Nah bei Menschen in Extremsituationen

An Allerheiligen richtet sich der Blick auf die Verstorbenen und die Hoffnung über den Tod hinaus. Für den Schaffhauser Spital- und Gefängnisseelsorger Sebastian von Paledzki steht jedoch oft etwas anderes im Vordergrund: Menschen in schweren Lebenskrisen im Hier und Jetzt zu begleiten.

Sebastian von Paledzki, in Schaffhausen läuft derzeit die Ausstellung «Orakel – Kaleidoskop der Zukunft». Glauben Sie an Horoskope ?
Als Kind habe ich die Horoskope aus der Fernsehzeitschrift mit Wonne gelesen, vor allem was beim Widder steht. Ich fand immer, dass sie genau passten, wenn ich nur genug darüber nachdachte. Ich komme aus einem christlichen Elternhaus und habe im Grund gewusst, dass das, was in den Sternen steht, suspekt ist. Aber es hatte so seinen Reiz. Heute lese ich keine Programmzeitschriften mehr – und dadurch auch keine Horoskope.

… und an Zufälle ?
Wer an Zufälle denkt, hat zu kurz gedacht. Man muss nur die Gesetzmässigkeit der Naturwissenschaft beherrschen, um zu wissen, wie der Würfel fällt, wenn man würfelt. Man muss einfach alle Komponenten einbeziehen. Das hat mir bei der Wahrscheinlichkeitsrechnung in der Mathematik sehr eingeleuchtet. Dann habe ich Theologie studiert, wohl mit dem Gedanken, dass hier auf Erden nichts ohne den Willen Gottes geschieht. Gott hat den Plan. Im Zusammenspiel mit dem Willen des Menschen komponiert Gott jeden Augen­blick neu. Dadurch wird die Zukunft so wabbelig, dass sie uns jedes Mal aus den Händen gleitet, wenn wir meinen, wir hätten sie begriffen.

Was ist Ihre Aufgabe als Spital- und Gefängnisseelsorger ?
Ich begleite Menschen in absoluten Krisen- und Ausnahmesituationen. Egal, ob jemand im Spital oder im Gefängnis ist : Oft bricht eine Welt zusammen. Die Selbst­bestimmung hört im Gefängnis auf. Man ist nur in seiner Zelle. Es wird bestimmt, wann du aufstehst, wann und was du arbeitest. Jeder Tag ist gleich. Im Gegen­satz dazu wissen alte Leute, die wegen eines Oberschenkelhalsbruchs im Spital sind, dass sie nicht mehr in ihr Zuhause zurück können. « Mein ganzes Leben, mein Garten, meine Kontakte, die ich hatte, das ist definitiv futsch », sagen sie. Das ist ihnen alles klar. Der Alltag bleibt stehen. Ich bin da zum Reden, zum Schweigen und auf Wunsch zum Beten.

Sind Sie auf die Gesprächsführung geschult ? Oder ist es eher intuitiv ?
Von Haus aus bin ich Theologe und komme aus der Gemeindeseelsorge. Da gibt es Seel­sorgegespräche eher am Rande. Ins Spital oder ins Gefängnis komme ich genau für diesen Zweck. Intuition und Empathie sind das Fundament. Darauf baut eine Weiterbildung auf, wie etwa das Clinical Pastoral Training mit seiner intensiven Gesprächsanalyse und den Rollen­spielen. Wir üben, die eigene Person zurückzunehmen und einen wertfreien Resonanzraum für das Gegenüber zu schaffen.

Wer vertraut Ihnen ?
Mir vertrauen Menschen, die den Mut haben, sich zu öffnen – Menschen, die ihr Herz ausschütten. Vertrauen wächst, wenn ich versuche, in ihre Welt einzutauchen und all ihren Gefühlen – Schmerz, Angst, Wut – Raum und Berechtigung zu geben. Das gelingt nicht immer. Manchmal braucht es mehrere Anläufe. Ein Schlüssel ist, dass ich nichts fordere. Im Spital oder im Gefängnis wird den Menschen viel abver­langt : Kooperation, Einsicht, Rück­sicht­nahme. Bei mir muss niemand « funktionieren ». Das nimmt den Druck weg.

Was suchen oder finden die Menschen, die Kontakt mit Ihnen aufnehmen ?
Oft geht es darum, einfach zu erzählen und verstanden zu werden. Meistens hangeln wir uns von der Krankheitsgeschichte zur Lebensgeschichte und von dort aus zur Glaubensgeschichte. Häufig bleiben wir irgendwo stecken, aber das ist gut so. Konkrete Entscheidungshilfen für eine ohnehin ungewisse Zukunft werden selten gesucht. Ein wenig Erleichterung für ihre Extrem­situation – das genügt.

Geben Sie diesen Menschen Hoffnungen oder Ratschläge ?
Ich hüte mich, Hoffnungen zu machen. Und ich hüte mich, bestehende Hoffnungen dem Erd­boden gleichzumachen. Ich nehme das, was ist, behutsam in die Hände und schau es zusammen mit meinem Gegen­über von allen Seiten an. In den aller­meisten Fällen ergeben sich so neue Perspektiven. Wenn es düster bleibt, spreche ich das aus und halte danach meinen Mund. Dann bin ich einfach nur da.
Wie bereiten Sie sich auf Ihr Gegenüber vor ?
Indem ich versuche, mich innerlich leer zu machen. Wenn ich vor einer Tür stehe, bete ich : « Jesus, hilf mir, meine eigenen Sorgen und Vorurteile vor der Tür zu lassen. Mach mich leer, damit ich das Geschenk der Begegnung empfangen kann. »

Gibt es einen speziellen Raum, wo Ihre Gespräche stattfinden ?
Im Spital findet das Gespräch oft am Bett statt, getrennt nur durch einen dünnen Vorhang vom Nachbarbett. Wenn möglich mache ich mit den Patienten einen Spazier­gang auf den Gang, wo es Sitz­gelegen­heiten und etwas mehr Privatsphäre gibt. Im Gefängnis finden die Gespräche in der kargen Zelle bei vorgeschaltetem Riegel statt. Die « Stimmung » entsteht in beiden Fällen nicht durch Dekoration, sondern durch ungeteilte Präsenz.

Wahrsager benutzen Wahrsagekarten. Nutzen Sie Hilfsmittel ?
Jede Menge. Meine grössten Hilfsmittel sind Intuition und Empathie, dicht gefolgt vom aufmerksamen Zuhören, dem gemein­samen Schweigen und – falls gewünscht – dem Gebet oder einem Segen. Zu meinen erweiterten Hilfs­mitteln gehören Gespräche mit dem reformierten Team, meine Lerngruppe, Supervision, das persön­liche Gebet und meine freiwilligen Helfer, die Flyer für den Spital-Gottesdienst verteilen und dann Patienten abholen und zurück­bringen. Hilfreich ist der Rapport im Gefängnis, wo Gefängnis­angestellte Feedbacks geben. Ich frage am Schluss, ob ich mit einem Insassen reden soll. Dann besuche ich auch mal einen Insassen ohne Aufforderung.

Wie läuft ein unaufgefordertes Gespräch bei einem Häftling ab ?
Ich bleibe an der Zellentür stehen, stelle mich vor und frage : « Möchten Sie mit mir reden ? » Entweder fliege ich raus oder jemand sagt : « Kommen Sie rein ! » In dieser Spezialseelsorge muss ich in kürzester Zeit eine Beziehung aufbauen. Es entscheidet sich in Sekunden, ob unser Gespräch eine Zukunft hat oder nicht. Das ist sehr ressourcen­intensiv. Bei den meisten Gefangenen geht es nicht um die Zukunft, sondern um das unerträgliche Jetzt.

Und bei Patienten ?
Wenn ich mal frage : « Wie geht es Ihnen ? », bekomme ich auch mal eine Antwort : « Wie soll es mir schon gehen ! » Das kann auch zu einem Einstieg ins Gespräch führen. Oder bei ablehnender Haltung frage ich : « Möchten Sie gar kein Gespräch ? Oder soll ich in den nächsten Tagen vorbei­kommen ? » Ganz wichtig ist, den Gefühlen einen Raum zu geben, Gefühle zu validieren. Unein­geschränkt zu akzeptieren, dass jemand wütend ist. Das hat seine Berechtigung, wenn einem so viel genommen wird. Im Laufe des Dialogs versuche ich, Gefühle zu erreichen. Wenn etwas mit dem Essen im Spital nicht stimmt oder eine Pflege unfreundlich ist, steckt etwas dahinter. Wut drückt Ohnmacht aus.

Leiten Sie Ihr Gegenüber zur Selbst­erkenntnis ?
Selbsterkenntnis ist ein grosses Wort. Manchmal helfe ich den Menschen, ihre eigene, innere Stimme wieder zu hören, die durch das Dröhnen von Ärger, Angst, Schmerzen oder durch die Vehemenz von Angehörigen übertönt wurde. Auch versuche ich, im Hintergrund der Gespräche heraus­zufinden, wie mein Gegenüber tickt. Oft erkenne ich darin Ressourcen, die ich sehr dosiert äussere.

Sie fühlen sich sicher nicht als Orakel, das dem Fragenden Zukunftsvisionen anbietet. Wie würden Sie Ihre Rolle beschreiben ?
Ein Orakel blickt in die Zukunft, um der Gegenwart auszuweichen. Ich blicke mit den Menschen radikal in die Gegenwart, damit sie die Zukunft nicht mehr so sehr fürchten müssen. Ich bin ein Begleiter im Hier und Jetzt.

Interview & Bild : Judith Keller, 26.10.2026

Sebastian von Paledzki hat stets eine offene Tür.
Quelle: Judith Keller
Sebastian von Paledzki hat stets eine offene Tür.

 

 

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