Ein zufriedenes Leben trotz harter Bedingungen
Am 14. Juli hat Berta Hürlimann ihren 100. Geburtstag gefeiert. Die Seniorin lebt in einer Wohnung mitten im Städtli Neunkirch, strickt und erledigt noch alles selbst mit dem Rollator – ausser das Putzen. forumKirche hat sie 13 Tage vor ihrem Ehrentag besucht.
Wie fühlt es sich an, 100 Jahre alt zu werden ?
Es ist ein Geschenk. Ich habe nicht damit gerechnet, so alt zu werden. Ich bin einfach zufrieden mit dem, was ich habe. Heute habe ich das Paradies, wenn man bedenkt, wie man früher gelebt hat : zu dritt geschlafen in einem Bett.
Was für ein Fazit ziehen Sie, wenn Sie auf Ihr Jahrhundert an Leben zurückblicken ?
Es ist früher nicht besser gewesen, aber wir waren zufriedener als heute. Alle hatten nichts. Es gab nicht so grosse Unterschiede. Man hat einfach gelebt. Wenn der Grossvater einen Cervelat hatte, gab er einem eventuell ein Stückchen ab. Es war normal, dass die Männer Fleisch erhielten, die Frauen und Kinder nicht.
Was ist Ihr Geheimnis, um körperlich und geistig so fit zu bleiben ?
Das weiss ich auch nicht. Das Marschieren ist sicher gut. Wenn ich mal zwei Tage nicht rausgehe, dann merke ich es. Ich mache dann Lauftraining im Gang meiner Wohnung.
Sie haben harte Zeiten durchgemacht. Was hat Sie durch all diese Zeiten getragen ?
Ich bin als uneheliches Kind auf die Welt gekommen und bei den Grosseltern im Appenzellerland aufgewachsen. Meine Grossmutter starb früh. So kam ich mit 13 Jahren als Verdingkind zu einem Siblinger Bauern, weil mein Vater Schaffhauser war. Das fand ich aber erst nach seinem Tod heraus. Er hatte mich anerkannt, weshalb ich seinen Nachnamen trug : Altenburger. « Sei ruhig, du hast ja nicht mal einen Vater ! », hiess es.
In Siblingen war es nicht einfach : In der Schule hiess es immer, die Appenzellerin !
Ich weiss nicht, was mich hat stark werden lassen. Man sagte, ich hätte einen harten Kopf. Ich war schon an einem Weiher, wollte hineinjucken, weil ich solche Gedanken hatte wie « Dich will niemand ». Aber ich tat es nicht. Der Pfarrer mochte mich auch nicht. Ich war nicht beliebt. Ich war anders.
Fünf Jahre war ich dort. Mit 18 ging ich weg. Ich wollte Damenschneiderin werden, aber das war zu teuer. Man musste für die Lehre bezahlen. Ich durfte dann die landwirtschaftliche Haushaltslehre machen. Ich habe noch immer ein gutes Verhältnis mit den vier Kindern dieses Bauernbetriebs. Ich habe zur Familie gehört. Es war streng, 1944 war Krieg, ich musste viel arbeiten, aber ich habe viel gelernt. Kochen, Brot backen. Ich habe die Lehre mit der Note 1,5 abgeschlossen. Da war ich schon ein wenig stolz.
Nach drei Jahren nahm ich eine andere Stelle an und lernte meinen Mann kennen, der Knecht war dort. Wir übernahmen ein Bauerngewerbe. Es war hier im Haus, wo ich jetzt wohne. Es wurde abgerissen und es wurden Wohnungen gebaut.
Mein Mann hatte lange Nierenkrebs. Er starb 1980. 1974 starb unser Sohn. Er war 20, mein Mann 56. Mein Sohn hatte Asthma. Er starb während der Operation eines Leistenbruchs. Ich habe immer gedacht, ich habe noch meine zwei Töchter und Enkel, für die ich jetzt da bin.
Wie schaffen Sie es, trotzdem zufrieden und aufgestellt zu sein ?
Ich habe es gut mit der Familie. Das ist das Wichtigste. Ich habe so viele liebe Leute. Mit kleinen Sachen kann man sich aufrichten. Was will man noch mehr ! Ich bin zufrieden und dankbar.
Was können Sie uns Jüngeren mit auf den Weg geben diesbezüglich ?
Den Humor nicht verlieren ! Das hilft sicher. Es hiess, ich solle nicht immer lachen. Oder ich konnte gut pfeifen. Also, Mädchen pfeifen nicht ! Das machen nur Burschen. Heute kann ich nicht mehr pfeifen. Früher habe ich Lieder gepfiffen. Zeitweise wollte ich fast ein Bub sein, weil ich dachte, die hätten es einfacher.
Sie haben ein Handy und verschicken WhatsApp-Nachrichten. Wie sind Sie dazu gekommen ?
Ich sagte, das brauche ich nicht. Vor etwa zehn Jahren meinte der älteste Enkel, wir kaufen dir ein Handy – und er hat mich den Umgang damit gelehrt.
Mittlerweile habe ich mir eine Lesebrille gekauft, weil ich müde werde, wenn ich so oft Kreuzworträtsel löse. Bis dahin sagte ich : « Ich habe keinen Hörapparat, keine Brille und keine falschen Zähne ! »
Wie feiern Sie Ihren Geburtstag ?
Es gibt Kaffee und Kuchen. Ich habe nie Leute eingeladen. Ich hatte einfach immer eine offene Tür. Letztes Mal habe ich 30 Dankesbriefe verschickt. An einem anderen Tag gehe ich noch mit den Töchtern, Schwiegersöhnen, den vier Enkeln und vier Urenkeln essen.
Interview : Béatrice Eigenmann, forumKirche, 13.7.2026
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