Eine Woche als Inklusin leben – wie einst Wiborada
Die Thurgauerin Simone Curau-Aepli liess sich bei der St. Mangen Kirche in St. Gallen für eine Woche einschliessen. Sie lebte wie einst Wiborada, abgeschieden vom Alltag und doch in enger Verbindung mit den Menschen. Das Projekt erinnerte an die erste heiliggesprochene Frau der katholischen Kirche. Stille, Gebet, Handarbeit und Schreiben strukturierten die Tage von Simone Curau. Durch das « Offene Fenster » erreichten sie Fürbitten aus der Kirche, persönliche Sorgen und Hoffnungen. In einem Gespräch während ihrer Inklusion spricht die Inklusin von Demut, geistiger Arbeit und der Erfahrung mit der Stille.
Simone Curau-Aepli, Sie sind sonst vielseitig engagiert. Wie geht es Ihnen damit, jetzt als Inklusin still in einer Zelle zu sein ?
Ich sitze zwar viel, aber untätig bin ich nicht. Auch dieses Dasein ist mit Aufgaben verbunden, zu denen ich bewusst Ja gesagt habe. Es gibt drei grosse Bereiche : die geistige Auseinandersetzung, eine Handarbeit und das Schreiben.
Was heisst geistige Auseinandersetzung konkret ?
Ich setze mich intensiv mit Texten auseinander, vor allem mit Liedern. Manche Kinderlieder, die ich früher gerne gesungen habe, kann ich heute nicht mehr mitsingen. Daran beginne ich zu arbeiten, umzuschreiben, mich mit einzelnen Zeilen wirklich auseinanderzusetzen. Aktuell beschäftigt mich besonders das Lied « Grosser Gott, wir loben dich ». Es ist eines der meistgesungenen Lieder an Kasualien und gerade deshalb will ich genau hinschauen.
Und die Handarbeit ?
Die gehört ganz wesentlich dazu. Wie einst Wiborada ihren Lebensunterhalt und den ihrer Dienerinnen sichern musste, gehört auch hier Arbeit zum Alltag. Ich lese mir Texte vor und stricke. Etwas in den Händen zu haben, erdet und hilft, den langen Tag zu strukturieren.
Sie haben von einem festen Tagesrhythmus gesprochen. Wie sieht der aus ?
Morgens bringt meine Begleitperson Frühstück und Wasser für den Tag. Sie nimmt sich Zeit für Gespräche und fragt proaktiv, wie es mir geht. Das ist sehr wertvoll. Später kommen Freiwillige, die Essen bringen. Diese Regelmässigkeit trägt.
Sie schreiben auch Tagebuch, nicht nur für sich allein.
Ja, ich schreibe im gemeinsamen Inklusions-Tagebuch. Es ist inzwischen Band vier. Darin halte ich nicht nur Erlebnisse fest, sondern auch Gedanken aus den geistigen Auseinandersetzungen über Texte, über Begegnungen, über das, was mich innerlich bewegt. Das braucht Zeit und Konzentration und viel Tee.
Ein zentrales Element Ihrer Inklusion ist das « Offene Fenster ». Was geschieht dort ?
Über das Fenster kommen Fürbitten aus der Kirche zu mir. Die Menschen schreiben sie auf und legen sie hinein, im Vertrauen darauf, dass sie ins Gebet aufgenommen werden. Bis heute sind es rund 25. Ich nehme diese Bitten sehr ernst und setze mich mehrmals täglich damit auseinander.
Was löst das in Ihnen aus ?
Es berührt mich tief. Diese Offenheit, dieser Glaube, dieses Vertrauen – das bewegt mich. Viele Bitten sind sehr persönlich : um Schutz, um Frieden, um Begleitung, um Versöhnung. Im Gebet entsteht eine starke Verbundenheit. Das empfinde ich als grosse Verantwortung.
Spielt die heilige Wiborada dabei eine besondere Rolle ?
Ja. Ich spüre eine neue Nähe zu ihr. Sie war eine bescheidene Frau und hatte doch heilende Kraft. Entscheidend ist dabei die Demut, nicht zu meinen, man selbst sei es, der wirkt. Wenn diese Haltung verloren geht, verliert auch das Gebet seine Kraft.
Wie erleben Sie die Begegnungen mit den Menschen draussen ?
Es besuchen mich Einzelpersonen und Gruppen. Schulklassen melden sich an, dabei ist die Begegnung am Fenster Teil einer Führung. Wenn mir eine Begegnung ausserhalb der offiziellen Zeiten wichtig scheint, nehme ich mir diese Freiheit.
Ihr Hintergrund ist stark kirchlich und gesellschaftlich geprägt. Wie kam es zu Ihrer Entscheidung für dieses Projekt ?
Die Idee begleitet mich schon länger. Die Initiantin des Projekts ist meine Cousine, dadurch war ich von Anfang an nah dran. Intensiv auseinandergesetzt habe ich mich aber erst, als ich mich konkret beworben habe. Es gab zwölf Bewerbungen. Ich hatte keine Erwartungen und habe mich umso mehr gefreut, als die Zusage kam.
War der Zeitpunkt gut gewählt ?
Rückblickend ja. Das Jahr zuvor war extrem dicht : beruflich, kirchenpolitisch, medial. Auch persönliche Reisen und internationale Verpflichtungen kamen dazu. Jetzt ist diese Woche ein Raum des Innehaltens, zum Nachdenken, zum Hören, zum Dasein.
Was nehmen Sie bislang für sich mit ?
Dass Stille nicht passiv ist und dass aus Demut Kraft entstehen kann. Eine Kraft, die nicht laut ist, aber tief wirkt.
Interview : Klaus Gasperi, Redaktor Pfarreiblatt Uri Schwyz, 01.06.2026
Kommentare