Pfarreiblatt der Bistumskantone
Schaffhausen und Thurgau
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Ausgabe Nr. 19

Editorial

Eine Heiligsprechung ist mehr als eine nachträgliche Würdigung einer Person und ihres vorbildlichen Lebenswerkes. Mit ihr wird handfeste (Kirchen-)Politik betrieben. Sie ist ein Führungsinstrument, mit denen die Kirchenoberen deutlich machen, welche Werte gerade hoch im Kurs sind und welche nicht.

Dies zeigt sich deutlich bei den Heiligsprechungen am 14. Oktober. Neben der weniger bekannten Gründerin der Ordensgemeinschaft der Dernbacher Schwestern, Maria Katharina Kasper (1820–1898), stehen die beiden Schwergewichte Óscar Romero und Papst Paul VI. auf der Liste. Obwohl Romero nach seiner Ermordung von den einfachen Gläubigen in Lateinamerika wie ein Heiliger verehrt wurde, verweigerte ihm die Kirchenleitung jahrzehntelang die offizielle Anerkennung. Papst Johannes Paul II. befürchtete, durch diesen Schritt der Befreiungstheologie Auftrieb zu verleihen. Der eher vergeistigte Benedikt XVI. konnte in so einem politischen Engagement keine heiligmässige Grosstat sehen – im Gegenteil. Das änderte sich mit Papst Franziskus. Dieser kennt die Hintergründe, die zur Befreiungstheologie führten, sein Herz schlägt für die Menschen «am Rande». Kein Zufall also, dass Romeros Heiligsprechung unter seiner Leitung vorangetrieben wurde. Auffällig ist auch, dass ausgerechnet Paul VI., dessen «Pillenenzyklika» (Humane Vitae, 1968) viele Christen bis heute verärgert, mit Romero zum Heiligen erhoben wird. Zwei Heilige, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Für mich ist die Heiligsprechung von Paul VI. eindeutig ein Zugeständnis an konservative Kreise, die mit Romero als Heiligen nicht einverstanden sein dürften.

Wie dem auch sei – mit der Heiligsprechung Romeros stützt Franziskus all diejenigen, die sich für die Rechte von Unterprivilegierten einsetzen wie z. B. Bischof Kräutler im Amazonasgebiet. Er gibt der Kirche ein starkes Vorbild, das sie wegführt von ihrer unheilvollen Rolle des bürgerlichen Sittenwächters hin zu einem verantwortlichen Mitgestalter der Welt. Und er ermutigt alle Christen dazu, an ihrem je eigenen Ort einen Beitrag für eine sozial gerechte Welt zu leisten.

Detlef Kissner

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