Was verbindet, wenn sich die Zeiten ändern ?
Vor 500 Jahren fand in Baden ein Streitgespräch statt, die Badener Disputation 1526. Über 200 Männer reisten an die Tagsatzung, um die Glaubenswahrheit zu ermitteln. Gefunden haben sie sie nicht. Ihre Sichtweisen ausgetauscht aber schon. Nun begann die Reformation erst recht.
Wir befinden uns in Baden, wo seit Jahrtausenden heisses Thermalwasser aus dem Boden sprudelt. Felix aus Zürich ist zu Gast in den Bädern. Ueli, der Wirt, empfängt ihn und kündigt weitere Gäste aus der Eidgenossenschaft an. « Mögt ihr Gezänk und Hader meiden, solang ihr Gold und Geld habt », mahnt der Hausherr. Nun betritt Johoho mit dem Badgesell die Szene. Er ist « Pritschenmeister », heute würde man ihn Master of Ceremonies oder Schweizerdeutsch « Tätschmeister » nennen. Diese Szene entstammt der « Badenfahrt guter Gesellen » von Hans Achtsinit. Wir schreiben das Jahr 1526. Es stehen eidgenössische Gespräche in der Bäderstadt an.
Eine neue Ära
Damals ist die politische Lage angespannt. Seit Martin Luther 1517 in Wittenberg seine 95 Thesen publiziert hat, wird heftig über das System des Ablasshandels und die Auslegung der Bibel diskutiert. Die Humanisten nehmen sich der Bibeltexte an, übersetzen akribisch die Texte aus den alten Sprachen neu. Gesellschaftlich wandelt sich ebenfalls gerade viel. Für die Menschen in Europa wird die Welt grösser, Seemänner aus Portugal und Spanien umsegeln sie und bringen neue Handelsgüter. Der Buchdruck erlaubt eine rasche Verbreitung von Ideen.
So kommt auch Ulrich Zwingli, der in Einsiedeln als Priester die Pilger betreut, mit dem neuen Gedankengut in Kontakt. 1519 kommt er nach Zürich und kritisiert in seinen Predigten den Ablasshandel sowie die Formalitäten und Heuchelei der Kirche. Das schlägt ein.
In Zürich beginnt der Umbruch im Jahr 1522. In der Fastenzeit wird Wurst gegessen ! In der Folge meint selbst der Zürcher Rat : Wir finden, die Kirche ist zu reformieren. Bilder in den Gotteshäusern werden entfernt, ein Teil wird verkauft, andere werden zerschlagen. Auch die Klöster sind den Reformatoren ein Dorn im Auge : Bis 1525 werden alle Klöster aufgehoben. So weit die Entwicklung in Zürich.
Reformation beginnt im Osten
Doch die reformatorische Haltung ist in der Alten Eidgenossenschaft keine Mehrheitsposition. Das zeigen Hans Achtsinits Verse deutlich. Der Berner Vinzenz, der sich zu den Badenden gesellt, bekundet, « was mich schon länger verwundert hat, dass sich Zürich nicht belehren lässt und sich widersetzt der Eidgenossenschaft ». Felix antwortet mit seiner Überzeugung für den neuen Glauben, worauf der Luzerner Leodegar zum Bad kommt und fragt, « warum sich Zürich von einem Mann […] so betrügen und verführen » lasse. Felix verteidigt sodann Zwingli, bevor vierzehn weitere Gesandte der Alten und der Zugewandten Orte auftreten. Die Szenen stellen die Positionen der damaligen Zeit dar : 1526 hatte sich die neue Haltung im Osten der Eidgenossenschaft und der Zugewandten Orte schon teilweise gefestigt, hier war man teilweise schon reformiert.
Initiative aus Bayern
Disputationen waren in dieser Zeit eine Gesprächsform, um Meinungen zu messen und die Gegenseite zu überzeugen. Ursprünglich handelte es sich dabei um ein Format aus den Universitäten, wo allerdings auf Lateinisch gestritten wurde. Ähnlich der « SRF Arena » führten die Gelehrten ihre Positionen aus. Nun wurde das Format von den Reformatoren übernommen. Martin Luther hatte 1519 in Leipzig eine Reformations-Disputation durchgeführt. Ab 1523 gab es in Zürich mehrere Disputationen, die durch Zwinglis starke Haltung geprägt waren.
Die Initiative für die Badener Disputation kam aus Bayern : Johannes Eck, ein Theologe, der sich gegen die reformatorischen Ideen stellte, richtete sich im August 1524 mit einem Begehren an die Tagsatzung – an die Versammlung, an der bevollmächtigte Boten der eidgenössischen Orte gemeinsame Geschäfte berieten. Eck wollte eine eidgenössische Disputation veranstalten, um den grossen Teil der Unentschiedenen von seiner Sicht zu überzeugen. Die Tagsatzung behandelte das Begehren mehrfach. Doch eine eidgenössische Disputation fand erst keine Mehrheit. Eck blieb hartnäckig. Und die Versammlung lenkte ein. Auf ihre Einladung sollte eine Disputation stattfinden. Und zwar in Baden, einem der beliebteren der zahlreichen damaligen Tagsatzungsorte.
Eck versus Oekolampad
Auf den 19. Mai 1526 reisten die Gesandten, Theologen, Kleriker, Lehrer und eine Reihe von Schreibern und Druckern nach Baden. Mehr als 200 Teilnehmer sind namentlich bekannt, die bis zum 7. Juni die 16 Disputationssitzungen in der Stadtkirche verfolgten. Der Ablauf war klar geregelt : Am Morgen früh fand eine Messe statt. Im Anschluss daran traten die Kontrahenten auf – für die altgläubige Seite war dies Johannes Eck selbst, für die reformatorische Seite Johannes Oekolampad. Die Sitzungen wurden von vier Präsidenten überwacht, zwei von jeder Seite.
Der Jurist und Theologe Oekolampad war einer der wichtigen Humanisten seiner Zeit und Professor an der Universität Basel. Für ihn wurde in der Kirche ein separater Predigtstuhl aufgestellt. So standen sich die beiden Disputanten auf Kanzeln gegenüber. Sie stritten auf Deutsch, so wie das auch an den Tagsatzungen der Fall war.
Als Hühnerverkäufer getarnt
Zwingli indes blieb in Zürich – der Zürcher Rat hatte ihm die Teilnahme am Anlass, der keine 30 Kilometer westlich stattfand, untersagt. Warum ? Die Disputation war trotz Einladung durch die politische Tagsatzung stark altgläubig dominiert. Das goutierte man nicht. Weiter sei Zwingli zu stark exponiert – selbst in Zürich sei er Angriffen ausgesetzt gewesen. Eine Reise nach Baden hätte sein Todesurteil bedeutet. Doch Zwingli hatte Boten, die ihn über die Entwicklung in Baden informierten. Einer von ihnen war Thomas Platter, der in seinen Lebenserinnerungen schildert, wie er sich als Hühnerverkäufer in die Stadt Baden geschmuggelt hatte. Täglich trug er Nachrichten aus Baden nach Zürich und zurück, wie er selbst berichtet. Erhalten sind nur wenige Briefe an Zwingli aus der Zeit bis zum 23. Mai. Diese Mitschriften waren verboten, allein die Protokollanten sollten den Gesprächsverlauf aufzeichnen, wohl um Polemik vorzubeugen.
Ziel der Badener Disputation war nie, zu einem Kompromiss im modernen Sinn zu gelangen. Eck und Oekolampad wollten in erster Linie vor dem Publikum ihre Positionen präsentieren. Die Regeln sahen vor, dass die These als akzeptiert galt, wenn Oekolampad und andere angemeldete Redner Eck nicht widersprachen. Die längste Zeit widmeten die Kontrahenten der ersten These – und sie blieben hier unentschieden. Bereits seit Jahrhunderten stritten Theologen darüber, wie die Wandlung von Brot und Wein in den Leib und das Blut Christi durch das Gebet des Priesters verstanden werden soll. Diese Präsenz Christi in der Hostie feierten die Gläubigen seit dem 13. Jahrhundert an Fronleichnam. Dieses Fest erinnerte an das Wunder von Bolsena, wo das Brot zu bluten begonnen hatte. Dieses unglaubliche Vorkommnis führte in der Folge zu einem regelrechten Blut-Hype in der Volksfrömmigkeit, dem die Theologen aber kritisch gegenüberstanden.
Die Diskussion um die sogenannte Realpräsenz war also nicht neu, sie verschärfte sich aber im Zuge der Reformation massiv. Für die Reformatoren war diese Idee reine Erfindung. « Botz leichnam », soll Eck sein Gegenüber gescholten haben, als der Berner Reformator Berchtold Haller die Realpräsenz nicht anerkennen wollte : « Sie glauben nicht an die Präsenz von Fleisch und Blut Christi ! »
Spott und Hohn
Die Disputationstage wurden vollständig aufgezeichnet – von vier Protokollanten, die ihren Text am Abend jeweils abglichen, wobei die Altgläubigen einen dritten Schreiber einschleusten. Daher ist heute die Badener Disputation eines der am besten dokumentierten Reformationsgespräche. Alle fünf Protokolle haben überlebt und differieren nur wenig. Während mehr als eines Jahrzehnts haben Forschende die Aufzeichnungen untersucht und 2015 eine Edition der Protokolle publiziert. Flüche und Unartigkeiten sind darin allerdings kaum überliefert. Davon berichten eher überlieferte Briefe und Spottlieder.
In einer Zeit ohne Zeitungen und elektronische Medien verbreiteten sich Nachrichten auf ganz andere Weise, als sie dies heute tun. In der Reformation hatten Predigten, aber auch Theaterstücke und Lieder diese wichtige kommunikative Funktion. Sie kursierten als Drucke und wurden in der Öffentlichkeit vorgetragen. Auch die Badener Disputation fand Niederschlag in solchen Liedern. Eck sei ein « Narr », lässt sich hier lesen, ein blasierter und schreiender Rechthaber. Ob die Lieder gesungen wurden ? Ob sie Wirkung entfalteten ? Belegen lässt sich das nicht, aber doch vermuten.
Entspannung im Bad – oder doch nicht ?
Versöhnlich endet die « Badenfahrt guter Gesellen » von Hans Achtsinit. Das Bad dauert an, die Suppe wird den Männern im Wasser gereicht, die Gläser sind schon mehrfach neu gefüllt worden. Und nun bittet auch der Zürcher Felix : « Dass wir möchten bei Freiheit bleiben, mit Leuten, Land und Weibern » – in diesem Ton endet dann Hans Achtsinit ebenfalls : « Wenn man ausgebadet hat, so die Sitte, man die guten Gesellen um ein Ende der Streiterei bitte. »
Der Friede im Bad bei gut gefülltem Bauch war damals allerdings Wunschdenken. Nach der Badener Disputation bauten sich die konfessionellen Spannungen in der Eidgenossenschaft erst so richtig auf. Im Jahr 1528 fand die Berner Disputation und der Übertritt Berns zur Reformation statt. Es folgten die zwei Kappelerkriege, wovon der erste 1529 diplomatisch gelöst wurde. Die « Kappeler Milchsuppe » ist bis heute sprichwörtlich und steht für die friedliche Lösung des Konflikts. 1531 endete die Schlacht zwischen reformatorischen und altgläubigen Kämpfern indes blutig. Zwingli starb, die Katholiken waren überlegen. Ein Landfrieden regelte, dass man sich nun in Ruhe lassen würde. Das funktionierte bis zu den konfessionell motivierten Villmerger Kriegen 1656 und 1712. Im 19. Jahrhundert prallten liberale, vor allem reformierte und katholisch-konservative Kräfte erneut aufeinander. Die Spannungen liessen sich erst im 20. Jahrhundert lösen, auch mit der fortschreitenden Säkularisierung. Sind die konfessionellen Konflikte also endlich – mit Hans Achtsinit gesprochen – « ausgebadet » ?
Ruth Wiederkehr, 11.5.2026
Der Artikel erschien zuerst im Forum-Magazin.
Die sieben Thesen
Was nun wurde aber genau diskutiert ? Johannes Eck formulierte sieben Thesen, die als Grundlage für die Disputationstage dienten.
1. These : Realpräsenz und Transsubstantiation. Christus ist mit Leib und Blut durch die Wandlung präsent im Altarsakrament (und nicht etwa als Zeichen). Diese These wurde vom 21. bis zum 29. Mai diskutiert, sie nahm am meisten Raum ein.
2. These : Die Messopferlehre. Leib und Blut Christi werden in der Messe zum Gedenken an das Opfer Christi dargebracht (und nicht als Gedenken an das letzte Abendmahl). Diese Diskussion dauerte drei Tage.
3. These : Fürbitte Marias und der Heiligen. Maria (und nicht Christus allein) ist Fürbitterin bei Gott. Die Diskussion dauerte einen Tag.
4. These : Bilderfrage. Bilder von Jesus und den Heiligen sind statthaft (und also nicht abzuhängen). Die Diskussion dauerte zwei Tage.
5. These : Fegefeuerlehre. Nach dem Tod kommt das Fegefeuer zur Sühne (und nicht « es gibt kein Fegefeuer »). Hier dauerte die Diskussion zwei Tage.
6. & 7. These : Erbsünden- und Taufverständnis. Über diese Punkte wurde knapp einen Tag lang diskutiert ; es waren im Vergleich marginale Probleme.
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