Erfahrungsbericht zum Abschluss eines ökumenischen Projekts
Das ökumenische Projekt der Grossen Exerzitien im Alltag gehört der Vergangenheit an. Zeit für einen Blick in den Abschlussgottesdienst und für eine Rückschau über die vergangenen gut sechs Monate.
Es ist Pfingstmontag. Draussen ist es heiss, im Berner Münster kühl, die Atmosphäre jedoch angenehm warm. Rund 500 Menschen aus verschiedenen Regionen der Schweiz feiern mit einem Gottesdienst den Abschluss der Grossen Exerzitien im Alltag. Obwohl sich die grosse Mehrheit nicht kennt, glaube ich eine Verbundenheit zu spüren. Alle sind Mitte November auf den Weg namens « Grosse Exerzitien im Alltag » gegangen.
Fünf von diesen Menschen erzählen im Gottesdienst von ihren Erfahrungen. In den einen finde ich mich selber wieder. Dass es zum Beispiel Phasen gegeben hat, in denen ich vorfreudig früh aufgestanden bin oder die 25 Minuten des Meditierens wie im Flug vergangen sind. Und, ja klar, harzige Phasen gab es auch.
Im Übungsbuch gibt es für den Rückblick verschiedene Fragen. Eine davon lautet :
« Was fällt mir als Erstes ein, wenn ich an die Grossen Exerzitien zurückdenke ? »
Ich schreibe auf : Dankbarkeit und Demut. Ich bin dankbar und demütig, dass ich diesen Weg gehen durfte. Dass ich in einem privilegierten Land wohnen darf, gesund bin und mein Leben so ist, dass ich die Exerzitien in meinen Alltag einweben konnte.
Was hat mir denn an den Grossen Exerzitien zugesagt ? Vieles ! Da sind zum Beispiel diese zwei Dreiklänge. Der eine ist derjenige namens « mit wem unterwegs sein ». Der erste Ton : Ich war fast täglich ganz alleine mit Gott unterwegs. Der zweite Ton : Ich war in Gemeinschaft unterwegs. Monatlich habe ich mich mit einer kleinen Gruppe getroffen.
Zuerst meditierten wir jeweils den aktuellen Bibeltext. Manchmal folgte eine Schreibmeditation (einfach schreiben, was da ist, ohne Bewertung und ohne Pausen). Anschliessend machte jede und jeder eine Verdichtung daraus. Diese wurden in der Anhörrunde vorgelesen. Ich liebe Anhörrunden ! Meistens wurde ich durch sie reich beschenkt. Sei es durch eine andere Perspektive oder ein Wort, das direkt in mein Herz gefallen ist.
Der letzte Ton des Dreiklangs : die geistliche Begleitung. Dies ist ein Raum, in dem ich nur unter vier Augen meine Fragen und Zweifel zur Sprache bringe und darauf Feedback, Fragen und Gedanken kriege.
Der zweite Dreiklang betrifft die Texte im Übungsbuch. Der erste Ton sind die Bibeltexte. Pro Woche einer. Der zweite Ton sind die Zitate von Madeleine Delbrêl (1904–1964 in Frankreich). Und der dritte Ton sind die Kommentare und Fragen zu den Zitaten und Bibeltexten.
Dass die Bibeltexte zum Teil sehr lange waren (z.B. Joh 9,1-41), war für mich Neuland. Zuerst skeptisch, lernte ich dies zu schätzen. Auch wenn es mir manchmal schwer fiel, während einer Woche am gleichen Bibeltext zu bleiben: Die Belohnung bestand oft darin, in (vermeintlich) Altbekanntem Neues zu entdecken. Das heisst, über etwas zu « stolpern », das mir während einer normalen Bibellektüre entgangen war. Wie zum Beispiel, dass in Joh 20,19-23 der Gruss von Jesus an die Jünger « Friede sei mit euch ! » zwei Mal vorkommt.
Einige Texte von Madeleine Delbrêl haben mich berührt, weil sie oft in Bildern geschrieben hat. Beispielsweise hat sie das Entstehen eines sanften Herzens mit dem Entstehen eines gestrickten Pullovers verglichen. Wie aus dem Faden ein Pullover entstehe, entstehe unter Gottes Willen ein sanftes und geschmeidiges Herz.
Im Abschlussgottesdienst haben wir erfahren, dass die nächsten Grossen Exerzitien im Alltag bereits in Planung sind. Vorfreude herrscht ! Am ersten Advent 2028 soll der Anfang sein. Diesmal mit Zitaten von Etty Hillesum (1914–1943 im KZ Auschwitz-Birkenau).
Martina Seger-Bertschi, 15.06.2026
« Grosse Exerzitien im Alltag » : Die « Grossen Exerzitien im Alltag 2025 / 26, Gott einen Ort sichern » war ein ökumenisches Projekt. Mitgemacht haben knapp 100 Gruppen in der Schweiz, in Deutschland und in Österreich.
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