Ein Bauer setzt auf Aufnahme statt auf Ausschluss

Der Eritreer Tesfu Adhanom flüchtete 2012 in die Schweiz und kam 2015 auf den Biobetrieb von Markus Ramser in Illhart. Mit seiner Hilfe absolvierte er eine Ausbildung zum Agrarpraktiker und arbeitet sowie lebt nun seit fünf Jahren auf dem Hof. Für sein Engagement wurde Markus Ramser im letzten Jahr für den Prix Courage nominiert und auch das Schweizer Fernsehen dokumentierte das positive Beispiel für Integration. 

«Ich war glücklich, es nach vier Jahren auf der Flucht endlich nach Europa geschafft zu haben», erzählt der heute 34-jährige Tesfu Adhanom. 2008 verliess er seine Heimat Eritrea und versuchte, über den Sudan und Libyen, das Mittelmeer zu überqueren. Doch der Versuch scheiterte und er wurde von der Küstenwache zurück in ein libysches Ausschaffungsgefängnis gebracht. Er flüchtete von dort nach Tunesien und kam schliesslich 2012 durch seine Schwester, die in St.Gallen wohnt und ihn per Familiennachzug holte, endlich in die Schweiz. In Müllheim musste er jedoch nochmals zwei Jahre auf seine Aufenthaltsbewilligung warten. Durch die Peregrina- Stiftung in Frauenfeld erfuhr Tesfu 2015, dass Markus Ramser jemanden für seinen Hof suchte und durfte einige Tage dort schnuppern. Inzwischen sind fünf Jahre vergangen. Der junge Eritreer, der ein regelmässiger Kirchgänger ist, engagiert sich in seiner katholischen Gemeinde im Religionsunterricht. Er arbeitet – nun in einer Festanstellung – immer noch auf dem Hof und hat hier ein neues Zuhause gefunden. Die Ramsers, die er liebevoll Mama und Papa nennt, seien seine Familie, erzählt er. «Ich bin ihnen sehr dankbar, dass sie mir so geholfen haben und es immer noch tun», sagt Tesfu Adhanom. Und Markus Ramser fügt hinzu: «Toleranz erzeugt gegenseitiges Vertrauen. Das ist der Motor». 

Teilnahme an Pilotprojekt

Seine Mitarbeit auf dem Biohof der Ramsers machte ein dreijähriges Pilotprojekt möglich. Dieses wurde vom Schweizer Bauernverband (SBV) und dem Staatssekretariat für Migration (SEM) initiiert, mit dem Ziel, das Potenzial von Flüchtlingen als Arbeitskräfte in der Landwirtschaft zu ermitteln. Davon erfuhr Markus Ramser und meldete sich prompt. «Jeder Mensch verdient eine Beschäftigung. Gerade Flüchtlingen muss man wieder Mut und Hoffnung geben», erklärt er. Insgesamt machten schweizweit 17 Betriebe bei dem Pilotversuch mit. Während viele von ihnen aus unterschiedlichen Gründen an dem Vorhaben scheiterten, funktionierte bei Ramsers die Paarung von Anfang an. «Nicht nur, dass die Chemie zwischen uns einfach stimmte. Unsere Arbeit ist zudem sehr abwechslungsreich, von den Pflanzen im Ackerbau, über die Milchwirtschaft, bis zum Obst- und Gemüseanbau. Hinzu kommt, dass das Familiäre bei uns im Vordergrund steht, weshalb meine Lehrlinge bei mir auf dem Hof wohnen», erklärt sich Markus Ramser seinen Erfolg. 

Schwerer Anfang

Tesfu Adhanom nahm seine Arbeit 2015 im Mai auf und wurde damit direkt ins kalte Wasser geworfen. Zwar sei sein Vater Bauer und ihm deshalb die Landwirtschaft nicht von Grund auf fremd, doch in Eritrea arbeite man, anders als in der Schweiz, mehr mit dem Ochsenpflug anstatt mit Maschinen. «Nach drei Monaten konnte Tesfu jedoch sämtliche Fahrzeuge bedienen», sagt Markus Ramser zufrieden. Überhaupt habe der junge Eritreer alles, was er ihm zeigte, sehr schnell umsetzen können. Nach einem Jahr beendete er das Projekt erfolgreich, wollte weitermachen und fing deshalb eine Ausbildung zum Agrarpraktiker an. Mit tatkräftiger Unterstützung von Markus Ramser, da das grösste Hindernis für Tesfu nach wie vor die deutsche Sprache ist. Zwar absolvierte er zwischenzeitlich einen Deutschkurs in St.Gallen, «doch einem Fachunterricht folgen zu können, ist noch einmal eine ganz andere Herausforderung», erklärt Markus Ramser. Also lernte er jeden Abend mit Tesfu ein bis zwei Lektionen im Voraus, damit dieser vom Unterricht etwas mitnehmen konnte. Darüber hinaus versuchte Ramser seinem Schützling auch mithilfe von Zeichnungen und Begriffen, die er aufschrieb, viel zu erklären. «Und so hat er es geschafft», sagt der Landwirt. 

Grosser Einsatz

Bauer Ramsers Einsatz für Integration – der vor allem durch eine SRF-Dokumentation, die im letzten Jahr ausgestrahlt wurde, grössere Bekanntheit erlangte – hat inzwischen schon Schule gemacht. «Es freut mich sehr, dass andere Betriebe die Idee aufgenommen haben und jetzt ihrerseits Lehrlinge bei sich ausbilden», so der fast 70-Jährige Landwirt. Markus Ramser hat nicht nur Tesfu eine Chance gegeben, sondern auch noch anderen eritreeischen Flüchtlingen. So wie Robi, der zwei Jahre auf dem Hof beschäftigt war, dessen Asylgesuch jedoch abgelehnt wurde und der letztes Weihnachten ausgewiesen wurde, berichtet Markus Ramser traurig. Dafür hat das Ehepaar Ramser eine Bekannte von Tesfu mit ihrem zweijährigen Sohn David aufgenommen. Dieser will auch schon fleissig auf dem Hof mitarbeiten und würde gerne «Kühe jagen», wie Bauer Ramser schmunzelnd erzählt. Zusammen mit seiner Frau betreut er den Kleinen liebevoll, damit dessen Mutter tagsüber arbeiten gehen kann. Auf die Frage, warum er sich so für die Flüchtlinge engagiert, meint er: «Für mich gibt es keine Grenzen. Den Abstand zu den anderen zu überwinden, ist schon ein Riesenschritt, den es zu bewältigen gilt». 

Sarah Stutte (9.6.20)


Tipp: SRF-Reportage «Bauer Ramser und die Eritreer», auf YouTube
 

Bauer mit Lehrling
Quelle: Sarah Stutte
Die Chemie stimmt: Markus Ramser und sein ehemaliger Lehrling Tesfu Adhanom.

 

 

 

 

 

Bauer mit Ziehenkel
Quelle: Sarah Stutte
«Für mich gibt es keine Grenzen», sagt Markus Ramser, hier mit «Ziehenkel» David.

 

Kommentare

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Iris

27.07.2023, 0:09

Lieber Markus , liebe Emmi, ihr seid wunderbare Menschen! Vielen Dank und mögen sich viele von euch inspirieren lassen. Die Welt wird besser, durch offene, liebende , helfende und vorurteilslose und vertrauende Menschen. Ihr seid wunderbar und lasst Wunder wahr werden . MERCI !

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