Einsatz und Kulturaustausch in Afrika
Die 18-jährige Kantischülerin Filine Egli aus Trasadingen im Kanton Schaffhausen hat drei Wochen ihrer Sommerferien in Madagaskar verbracht. Dort hat sie für ein Projekt des Hilfswerks Nouvelle Planète gearbeitet. forumKirche hat sie nach ihrer Motivation gefragt.
Wie sind Sie darauf gekommen, für ein Schweizer Hilfswerk nach Madagaskar zu fliegen, während Ihre Kolleginnen und Kollegen gechillt haben ?
Ich wollte so etwas schon länger machen. Per Zufall sind meine Mutter und ich beim Suchen auf Nouvelle Planète in Lausanne gestossen. Man musste sich allerdings ein Jahr vor dem Einsatz anmelden. Da war ich 17 – perfekt vom Zeitpunkt her.
Nouvelle Planète wurde 1986 gegründet und unterstützt die ländliche Bevölkerung in Afrika, Asien und Lateinamerika, indem sie deren Lebensbedingungen verbessert und Eigenständigkeit stärkt – unter Berücksichtigung des Umweltschutzes. Was hat Sie speziell an Madagaskar gereizt ?
Die Reise an und für sich hat mich gereizt. Dass ich lerne, Sachen wertzuschätzen, die für mich normal sind hier. Ich musste aufs Datum der Reise schauen wegen der Schule. Deshalb passte Madagaskar gut. Ich wäre überallhin gegangen, Hauptsache, ich konnte an einem solchen Erlebnis teilnehmen.
Was haben Sie in diesen drei Wochen gemacht ?
Wir haben einen Reisspeicher gebaut und einen Staudamm zur Feldbewässerung. In das kleine Dorf, in dem wir waren, kommen die Grosshändler einmal im Jahr und holen allen Reisvorrat auf einmal mit dem Lastwagen ab. Dies zu einem schlechten Preis, weil der Reis bis anhin nicht gelagert werden konnte. Er lag im Sommer, wenn es regnet, draussen auf den Feldern, was eine schlechte Qualität ergibt. Mit dem Speicher gibt es eine bessere Qualität, sodass die Dorfbewohner nicht mehr alles auf einmal verkaufen müssen. Sie erhalten einen höheren Preis, weil der Reis nun jederzeit verfügbar ist.
Wir haben auch einen Workshop gemacht mit den Bauern aus dem Dorf, um mit ihnen über die Landwirtschaft zu diskutieren. Neben allgemeinen Hinweisen, wie man gewisse Lebensmittel anbaut, haben wir ihnen Ideen mitgegeben. So kaufen sie beispielsweise immer nur männliche Zebus, die als Lasttiere dienen, aber teurer sind als weibliche Zebus. Wir haben ihnen vorgeschlagen, doch auch günstigere weibliche Zebus zu kaufen und damit Milch zu produzieren. Darauf sind sie gar nicht gekommen. Generell gibt es in Madagaskar nur Kondensmilch, keine Frischmilch und kaum Milchprodukte.
Haben Sie tatsächlich in drei Wochen den Speicher gebaut ?
Nein, nein, der Speicher befand sich im Bau, die Mauern standen. Während wir dort waren, haben wir geholfen, die Wände mit zitronengelber Farbe zu verputzen. Wir sind allerdings nicht ganz fertig geworden. Aber es war toll zu sehen, wie weit wir gekommen sind. Die Decke fehlte noch, sie wurde von der Gruppe nach uns fertiggestellt. Mit dem Staudamm sind wir nicht so weit gekommen. Das Loch war bereits ausgehoben, als unsere Gruppe ankam. Wir haben vor allem Kraftarbeit geleistet : Material hingeschleppt, zum Beispiel Steine. Oder wir haben mit einer Menschenkette Beton weitergereicht. Die eigentliche Arbeit haben professionelle Handwerker erledigt. Diese wurden von Nouvelle Planète ebenso bezahlt wie die Materialien.
Die Arbeiten der Organisation ermöglichen also den Einheimischen, Geld zu verdienen ?
Ja, genau. Auch wenn die Kolonisation schon lange her ist, bleibt sie ein grosses Thema : In vielen Gemeinden gibt es viel Land, das nicht benutzt oder bebaut werden darf, weil es noch immer Franzosen gehört. Manche Franzosen wissen gar nicht, dass sie auf der Insel Madagaskar Land besitzen. Die Bauern würden dieses Land gerne pachten, aber sie können es sich nicht leisten. Auch die Gemeinden haben dafür das Geld nicht.
Wir haben auch in der Landwirtschaft geholfen : Wir haben ausgesät und auf den Feldern Erdhaufen zerkleinert und die Erde umgegraben. Ich war ganz erstaunt, wie ausdauernd die ganz kleinen Kinder waren, die geholfen haben. Denn mir tat nach zehn Minuten bereits alles weh.
Wie muss man sich Ihren Aufenthalt vorstellen ?
Wir haben im Dorf Ambohiramina im Hochland gelebt. Während unseres Aufenthalts waren die grossen Schulferien. Deshalb wurden uns die vier Klassenzimmer der Schule zur Verfügung gestellt. Unsere Gruppe bestand aus neun Leuten. Drei davon waren in meinem Alter, die anderen etwas älter, der Älteste war 26 Jahre alt. Wir schliefen geschlechtergetrennt je in einem Klassenzimmer in Betten. In einem Zimmer wurde gegessen und gespielt, in einem anderen befand sich die Küche.
Wie wurden Sie verpflegt ? Was gab es zu essen ?
Es wurden vier Köche aus dem Dorf für uns angestellt. Sie haben beim Kochen gezaubert. Man muss wissen, dass es in Madagaskar oft sehr trocken ist und deshalb entsprechend staubig. Um diesen Staub quasi verdauen zu können mit dem Essen, wird bei den Madegassen viel mit Fett gekocht. Das wurde uns aber nicht zugemutet. Die üblichen Lebensmittel wurden für uns ein wenig anders zubereitet. Es gab zwei Mal am Tag Reis, die Beilagen dazu waren sehr fein und abwechslungsreich, würzig, die Schärfe konnten wir selbst bestimmen. Der Reis war entweder violett oder weiss. Wir assen Zebu, Ente, Huhn und Schwein. Es gab aber nicht jeden Tag Fleisch. Als Beilage gab es Zucchetti, Auberginen, Kartoffeln, Maniok, Spinat, Peperoni, Bohnen und sehr feine, grosse Avocados. Allgemein haben wir gesünder gegessen als bei uns, da im Essen keine Zusatzstoffe enthalten waren. Ich habe mich richtig gut gefühlt, war nie aufgebläht, hatte nie Probleme. Wir hatten auch Früchte : Ananas, Bananen, Orangen, Mandarinen. Letztere hatten ein sehr intensives Aroma.
In welcher Sprache haben Sie sich unterhalten ?
Französisch – oder besser gesagt Französisch und Gestik. Die Madegassen lernen in der Grundschule Französisch. Aber die Lehrer können es nicht richtig. Die Kommunikation war schwierig. Nur mit unseren sechs Leitern, mit denen wir – abgesehen vom Schlafen – immer zusammen waren, konnten wir uns sehr gut unterhalten. Die Leiter gehörten zu einer Gruppe Einheimischer, die mit Nouvelle Planète zusammenarbeiten.
Ich habe auch ein wenig Madegassisch gelernt. Während unseres Aufenthalts kamen fast alle Kinder an zwei Tagen zu uns. Wir haben als Kulturaustausch mit ihnen gespielt. Das war sehr schön. Sie spielen sonst nicht viel.
Wie wurde die Reise finanziert ?
Die Reise hat mir meine Mutter bezahlt. Dazu kamen die Spenden fürs Projekt. Familien und Freunde haben gespendet. Im Wallis wurde ein Boccia-Abend organisiert, um Geld zu sammeln, in Genf wurden Guetzli gebacken.
Bevor wir uns für die Reise entschieden haben, haben wir eine Online-Konferenz gemacht und uns vier Mal in Lausanne getroffen. Schliesslich verbringt man als Gruppe 21 Tage zusammen. Für mich war es schwierig, da ich als Einzige aus Schaffhausen kam. Die anderen stammten aus der Westschweiz. Dieses Jahr kam keine Gruppe aus der Deutschschweiz zustande. Wir haben uns mit Workshops auf die Reise vorbereitet.
Mehr als drei Viertel der Madegassinnen und Madegassen leben in grosser Armut. Wie haben Sie das wahrgenommen ?
Ich habe die Armut gesehen an den löchrigen Kleidern und an den heruntergekommenen Häusern. In der Hauptstadt Antananarivo gibt es keine Hochhäuser. Die Flugpiste besteht aus Gras. Die Kinder, mit denen wir gespielt haben, haben erzählt, dass es für sie selten Fleisch gibt. Sie können es sich nicht leisten.
Was nehmen Sie von diesem Aufenthalt für sich selbst mit ?
Vor allem, dass ich so viele nette Menschen kennenlernen durfte, eine andere Kultur. Ich habe mich sehr wohlgefühlt. Der Alltag ist ganz anders. Wir sind zu zehnt auf einem Pick-up gefahren oder wurden auf einem Motorrad mitgenommen. Die Madegassen haben wenig, aber sie sind trotzdem glücklich. Ich merke, dass ich auch hier nicht alles zwingend benötige. Vor allem die Madegassen vermisse ich. Das Zusammensein mit unseren Leitern verbindet. Die Lebensbedingungen sind schlecht, ich hoffe, ich sehe sie wieder einmal. Sie waren so alt wie wir oder sogar etwas jünger. Es ist schwierig, junge Frauen zu finden über 18, die nicht verheiratet sind. Nur eine war 20, die anderen 17. Nur bei den Reichen ist das Heiratsalter etwas höher. Aber es gibt nicht viele Reiche. Verhütung gibt es nicht. Von dem Moment an, wo die jungen Frauen geheiratet haben, gibt es immer wieder ein neues Kind bis zur Menopause. Viele Kinder zu haben, gilt als Reichtum, da jedes Kind etwas zur Familie beitragen kann. Das Durchschnittsalter beträgt 15 Jahre. Nicht, weil die Menschen nicht so alt werden, sondern weil es so viele Kinder gibt. Sie sind oft leicht wie Federn durch Mangelernährung. Das ist mir aufgefallen an einem Mädchen, das auf mich zugekommen ist. Ich habe es hochgehoben. Eventuell lebt es gar nicht mehr, wenn ich wiederkomme.
Würden Sie anderen diesen Aufenthalt weiterempfehlen ?
Ich würde ihn allen Menschen empfehlen. Man sieht anderes aus anderer Perspektive. Ich überlebe mir, ob ich nächstes Jahr noch einmal hingehe. Wenn ich am Studieren bin, habe ich nicht mehr so viele Ferien.
Ich habe Armut gesehen, Das hat mich traurig gemacht. Ich war aber auch froh, dass ich mit diesen Menschen leben und mich austauschen konnte.
Interview : Béatrice Eigenmann, forumKirche, 26.10.2026
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