Pfarreiblatt der Bistumskantone
Schaffhausen und Thurgau
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Ausgabe Nr. 15

Zwischen Kriegseuphorie und Friedensbemühungen

Welche Rolle die katholische Kirche im Ersten Weltkrieg spielte

Mit grosser Begeisterung ziehen in den ersten Augusttagen 1914 deutsche Soldaten in einen Krieg, der schliesslich in einer Katastrophe endet und 17 Millionen Menschen das Leben kostet. Kirchenführer beider Konfessionen können sich dem patriotischen Rausch nicht entziehen, ja versuchen sogar die militärische Aggression religiös zu rechtfertigen.

Im Juli 1917 übersandte der Münchner Erzbischof und Feldpropst der bayerischen Armee, Michael von Faulhaber, eine Sammlung gedruckter Feldpredigten an den Kaiser. In seiner Widmung schrieb er: «Die Liebe des deutschen Volkes muss Eurer Majestät seelisch hinüberhelfen über den unbegreiflich teuflischen Hass, womit jede, auch die edelste Tat Eurer Majestät im Ausland missdeutet wird. Meine gedruckten Feldpredigten sind nur ein schwacher Widerhall dessen, was das lebendige, vom persönlichen Feuer getragene Wort beim Feldgottesdienst die Fronten entlang mit Gottes Hilfe wirkt.» Die Zeilen lassen aufmerken. Wie können diese Worte verstanden werden, von einem katholischen Würdenträger an den protestantischen Herrscher geschrieben, rund vierzig Jahre, nachdem sich Kaiserreich und Katholizismus im Kulturkampf konfrontativ gegenüberstanden?

Katholiken als gute Deutsche

Der Erste Weltkrieg wurde von den Katholiken Deutschlands als Chance gesehen, die Jahrzehnte der Benachteiligung hinter sich zu lassen. Sie waren in ihrem Land als unsichere Kantonisten angesehen. Das von Bismarck geeinte Reich aber forderte Loyalität und nationales Bewusstsein. Ferner war es geprägt durch ein protestantisches Herrscherhaus. Die evangelische Kirche war quasi Staatskirche, mit einem Kaiser, der seine schützende Hand über sie hielt. Ihr gehörte die Mehrheit der Bevölkerung an, nur im Rheinland, in Westfalen und in Schlesien gab es eine katholische Majorität. Hier entstand ein starker Verbandskatholizismus, und hier wurde unter anderem eine selbstbewusste Diskussion um eine Beteiligung von Katholiken in den Gewerkschaften geführt. Einig waren sich die Katholiken nicht. In Kirche und Gesellschaft wurde deswegen am Vorabend des Ersten Weltkriegs energisch darüber diskutiert, inwieweit sich die Katholiken mit dem Hohenzollernreich identifizieren sollten. Der Krieg änderte alles. In der katholischen Kirche sah man nun die einzigartige Chance, zu beweisen, dass die Katholiken gute Deutsche seien. Mit Predigten, Hirtenbriefen, in Reden und in Büchern forderten Bischöfe, Priester und herausragende Laien zur nationalen Geschlossenheit auf. Katholische Intellektuelle führten ihren Krieg mit Griffel und Papier. Ihr besonderes Augenmerk galt der Auseinandersetzung mit Frankreich und besonders der Frage, ob der Krieg als «Gerechter Krieg» auch im theologischen Sinne zu qualifizieren sei.

Stärkung des Katholizismus

Denker und Kirchenfürsten verbanden darüber hinaus noch weitere eigene Ziele mit dem Krieg. In der Allianz mit dem katholischen Österreich verband sich die Hoffnung eines Erstarkens des Katholizismus im deutschen Sprachraum. Obendrein erhoffte man sich die Re-Katholisierung des laizistischen Frankreichs, die Befreiung Polens von der Unterdrückung durch das schismatische Russland und den Sieg über Englands Kapitalismus. Die rechtswidrige Besetzung und teilweise Zerstörung des neutralen und katholischen Belgiens nahm man billigend in Kauf. Die katholische Kirche war nicht nur in der Heimat präsent, sondern ebenso an der Front. Die Aufgaben der zum Ende des Krieges über 1000 Feldseelsorger bestanden in der alltäglichen Begleitung, in Gesprächen, im Spenden der Sakramente – allzu oft war dies die letzte Ölung.

Rechtfertigungen des Krieges

Katholische Intellektuelle wie Max Scheler, Georg Pfeilschifter oder Joseph Mausbach führten ihren Krieg mit Griffel und Papier. Ihr besonderes Augenmerk galt besonders der Frage, ob der Krieg als «Gerechter Krieg» auch im theologischen Sinne zu qualifizieren sei. Darin war man sich bis zum Kriegsende einig. Deutschland habe sich gegen eine Übermacht erwehren müssen. Besonders der in der philosophischen Retrospektive so integre Max Scheler tat sich in der Diskussion hervor. Neben Artikeln, die den Kampf rechtfertigten und Hoffnungen mit ihm verbanden, veröffentlichte er schon 1915 das Buch «Der Genius des Krieges und der Deutsche Krieg». Dieser Genius, den der Krieg erzeuge, erhöhe den Individualismus in ein neues Kollektiv. Der Kampf, so führt Scheler aus, sei moralisch legitimiert. Sein Ergebnis wäre die geistige Einheit Europas. Der Krieg sollte für ihn ein moralisches Korrektiv werden, die Asche für den europäischen Phönix, der sich erheben wird. Für den Kulturwissenschaftler Theodor Lessing war Schelers Buch ein «bluttriefendes widriges Buch, das die weltgeschichtliche Metzelei dialektisch rechtfertigt und mir schlimmer schien als ein Mord».

Friedensbemühungen

Der 1914 gewählte Papst Benedikt XV. wurde indes nicht müde, den Frieden zu predigen. Schon zu Beginn des Krieges steckte er den Rahmen für seine Friedenspolitik ab. Grundsätzlich war man in Deutschland an päpstlichen Friedensbemühungen interessiert. Die Stellung des Vatikans war umstritten und wurde von Italien nicht anerkannt. Nach Italiens Kriegseintritt aufseiten der Entente wurde es für den Papst noch schwieriger, frei zu agieren. Auch war seine Stellung umstritten. War er, der über den Nationen stand, wirklich neutral? Was Belgien anbelangte, blieb Benedikt konsequent kompromisslos: Die Besetzung eines neutralen, überdies katholischen Landes, wollte und konnte er nicht akzeptieren. Ansonsten war er auf der Suche nach einem Kompromiss, und dafür brauchte er Flexibilität der Kriegsgegner. Bekommen hat er sie nicht. Trotzdem tat er, was er konnte und bekam später zu Recht den Titel «Friedenspapst». Den Höhepunkt seiner Versuche stellte eine Friedensinitiative aus dem Jahr 1917 dar. Unterstützt durch den vatikanischen Nuntius in Bayern, Eugenio Pacelli, wollte Benedikt XV. versuchen, einen raschen Friedensschluss herbeizuführen. Es ging ihm um einen Ausgleich, weder sollte es Sieger noch Verlierer geben. Mit seiner Initiative scheiterte Benedikt. Was blieb, war eine umfangreiche humanitäre Hilfe während des gesamten Krieges. Das sollte Papst Benedikt XV. bis heute grosse Anerkennung bringen.

Hilfe aus der Schweiz

An dieser Stelle war auch, in Einvernehmen mit der deutschen Kirche und der deutschen Regierung, die Schweiz mittelbar in das Geschehen involviert. Der Papst erreichte, dass während des Krieges bis zu 13000 deutsche Soldaten, die verwundet in Kriegsgefangenschaft geraten waren, Aufnahme in der neutralen Schweiz fanden. Um die deutschen Kriegsgefangenen im Ausland sorgte sich ein Benediktiner aus dem Kloster Einsiedeln. Die Arbeit des Paters Sigismund von Courten wurde durch den Kölner Kardinal von Hartmann angeregt. Schweizer Mittelsmänner erwirkten die Unterstützung der französischen Regierung für diesen Akt der Humanität. Mehrmals reiste Courten nach Frankreich, kümmerte sich um die Seelsorge, übergab Nachrichten, schrieb Berichte und verteilte Lebensmittel. Erst 1917 stellte er seine Tätigkeit ein.

Der Krieg endete verlustreich, und mit ihm endete das Kaiserreich. Endlich fühlten sich die Katholiken anerkannt. Doch nun standen sie nicht nur vor den Trümmern der Aristokratie, sondern auch vor den Trümmern ihrer eigenen Bemühungen um Anerkennung. Was kam, war die Republik, und sie mass der Kirche nicht jene aristokratiegleiche Bedeutung zu, wie dies zuvor die Monarchie tat.

Martin Lätzel/Red.

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■ Weiterführende Informationen unter: 
www.wdr3.de/zeitgeschehen/pdflebenszeichen304.pdf

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Evangelium und Glauben dienten dazu, den Sinn des Krieges zu erklären – besonders wenn Opfer zu beklagen waren wie bei dieser Todesnachricht.

Bild: Wikimedia Commons
Das Kirchenlied «Nun danket alle Gott» wurde im Ersten Weltkrieg für die Kriegspropaganda missbraucht. Als Motiv zierte es auch zahlreiche Bildpostkarten.

Bild: KNA-Bild
Papst Benedikt XV. (1914-1922) setzte sich während des Ersten Weltkriegs für den Frieden ein, allerdings ohne nennenswerten Erfolg.

Bild: Wikimedia Commons
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