Pfarreiblatt der Bistumskantone
Schaffhausen und Thurgau
forumKirche
Ausgabe Nr. 5

Möglichst vielen helfen

Die Bewegung des Effektiven Altruismus

Global, dynamisch und wissenschaftlich – so lässt sich in knappen Worten die Bewegung des Effektiven Altruismus (EA) charakterisieren. Ihr Ziel ist es, geistige und materielle Ressourcen möglichst wirksam zum Wohl dieser Welt einzusetzen. Dafür sind ihre Anhänger auch bereit, zehn Prozent ihres Einkommens zu spenden. Die Theologin Janique Behman gehört der Bewegung an. forumKirche fragte sie, wie sie zum EA kam und was sie daran fasziniert.

Seit wann beschäftigten Sie ökologische und entwicklungspolitische Fragen?

Als Ministrantin bin ich mit dem Kindermagazin tut in Kontakt gekommen und als Jugendliche mit dem Fastenopferkalender. Dies hat mich wach gemacht für globale Fragen. Besonders erschüttert hat mich ein Buch über Strassenkinder in Brasilien, das ich mit elf Jahren gelesen habe. Nach meinem Studium habe ich dann selbst in einem Projekt für Strassenkinder in Ägypten gearbeitet. Damals habe ich Armut und Gewalt ins Gesicht geschaut.

Es stellte sich mir schliesslich die Frage, wie ich noch mehr machen kann für Gottes Schöpfung und die Ärmsten dieser Welt, als einfach Velo zu fahren und zwei Grad weniger zu heizen. Ich entschied mich damals für einen veganen Lebensstil, weil mir klar wurde, dass ich dadurch mehr bewegen kann als durch irgendetwas anderes.

Was mich sehr getroffen hat, ist die Überlegung, dass man für die Produktion von einem Kilogramm Rindfleisch mindestens zehn Kilogramm Getreide benötigt. Mit diesem Getreide könnte man aber direkt mehrere hungernde Menschen satt machen. Das Getreide, das als Tiernahrung in die Schweiz eingeführt wird, fehlt Menschen in den Entwicklungsländern als Nahrung. Ich habe gemerkt, dass die Problematik der Strassenkinder schlussendlich auch mit dem, was bei mir auf dem Teller landet, zusammenhängt.

Wie kamen Sie zum EA?

Ich habe danach Ausschau gehalten, wen die gleiche Frage beschäftigt wie mich, nämlich wie man den grössten Einfluss darauf hat, Armut zu verringern. Dabei bin ich auf die Bewegung des EA aufmerksam geworden. Deren Vertreter kombinieren naturwissenschaftliches und ökonomisches Denken mit ethischen Fragestellungen. Das fasziniert mich. Ausserdem begegne ich dort ganz anderen Ansätzen und Denkweisen als in meinem beruflichen Umfeld. Ich profitiere sehr vom interdisziplinären Austausch mit Menschen, die Entwicklungsfragen mit einer anderen Methodik angehen als ich.

Schliesslich gefällt mir, dass der EA die Frage des Helfens in grundsätzlicher Weise stellt: Mache ich überhaupt schon das, was am wichtigsten ist, um den meisten zu helfen? Was ist in unserer globalen Welt am nötigsten?

Welche Ziele verfolgt der EA?

Der EA orientiert sich an drei Leitfragen:
1. Wie gross ist das Problem? Wie vielen kann ich durch mein Engagement helfen?
2. Wie vernachlässigt ist ein das Thema?
3. Bewirkt mein Handeln eine möglichst grosse Veränderung?

Der Klimawandel ist z. B. ein zentrales Thema für zukünftige Generationen. Im Energiebereich wird sehr viel getan, um den Klimawandel zu stoppen. Gegen die Massentierhaltung, die den Wandel nachweislich stärker beeinflusst als die Nutzung fossiler Energien, wird aber viel weniger vorgegangen. Selbst beim Klimagipfel in Paris wurde kaum darüber geredet. Es ist ganz klar eines der vernachlässigten Themen. Ein anderes Beispiel sind Tropenkrankheiten, die weltweit eine unglaubliche Anzahl von Kindern das Leben kosten. Wir in der Schweiz wissen sehr wenig darüber. Es werden bei uns auch keine Forschungsgelder eingesetzt, um Medikamente dagegen zu entwickeln, weil wir nicht davon profitieren. Es könnte sehr vielen Menschen geholfen werden, wenn wir unsere Prioritäten richtig setzen würden.

Die Themenbereiche, die aufgrund der drei Leitfragen im Moment ganz oben auf der Agenda stehen, sind die globale Armut, das Leid von Tieren und die gesellschaftlichen Auswirkungen des technologischen Fortschritts.

Es geht dem EA also nicht nur um den Menschen?

Ja genau, es geht ihm um das Wohl aller empfindungsfähigen Wesen. Die Ethik hat sich in den zurückliegenden Jahrhunderten stark auf den Menschen beschränkt. Es ist noch nicht so lange her, dass auch begonnen wurde, für Tiere mitzudenken.

In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, warum unsere Kultur zwischen Tierarten unterscheidet, die zu unseren Freunden gehören, und solchen, die uns als Nahrung dienen. Früher galt es, diskriminierendes Rassendenken zu überwinden, heute stellt sich die Herausforderung, diese ungerechte Unterscheidung zwischen Tierarten zu durchschauen und alle Tiere gleich zu achten, weil sie in gleicher Weise Lebenswillen haben und Schmerz empfinden. Oder theologisch gesprochen: Die Landtiere wurden gemäss der Schöpfungserzählung am selben Tag geschaffen wie der Mensch. Sie haben weitgehend dieselben Bedürfnisse. Und die «Würde der Kreatur» ist sogar in unserer Bundesverfassung verankert.

Was sind Ihre Gründe dafür, sich der Bewegung des EA anzuschliessen?

Ich fand diese junge dynamische Bewegung, die global agiert, sehr faszinierend. Es sind Menschen, die sich fragen: Wie kann ich möglichst viel bewirken? Sie geben sich nicht damit zufrieden, etwas zu geben oder zu tun, um damit ihr Gewissen zu beruhigen. Sie wollen nachprüfen, ob es vielen zugute kommt, und es in Zahlen belegen können. Oder kurz gesagt: Helfen mit Herz und Hirn. Wir haben ja das Gefühl, beim Helfen gehe es darum, dass man einem spontanen Impuls folgt, vor allem dann, wenn einem etwas unmittelbar vor Augen steht. Das ist aber ein schlechter Ratgeber für unsere globale Welt, wo sich Leiden hinter Stallmauern ereignet oder in Dörfern, in die nie eine Kamera kommt. Es ist besser, sich zu fragen, wie möglichst vielen geholfen werden kann. An den Effektiven Altruisten gefällt mir ausserdem, dass sie nicht festgelegt sind und Kritik sehr offen praktizieren. Es geht immer wieder um die Frage, ob das Beste schon gefunden wurde und was der beste Weg zur Zielerreichung ist.

Wie lassen sich für Sie EA und Glauben miteinander vereinbaren?

Der Glaube ist eine ganz wichtige Motivation für mein Engagement, weil die grossen biblischen Texte schon die Frage stellen, was Gottes Vision für seine Welt ist. Ebenso wichtig ist das Vorbild von Jesus, der ganz für das Reich Gottes gelebt hat. In seiner Rede in der Synagoge von Kafarnaum (Lk 4) kündigt er an: «Ich bin da, um Befreiung zu bringen.» Da frage ich mich: Was ist heute meine Mission? Für was lebe ich? Wie kann ich mit dem, was ich mache, Gottes Vision von seiner Schöpfung näher kommen? Hier gibt der EA eine wichtige Antwort, nämlich wie man vorgehen und welche Prioritäten man setzen kann.

Für mich als Theologin war es anfangs neu und befremdend, dass im EA alles quantifiziert wird. Ich bin es eher gewohnt, Geschichten zu erzählen, um Menschen zu motivieren. Dennoch habe ich angefangen, mehr in Zahlen zu denken. Bei Entscheidungen hilft es mir extrem, wenn ich Zahlen habe, die ich vergleichen kann.

Sie begegnen beim EA unterschiedlichen Weltbildern…

Ich bin mit vielen Menschen im Dialog, die von einer säkularen Ethik her argumentieren oder von buddhistischer Meditation inspiriert sind oder Freidenker sind… Das Entscheidende ist, dass wir uns alle auf eine Basis verständigen, von der aus wir gemeinsam für das Wohl unserer Welt handeln können – Kernwerte und Vorgehensweisen, die uns allen wichtig sind.

Wofür setzt die Stiftung für EA gespendete Gelder ein?

Spenderinnen und Spender können selber bestimmen, wofür sie spenden möchten. Als Orientierung steht ihnen eine Liste der effektivsten Organisationen zur Verfügung, die GiveWell – ein Forschungsinstitut innerhalb der Bewegung des EA – jedes Jahr neu erstellt. Unter den vier empfohlenen Organisationen befindet sich derzeit eine, die mit Moskitonetzen gegen Malaria vorgeht, und eine, die mit Entwurmungspillen Kindern in Afrika und Indien hilft. Wer mag, kann über die Stiftung für EA steuerabzugsfähig an diese Organisationen spenden. Es besteht andererseits die Möglichkeit, die Forschung und die politische Arbeit der Stiftung zu unterstützen. Ein Beispiel für diese Arbeit ist ein in Kürze erscheinendes Positionspapier, in dem die Entwicklungszusammenarbeit, die von der Schweiz ausgeht, kritisch analysiert wird. Es soll Diskussionen über die Effektivität unserer Hilfe anregen.

Ausserdem versucht die Stiftung, auf politischem Weg die Förderung von pflanzlicher Ernährung zu erreichen, damit z. B. in Mensen attraktive vegane Alternativen angeboten werden, die es Menschen leicht machen, auf Fleisch zu verzichten.

In Syrien tobt ein verheerender Bürgerkrieg. Wie kann in solchen Situationen «effektiv» geholfen werden?

Der Syrienkrieg hat erschreckende Dimensionen angenommen. Die Gründe für diesen Krieg sind extrem komplex und die damit verbundenen Probleme können letztlich nur politisch gelöst werden. Ihre Grösse darf sicher nicht davon abhalten, sie anzugehen. Sehr wichtig ist auch die Nothilfe. Da wird heute schon viel bewegt.

Auf der anderen Seite muss man aber auch Folgendes sehen: In Syrien starben im Jahr 2015 rund 20‘000 Menschen. Genauso viele Kinder sterben auf der ganzen Erde – und zwar an jedem einzelnen Tag – aufgrund extremer Armut und Unterernährung. Die Katastrophe, die sich täglich ereignet, wird kaum wahrgenommen. Dabei ist es viel einfacher, gegen diese Katastrophe vorzugehen als den Bürgerkrieg zu stoppen.

Aufklärung und Bildung wirken oft erst nach Jahrzehnten. Können sie trotzdem von Effektiven Altruisten unterstützt werden?

Ja, die Frage ist nur wie. Braucht es mehr Schulen, mehr Schulbücher oder besser ausgebildete Lehrerinnen? Manche Hilfswerke unterstützen Patenschaften, kaufen den Kindern Schuluniformen, geben den Eltern Geld für den Schulbesuch ihrer Kinder oder verteilen Mahlzeiten. Die französische Ökonomin Esther Duflo hat in einer Studie diese Massnahmen miteinander verglichen, um zu sehen, wodurch die Zahl der Schulabschlüsse am meisten erhöht wird. Völlig überraschend erwies sich die Verteilung von Entwurmungspillen als eine der effektivsten Massnahmen. Diese Pillen verhindern die Ausbreitung von parasitären Wurmerkrankungen, die die Kinder davon abhalten, in die Schule zu gehen. Noch positiver wirkt es sich aus, Eltern darüber aufzuklären, was Bildung ihren Kindern bringt. Investiert man 100 Franken in diese Aufklärungsarbeit, ermöglicht dies 40 Jahre zusätzlichen Schulbesuch. Die herkömmlichen Massnahmen ermöglichen hingegen nur etwa ein bis vier Jahre zusätzlichen Schulbesuch. Das bedeutet, man kann mit diesen 100 Franken mindestens zehn Mal mehr Kindern helfen.

Ist der EA für Sie nur eine rationale Angelegenheit?

Der EA ist eine grossartige Alternative zur No-Future-Mentalität, zu diesem Gefühl: Ich kann doch nichts bewirken. Indem er um die besten Lösungen ringt, zeigt er auf, dass es sinnvoll ist zu helfen. Er ist für mich ein grosses Hoffnungszeichen.

Detlef Kissner

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■ Nähere Infos www.ea-stiftung.org oder www.givewell.org

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Janique Behman (37) arbeitet als Pastoralassistentin im ökumenischen Kirchlichen Zentrum in Ittigen BE.

Bild: © Pieter Poldervaart
Etwa 1 Million Menschen sterben jährlich an Malaria. Mit einfachen Moskitonetzen können viele Leben gerettet werden.

Bild: UNICEF Ethiopia/flickr.com
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