Gedanken des abtretenden Thurgauer Synodenpräsidenten Thomas Merz
Turnusgemäss gibt der Weinfelder Thomas Merz, anlässlich der Sitzung vom 22. Juni, nach vier Jahren das Präsidium der katholischen Synode des Kantons Thurgau ab. Zum Abschluss seiner Amtszeit wünscht er der Kirche vor allem wieder mehr Mut, Zuversicht und Selbstvertrauen.
Liebe Leserinnen und Leser
« Warum bist du eigentlich noch Mitglied in dieser Kirche ? » wurde ich immer wieder mal gefragt, wenn mein Amt als Synodenpräsident zur Sprache kam. In der öffentlichen Diskussion werden ja seit vielen Jahren ihre Probleme in den Vordergrund gerückt. Kirchenaustritte, Missbrauchsskandale, Mangel an Seelsorgerinnen und Seelsorgern, lebensfeindliche Sexualmoral, fehlende Gleichberechtigung von Frauen, undurchsichtige Machtstrukturen … Und fast jeder Medienbeitrag wird mit einem Bild leerer Kirchenbänke illustriert.
Zu Recht befassten wir uns auch in der abgeschlossenen Legislatur in der Synode ernsthaft und kritisch mit solchen Themen. Keines davon will ich kleinreden. Erlauben Sie mir aber, dieses Bild hier zu ergänzen und den Blick etwas zu weiten – über den Thurgau hinaus.
Umgang mit Mitmenschen als Massstab
Der wichtigste Grund für meine Mitgliedschaft liegt in der Basis der Kirche überhaupt. Seit 2'000 Jahren bewahrt sie die Grundbotschaft des Christentums und trägt sie weiter : Gott wird erfahrbar in der Liebe, die wir einander schenken. Der Umgang mit andern Menschen, der Beitrag zu würdigem Leben für alle Menschen ist Massstab für christliche Praxis. Oft erscheint uns diese Haltung als selbstverständlich. Das ist sie keineswegs. Wenn Elon Musk als derzeit reichster Mensch der Welt Empathie als « fundamentale Schwäche der westlichen Zivilisation » bezeichnet, dann stellt er die christliche Grundhaltung radikal in Frage.
KI muss der ganzen Menschheit dienen
Gerade am Pfingstmontag publizierte Papst Leo XIV. sein erstes Lehrschreiben. In der Enzyklika «Magnifica humanitas» setzt er sich auseinander mit einer zentralen Herausforderung der Menschheit, mit Chancen und Risiken von Künstlicher Intelligenz und ihren Folgen für den Frieden auf der Welt. Künstliche Intelligenz kann als überaus mächtiges Werkzeug dem Aufbau einer menschlichen Gemeinschaft dienen – oder zu Krieg, Zerstörung oder Ausbeutung führen. Die Enzyklika fordert klare Regeln für Transparenz, Verantwortung und Kontrolle – für einen menschlichen, lebensfördernden Einsatz Künstlicher Intelligenz.
Ohnehin bringt Papst Leo XIV. in der aktuellen Weltlage eine äusserst wichtige Stimme ein für Frieden, Menschlichkeit oder Gerechtigkeit, beispielsweise in seiner Osterbotschaft : « Wir sind gerade dabei, uns an die Gewalt zu gewöhnen, wir finden uns damit ab und werden gleichgültig, gleichgültig gegenüber den Folgen von Hass und Spaltung, welche die Konflikte nach sich ziehen. Gleichgültig gegenüber den wirtschaftlichen und sozialen Folgen, die sie verursachen und die wir doch alle spüren. »
Auch bei uns lebt die Kirche
Das sind nur ein paar Beispiele, die auf die weltweite Bedeutung der Kirche hinweisen. Aber auch das stetige Bild leerer Kirchenbänke in Medienbeiträgen täuscht darüber hinweg, wie viele Menschen die Kirche bei uns nach wie vor erreicht. Immer noch sind die beiden grossen Landeskirchen auch in der Schweiz die mit grossem Abstand mitgliederstärksten Organisationen überhaupt. Allein in unserer Bistumsregion engagieren sich Tausende von Jugendlichen, von Frauen und Männern in jedem Alter für sinnvolle Aufgaben. Von Kinder- und Jugendarbeit über Musikprojekte über Begleitung in Krisen und schwierigen Lebensphasen über Integration von Flüchtlingen über Besuchsdienste von Kranken oder Alleinstehenden bis zum Engagement für ökologische Fragen oder Impulsen zu Sinn- und Lebensfragen gibt es unzählige Angebote, die christliches Handeln sichtbar, spürbar, erfahrbar machen.
Liebe erfahrbar machen
Ja, dieses Bild, das ich hier zeichne, ist ebenfalls einseitig. Das bin ich mir bewusst. Aber wie oben erwähnt : Wir setzen uns innerhalb der Kirche in den letzten Jahren zu Recht mit den Schwächen der Kirche auseinander. Oft habe ich den Eindruck, dass wir dabei selbst all die positiven Wirkungen und Impulse kleinreden. Die Herausforderungen, mit denen wir als Kirche konfrontiert sind, bewältigen wir aber nicht dann, wenn wir ängstlich auf die Mitgliederzahlen schauen, sondern wenn wir uns selbstbewusst engagieren für das, was Kirche im Kern ausmacht, wenn wir Frieden, Gerechtigkeit, Solidarität, Versöhnung und Liebe in dieser Welt sichtbar und erfahrbar machen.
Thomas Merz (abtretender Präsident der katholischen
Synode des Kantons Thurgau), 15.06.2026
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