Pfarreiblatt der Bistumskantone
Schaffhausen und Thurgau
forumKirche
Ausgabe Nr. 14

Wie ein liebender Vater

Eindrücke vom Gottesdienst mit Papst Franziskus

Am 21. Juni besuchte Papst Franziskus den Weltkirchenrat in Genf. Am Abend feierte er mit über 40‘000 Gläubigen eine Eucharistiefeier in der Palexpo-Halle. Von Schaffhausen aus hatte sich eine 45-köpfige Gruppe nach Genf aufgemacht. forumKirche fragte zwei der Mitreisenden nach ihren Eindrücken: Simone Ullmann (27) aus Eschenz und Marc Rütimann (45) aus Thayngen.

Sie haben eine lange Reise auf sich genommen, um an einem Gottesdienst mit Papst Franziskus teilzunehmen. Was hat Sie dazu motiviert?

Simone Ullmann: Es ist schön, wenn man mit so vielen Menschen einen Gottesdienst feiern kann. Und es hat mich fasziniert, dass 40‘000 Menschen wegen einem Mann nach Genf pilgern. Da wollte ich auch gern dabei sein. Schliesslich war der letzte Papst vor vierzehn Jahren in der Schweiz und man weiss nicht, wann es wieder einen Besuch eines Papstes geben wird. Papst Franziskus interessiert mich aber vor allem auch als Person. Es beeindruckt mich, dass er sich so für die Einheit der Christen einsetzt.
Marc Rütimann: Es ist nicht oft der Fall, dass ein Papst in die Schweiz kommt. Ausserdem interessiert mich Papst Franziskus selber, weil er meinen Wertvorstellungen entsprechend kommuniziert und handelt. Mir gefällt seine Bescheidenheit und die Themen, die er anspricht, sein Einsatz für die Ärmsten und für die Bewahrung der Schöpfung. Er bringt die Dinge auf den Punkt. Und drittens wollten wir als Familie dorthin gehen. Meine Frau hat dazu den Anstoss gegeben. Sie ist erst im Januar zum Katholizismus konvertiert. Unsere Familie ist grösstenteils reformiert. Wenn der Papst nun den Weltkirchenrat besucht und damit ein Zeichen setzt, wollten wir auch dabei sein und den Gottesdienst mit ihm feiern. Der Papst schliesst ja keine Religion aus, sucht den Kontakt zu ihnen. Das ist uns auch ein wichtiges Anliegen, dass wir als Einheit mit dem gleichen Gott unterwegs sind.

Wie haben Sie Papst Franziskus erlebt?

Simone Ullmann: Auf der einen Seite merkte man, dass er ein älterer Herr ist. Er wirkte etwas erschöpft. Was ja verständlich ist, nach so einem anstrengenden Tag. Einmal wäre er fast von der Treppe gestürzt, wenn ihn nicht jemand gehalten hätte. Auf der anderen Seite erlebte ich ihn, als er mit seinem Papamobil durch die Menge fuhr, als herzlichen Mann mit einer wahnsinnigen Ausstrahlung. Man hatte das Gefühl, er würde am liebsten die ganze Welt umarmen. Er hatte den Blick eines liebenden Vaters. Trotz Müdigkeit war es ihm wichtiger, die Liebe von Jesus weiterzutragen.
Marc Rütimann: Ich hatte den Eindruck, dass Papst Franziskus müde gewesen ist. Aber trotzdem hat er die Menschen erreicht. Es ging ein Vibrieren durch die Menge, als er durchfuhr. Die Predigt habe ich erst später im Fernsehen gehört. In der Halle war die Akustik sehr schlecht. Er ist auf jeden Fall ein Mann der klaren Worte. Er weiss, was er will. Man merkt, dass seine Botschaft ihm ein Herzensanliegen ist.

Was hat Sie bei dem Gottesdienst am meisten angesprochen? Was war eher enttäuschend?

Simone Ullmann: Es hat mir gefallen, dass es ein ganz normaler Gottesdienst war und dass der Papst in seiner Predigt auf das Evangelium eingegangen ist und nicht auf irgendwelche aktuellen Themen. Bei der Predigt hat mich vor allem seine Aussage beeindruckt, dass wir alle keine Einzelkinder, sondern Brüder und Schwestern im Glauben sind – wir sind eine Einheit. Der Papst legte uns damit ans Herz, uns für die Menschen und nicht die virtuellen Dinge, die wir auf dem Handy haben, zu entscheiden, denn die Nächstenliebe geht über alles. Faszinierend fand ich ausserdem, dass im gleichen Raum verschiedene Nationen und Kulturen mit ihren unterschiedlichen Sprachen anwesend waren, um miteinander Gottesdienst zu feiern. Als störend habe ich empfunden, dass viele mit ihren Handys fotografiert haben, als der Papst an ihnen vorbeifuhr, oder dass einige während des Gottesdienstes in den Gängen herumliefen. Es schien mir, als ginge es ihnen nur darum, den Papst gesehen zu haben und weniger darum, miteinander Gottesdienst zu feiern.
Marc Rütimann: Ich fand es schön, dass eine normale Werktagmesse gefeiert wurde. Diese kann auch feierlich sein. Beeindruckend ist, wie die ganze Halle am Gottesdienst teilgenommen hat, wie die Menschen ruhig wurden. Hier war man – anders als im Alltag – von vielen umgeben, die aus dem Glauben heraus leben.

Welche Bedeutung hat Ihrer Meinung nach Papst Franziskus für die katholische Kirche und darüber hinaus?

Simone Ullmann: Ich habe das Gefühl, dass er für die Kirche sehr wichtig ist, weil er Stellvertreter von Jesus ist. Man spürt, dass er dies auch leben möchte. Er hält sich nicht an das Protokoll und geht hin zu den Menschen, weil sie ihm wichtiger sind als seine Stellung als Papst. Er sieht sich als liebenden Vater, der sich um die Menschen, seine Kinder, sorgt. Auch für die Welt hat er eine grosse Bedeutung, nicht unbedingt in seiner Funktion als Papst, sondern als Mensch, der sich für andere einsetzt, als Vorbild für andere.
Marc Rütimann: Papst Franziskus nennt die Probleme der Kirche beim Namen. Werte, die ihm wichtig sind – wie soziale Gerechtigkeit – verkündet er nicht nur, sondern er lebt sie auch. Sie kommen in seiner schlichten Lebensweise zum Ausdruck oder darin, dass er niemanden ausschliesst. Dadurch hat sein Wort Bedeutung. Es ist die einzige «Waffe», die er hat. Es tut gut, zu sehen, dass jemand, der so angesehen und mächtig ist, auch solche Werte leben kann. Das ermutigt mich, eine solche Haltung auch in meinen Alltag zu integrieren, zum Beispiel in meiner Führungsrolle im Beruf.
Auf der anderen Seite bin ich Realist: Der Papst kann nicht kommen und alles umstellen. In der Kurie gibt es zum Beispiel auch Leute, die – anders als er – eher nach Macht und Reichtum streben. Die kann er nicht einfach auf die Strasse setzen. Aber mit seinen Zeichen hinterfragt er andere und rüttelt sie wach. Wenn Menschen sich irgendwann darauf einlassen, wird es Auswirkungen haben. Wahrscheinlich wird Papst Franziskus aber die Reformen, die er angestossen hat, nicht mehr selber abschliessen. Das bleibt einem Nachfolger vorbehalten. Auch beim Treffen mit dem Weltkirchenrat gab es keine grossen Ergebnisse. Aber lieber kleine Schritte gehen und dafür stetig etwas bewegen.

Interview: Detlef Kissner

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Marc Rütimann und seine Frau Tanja vor dem Plakat zum Papstbesuch

Bild: zVg
Simone Ullman auf dem Weg nach Genf

Bild: Hans Hug
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