Aus einem Stück Stoff wird ein massgeschneiderter Talar
Kleider machen Leute, aber Leute machen auch Kleider. Mit viel Hingabe gilt dies für Die Manufaktur GmbH – deine Schneiderei in St. Gallen. Unter anderem lassen sich hier Seelsorgende ihren Talar auf den Leib schneidern. forumKirche begleitet die Entstehung einer Robe, von der Auswahl des Stoffs über das Schnittmuster bis hin zu verborgenen Botschaften in der Kleidung.
Das Klingeln der Verkaufstüre öffnet den Weg in den Ausstellungsraum von Die Manufaktur GmbH. Edle Stoffe und Musterkleider, Anzüge, Hüte und Accessoires sind fein säuberlich drapiert. Als Erstes sticht einem ein Hochzeitskleid an einer Schneiderpuppe ins Auge. Ziel ist allerdings nicht mitzuverfolgen, wie ein solches entsteht. Vielmehr interessiert die andere Seite : die liturgische Robe. Während eines Gottesdienstes trug eine evangelische Pfarrerin einen raffiniert geschnittenen Talar. Die Forschung nach dessen Ursprung führt in Die Manufaktur GmbH nach St. Gallen.
Wollstoffe aus England
Tanja Kress begrüsst die Kundschaft herzlich, bietet Kaffee an und lädt an einen Besprechungstisch. Ähnlich wie beim Arzt wird zuerst eine Diagnose erstellt. « Die meisten Kunden kommen mit konkreten Vorstellungen. Viele trugen schon einen geliehenen Talar oder haben ein Erbstück zu Hause, in dem sie sich wohlfühlen. » Die Investition in eine massgeschneiderte Robe lohnt sich. « So ein Kleidungsstück trägt man nicht nur ein Jahr », erklärt Kress. Manche Stücke, die in der Manufaktur angepasst werden, sind über 50 Jahre alt. Kress präsentiert ein Ausstellungsmodell und fordert dazu auf, in den Stoff zu greifen. « Meist verarbeiten wir hochwertige Wollstoffe aus England. » Selbst der Laie spürt die Qualität. « Neben dem Stoff ist vor allem bei den Reformierten auch die Farbauswahl ein Thema. »
In einem lockeren Gespräch kreist die Kundenberaterin, Modedesignerin und Schnitttechnikerin die Kundenwünsche ein. « Natürlich gibt es eine Grundform für einen Talar », sagt Kress. « Zusätzlich gehen wir bei der Manufaktur auf Spezialwünsche ein. » Dann ist es natürlich immer auch eine Frage der Silhouette . « Ich kann keinen taillierten Talar nähen, wenn jemand darunter eine Skijacke tragen möchte. »
Wurde durch die Referenzbilder geschmökert und sind die Rahmenbedingungen klar, wird Mass genommen und eine Offerte erstellt. Ein massgefertigtes Stück kostet zwischen zwei- und viertausend Franken, abhängig vom Material und dem Fertigungsaufwand. « Für einen Talar verarbeite ich zwischen vier und fünf Metern Stoff. » Der Kunde oder die Kundin hat seine Schuldigkeit vorerst getan. Erst in ein paar Tagen wird er oder sie wieder zu einer Anprobe eingeladen.
Im Atelier
Für Tanja Kress geht es nun an die « Schnitterstellung », wie es die Fachfrau nennt. Bevor sie zu Schere, Stoff, Nadel und Faden greift, setzt sie sich an den Computer und erstellt ein Schnittmuster. Anhand dessen wird aus einem einfachen Nesselstoff, einem aus Fasern der Brennnesselgewächse hergestellten Gewebe, das bestellte Kleidungsstück für eine erste Anprobe genäht. Die Moulure ähnelt einem einfachen Büsserkleid, entspricht aber den Kundenwünschen bereits im Detail.
Bei der ersten Anprobe bekommt der Kunde oder die Kundin ein Gefühl für sein neues Kleidungsstück. Oft drehen sich die Anpassungen, dank der fundierten Beratung zu Beginn, um Kleinigkeiten. « Vielleicht will jemand die Ärmel doch etwas kürzer oder lieber einen Liegekragen anstelle eines Stehkragens. » Die hohe Kunst des Handwerks blitzt auf, wenn Tanja Kress, wie passend, aus dem Nähkästchen plaudert. Beispielsweise, wie ein « Mond » unter der Achselhöhle eingesetzt werden kann, damit die Schulterpartie sich nicht hebt, wenn die Arme ausgebreitet werden. Wozu es spätestens kommt, wenn der Segen gesprochen wird. « Diese Technik wird auch bei Theaterkostümen eingesetzt. »
Am Rohling aus Nesselstoff zeigt sich bei der Anprobe, ob alles sitzt, beispielsweise eine Passe auf der richtigen Höhe angebracht ist. « Man sieht, wo die Falten aufspringen und wie sie fallen, und es wird der Feinschliff gemacht. » Fleissig wird geschnitten und abgesteckt, bevor es für Tanja Kress zurück in die Schnittabteilung geht. « Dort passe ich den Schnitt an, und erst dann wird aus dem hochwertigen Wollstoff geschnitten. »
Raffinierte Details
Talare werden nicht nur als liturgisches Gewand getragen. Ihr Einsatzfeld erstreckt sich auf Gerichte und das universitäre Umfeld. « Bei der Herstellung macht das keinen grossen Unterschied », erklärt Tanja Kress. « Diese gibt es eher bei den Sonderwünschen. » Diese reichen von profan, wie einer zusätzlichen Tasche, die vielleicht gut versteckt sein will, bis zu raffinierten Details. Beispielsweise Schlitze, um ein Mikrofonkabel durchzuführen und der modernen Technik gerecht zu werden.
Ein Talar ist nicht nur ein funktionales, sondern ein sehr persönliches Kleidungsstück. « Es gibt Kunden, die einen besonderen Wunsch haben, den man auf den ersten Blick gar nicht sieht. Wir haben schon einen persönlichen Spruch oder einen Segen in die Innenseite der Knopfleiste eingenäht oder eine Stickerei im Talar angebracht », lüftet Tanja Kress ein paar Geheimnisse. « Wir finden für jeden Wunsch und jedes Problem eine Lösung. »
Qualität vor Quantität
In der Manufaktur ist der Name Programm. Es gibt kaum Kleider ab Stange, und die Handwerkskunst wird hochgehalten. Dies zeigt sich hinter den Kulissen der Schneiderei. Durch den Besuch lassen sich die fleissigen Schneiderinnen kaum aus dem Konzept bringen. Hier rattert eine Nähmaschine, da werden für eine Änderung Nähte aufgetrennt, und ab und zu schnaubt ein Dampfbügeleisen. Auf wenigen Quadratmetern entsteht Mode, die sich bewusst von industrieller Massenware absetzt. Anzüge und Hemden auf Mass, exklusive Damenmode aus dem Couture-Atelier oder sorgfältig ausgewählte Accessoires sind Teil eines Angebots, das Vielfalt zeigt, aber stets eine gemeinsame Haltung erkennen lässt : Qualität vor Quantität, Individualität vor Standardisierung. Dabei stehen die Kosten in keinem Verhältnis zu den Erwartungen : gemessen an der Qualität liegen sie weit darunter.
Der zeitliche Aufwand zur Fertigung eines Talars hängt stark von den individuellen Kundenwünschen ab. « Bis zur Fertigstellung dauert es etwa zwei Monate », sagt Tanja Kress. Dazu gehören mindestens zwei Anproben. Den Arbeitsaufwand beziffert die Schneiderin auf 18 bis 30 Stunden. Zum Schluss hängt der Talar frisch gebügelt abholbereit im Laden und wartet darauf, erstmals vor der Kirchgemeinde zur Schau getragen zu werden.
Ralph Weibel, forumKirche, 10.08.2026
Sichtbares Zeichen des geistlichen Amtes
Der Talar, in der katholischen Kirche meist als Soutane bezeichnet, ist eines der markantesten Kleidungsstücke der Geistlichkeit. Das knöchellange Gewand geht auf die Alltagskleidung früherer Jahrhunderte zurück und entwickelte sich seit dem 16. und 17. Jahrhundert zur festen Standeskleidung des Klerus. Das Wort leitet sich vom lateinischen talaris (bis an die Knöchel reichend) ab.
Heute ist der Talar weniger liturgisches Gewand als vielmehr ein äusseres Zeichen von Berufung und Zugehörigkeit. Er macht Geistliche erkennbar und verweist auf ihren Dienst an Kirche und Menschen. Die schlichte Form, oft mit symbolischen Details wie den 33 Knöpfen, die auf die Lebensjahre Jesu verweisen, steht für Kontinuität und Bescheidenheit.
Die Farbe des Talars zeigt in der katholischen Kirche vor allem den Rang : Weiss trägt der Papst, Rot die Kardinäle, Violett die Bischöfe und Schwarz die Priester. Gleichzeitig sind diese Farben symbolisch aufgeladen : Schwarz steht für Demut und Dienst, Violett für geistliche Autorität, Rot für die Bereitschaft zum Zeugnis bis hin zum Märtyrium, Weiss für Reinheit und universale Verantwortung.
Im katholischen Gottesdienst wird der Talar von liturgischen Gewändern überlagert, deren Farben die Zeit des Kirchenjahres anzeigen :
• Weiss an Weihnachten und Ostern
• Rot an Pfingsten und an Märtyrerfesten
• Violett im Advent und in der Fastenzeit
• Grün im Jahreskreis
• Vereinzelt Schwarz an Begräbnissen
Evangelische Talare setzen einen anderen Akzent : Sie sind meist einheitlich schwarz, mit weiten Ärmeln und weissem Beffchen. Auf Farbunterschiede wird bewusst verzichtet als Ausdruck der Gleichheit im Amt und der Konzentration auf die Verkündigung des Wortes.
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