Ein Lob auf das Zuhören
Jede Beziehung beruht wesentlich auf Sprechen und Zuhören. Zuhören erhält in unserer Kultur derzeit weniger Raum. Warum ist Zuhören so wichtig? Wie können wir es trainieren ? Dr. Burkhard Genser geht im Interview diesen Fragen nach.
Wir sind eine Gesellschaft, die das Sprechen höher schätzt als das Zuhören. Burkhard Genser, warum fällt es uns oft so schwer zuzuhören ?
Jede Beziehung zwischen Menschen gründet auf Sprechen und Zuhören. Bis etwa 1900 herrschte für die grosse Mehrheit Mangel. Alle mussten viel arbeiten. Die Rollen, etwa in der Ehe, waren klar definiert. In der Gegenwart leben wir im Überfluss. Es bestehen vielfache Wahlmöglichkeiten und Ansprüche. Im Zusammenleben muss ständig verhandelt werden. Verhandeln meint, beide Seiten hören zu. Zuhören bedeutet Aufmerksamkeit für die andere Person und deren Anliegen. Nicht zuzuhören ist der Versuch, im Moment bei den eigenen Interessen zu bleiben. Das Gespräch – zu dem unabdingbar das Zuhören gehört – ist heute notwendig.
Welche Folgen hat das eingeschränkte Zuhören für Beziehungen ?
Bei grossen Brüchen in unserem Leben, bei Verlust und Trauer, aber auch bei tiefer Freude, haben wir das Bedürfnis, zu sprechen und gehört zu werden. Ein Sprichwort sagt : «Leihe mir Dein Ohr, dann finde ich meine Worte !» Mit den gefundenen eigenen Worten können wir die Notlage verarbeiten und gegebenenfalls um Hilfe bitten. Therapeutinnen, Therapeuten und Seelsorgende hören viel und intensiv zu. Erst am Ende antworten sie. Durch Zuhören werden wir bereichert. Wir nehmen teil am Wissen des Sprechers. Persönliche Mitteilungen vom Gegenüber erleichtern es einem, sich seinerseits zu öffnen. Durch fehlende Bereitschaft zum Zuhören verarmt unsere Gesellschaft. Menschen werden einsam, wenn sie keine Personen finden, die ihnen zuhören.
Wie kann man Zuhören lernen und fördern ?
Zuhören wird erleichtert, wenn die sprechwillige Person den Mut hat und um Zuhören bittet : « Ich habe ein Problem. Hast du mal Zeit, dass ich dir das vortragen kann ? » Man kann eine Abmachung treffen : Die eine Person spricht fünf Minuten, die andere hört zu, ohne zu kommentieren. Danach wird gewechselt. Man respektiert die Sichtweise des anderen. Andererseits gibt es Methoden, Menschen zu manipulieren, damit sie einem zuhören. Influencerinnen und Influencer bringen unzählige Follower dazu, ihnen zuzuhören und auch die Produkte zu kaufen, die sie bewerben. Die Zuhörenden übernehmen die angebotene Identität und fühlen sich dieser Gruppe zugehörig.
Wie zeigt man nonverbal, dass man zuhört ?
Wer nicht spricht, hört nicht unbedingt zu. Es ist wichtig, Blickkontakt zu halten, aber das Gegenüber nicht anzustarren. Eine zugewandte Körperhaltung und eine mitfühlende Mimik zeigen Interesse. Man kann kleine Einwürfe anbringen wie : « Ja, hm ; das ist sicher schwierig ; das verstehe ich ». Zuhören heisst auch, den anderen ausreden zu lassen. Auf der anderen Seite gibt es das Totschweigen : Man schaut weg und sagt gar nichts. Man lässt die sprechende Person auflaufen.
Die Bibel betont, man solle schnell sein im Hinhören, langsam aber im Reden (Jakobusbrief 1,19). Dies sei eine Form der Nächstenliebe.
Wer glaubt, hört in der Bibel Gottes Wort. Er oder sie hört Jesus zu. Wer betet, hofft darauf, von Gott gehört und erhört zu werden. Nächstenliebe meint unterstützendes Verhalten gegenüber nahen Mitmenschen.
Eine zuhörbereite Person fragt die andere Person, ob sie sprechen möchte. Sie lädt zum Sprechen ein, wenn Zeit und Ruhe vorhanden sind. Bei Fragen hört man zu und entscheidet, wie man antwortet. Zuhören kann aber auch belastend sein. Es gibt Dinge, die man nicht hören kann oder mag. Der Zuhörende wie auch der Sprechende schützen ihre Intimsphäre und setzen Grenzen.
Was ist der Unterschied zwischen Kindern und Erwachsenen ?
Kinder müssen lernen zuzuhören. Im Unterricht muss man zuhören. Bei Prüfungsfragen muss man zuhören und Antworten geben. Zuhören war und ist auch eine Machtfrage : Der Vorgesetzte spricht, der oder die Angestellte hört zu. Ganz allgemein gilt : Aufmerksamkeit, Zuhören und Wertschätzung sind die Grundlage sozialen Verhaltens.
Interview : Christiane Faschon, 10.08.2026
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