Care Team Thurgau feiert am 1. Oktober sein 20-jähriges Bestehen. Es wird aufgeboten, wenn die seelische Belastung von Betroffenen plötzlich zu gross wird, etwa nach Verkehrs- oder Arbeits­unfällen, Suiziden, unerwarteten Todesfällen oder Bränden. Die Mitglieder leisten keine Therapie im eigentlichen Sinn. « Ziel ist es, Menschen in akuten Ausnahme­situationen zu stabilisieren, Orientie­rung und Halt zu vermitteln », sagt Sarah Pietsch, operative Leiterin des Care Teams. Es gehe darum, Ruhe in eine Situation zu bringen und den Betroffenen verständlich zu machen, was nun auf sie zukommt.

Pietsch schilderte an einem Tag für die Medien einen konkreten Einsatz. Nach dem unerwarteten Tod einer Frau in den Siebzigern wurde ein Zweierteam aufge­boten. Während sie selbst die Tochter betreute, kümmerte sich ihre Kollegin um den Ehemann, der zunächst keine Unterstützung wollte. Später stellte sich die Frage, ob die Enkel ihre Grossmutter nochmals sehen sollten. Die Eltern waren unsicher. Am nächsten Tag half das Care Team, die Kinder auf den Abschied von der Verstorbenen vorzubereiten.

Psychologische Folgen reduzieren
Die Unterstützung in den ersten Stunden nach einem einschneidenden Ereignis hat ein klares Ziel : Menschen sollen in ihrer Krise nicht allein gelassen werden. Durch Gespräche, Orientierungshilfe und die Vermittlung weiterer Unterstützungs­angebote trägt das Care Team dazu bei, längerfristige psychische Folgen zu reduzieren. Regierungsrat Urs Martin, Chef des Departementes für Finanzen und Soziales, betonte auch, dass die Arbeit der Freiwilligen nicht nur menschlich wichtig sei, sondern auch helfen könne, gesund­heitliche Folgeschäden zu verhindern.

Dass Menschen im Thurgau heute auf diese Unterstützung zählen können, geht auf einen politischen Vorstoss zurück. Harry Huber, Koordinator Rettungswesen Thurgau, erinnerte an eine Motion des Präventivmediziners und damaligen Zürcher Ständerats Felix Gutzwiller, die den Aufbau von Care Teams in der Schweiz anstiess. Der Kanton Thurgau griff die Idee auf und gründete das Care Team Thurgau, das im Oktober 2006 den Betrieb aufnahm. Seither hat sich die Organisation zu einem festen Bestandteil des kantonalen Rettungswesens entwickelt. Heute gehören dem Care Team rund 45 freiwillig engagierte Personen an. Sie stammen aus unterschied­lichen Berufen, unter anderem aus den Bereichen Soziales, Theologie, Medizin und Pädagogik. Alle Mitglieder werden sorgfältig ausgewählt, geschult und regelmässig weitergebildet.

Extreme Gefühle kanalisieren
Gernot Brauchle, medizinischer Leiter des Care Teams, beschreibt die Aufgabe als « das Schaffen eines sicheren Rahmens ». Unterstützung bedeute, extreme Gefühle zu kanalisieren und Menschen wieder handlungsfähig zu machen. Besonders anspruchsvoll seien Einsätze mit Kindern. Organisatorisch ist das Care Team dem Amt für Gesundheit Kanton Thurgau unterstellt. Alarmiert wird es über die Sanitätsnotrufzentrale 144 in Frauenfeld. Während zu Beginn oft nur eine Person ausrückte, sind heute in der Regel Zweierteams unterwegs. Jährlich kommt es zu rund 50 bis 100 Einsätzen.

Gut vorbereitet
Auch auf grössere Ereignisse wäre man vorbereitet. Unterstützt würde das Care Team dabei vom Logistikzug des Zivilschutzes, der innert kurzer Zeit die nötige Infrastruktur und Betreuungsstellen aufbauen könnte. « Rein materiell sind wir gut ausgerüstet », sagt Ivo Rindlisbacher, Chef des Thurgauer Zivilschutzes.

Wer im Care Team mitarbeitet, stellt sich freiwillig in den Dienst von Menschen in Grenzsituationen. Ein regelmässiger Pikettdienst gehört dazu. Gesucht sind belastbare Persönlichkeiten, die Verantwortung übernehmen können, ohne sich selbst aus dem Blick zu verlieren. Was die Freiwilligen antreibt, fasst Gernot Brauchle in einem Satz zusammen : « Es macht einen zum besseren Menschen. » Nach 20 Jahren ist das Care Team Thurgau damit eine stille, aber unverzichtbare Stütze im kantonalen Rettungswesen.

Ralph Weibel, forumKirche, 24.08.2026

Sarah Pietsch, operative Leiterin Care Team Thurgau
Quelle: Ralph Weibel
Sarah Pietsch, operative Leiterin Care Team Thurgau, vor einer vom Zivilschutz aufgebauten Beratungsstelle für Notfallsituationen

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