Pfarreiblatt der Bistumskantone
Schaffhausen und Thurgau
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Ausgabe Nr. 12

Das Verbindende betonen

Zum Jubiläum «50 Jahre Landeskirche Schaffhausen»

Die römisch-katholische Kirche Schaffhausen feiert am 25. Juni an der Sommersynode in Ramsen ihr 50-jähriges Bestehen als Landeskirche. Der frühere Synodalratspräsident Thomas Binotto will als Festredner vor allem vorausschauen. Doch um den Blick in die Zukunft zu schärfen, mag ein Blick in die Vergangenheit hilfreich sein.

Im Bernischen Historischen Museum läuft derzeit die Ausstellung «1968 Schweiz». Sie zeigt eine Schweiz im Aufbruch. Protest gegen den Vietnamkrieg, Frauenbefreiung, Kommunen, laute Rock- und Popmusik, Hippies mit Blumen im Haar. Die junge Generation kämpfte damals gegen überkommene Autoritäten und Werte sowie für Selbstbestimmung, Gerechtigkeit und Solidarität. Aus regionaler Sicht gehört zu dieser Aufbruchstimmung auch, mit wesentlich leiseren Tönen, die öffentlich-rechtliche Anerkennung von Katholisch Schaffhausen: Nach rund 400 Jahren beschlossen die Schaffhauser Christen, die Glaubensspaltung zu überwinden und fortan das Verbindende stärker zu gewichten als das Trennende.

Knackpunkt ausgeklammert

Faktisch wurde die öffentlich-rechtliche Anerkennung in zwei politischen Schritten vollzogen. Am 6. November 1967 hiess der Grosse Rat – basierend auf Gottfried Waefflers Motion «Ausbruch aus dem politischen Ghetto» vom 22. Januar 1964 – das Organisationsstatut gut und erteilte den Status als Landeskirche. Für die Rechtsgültigkeit dieses Entscheids brauchte es aber eine Gesetzesänderung zur Bildung der fünf öffentlich-rechtlichen Kirchgemeinden. Die Schaffhauser Stimmbürger – die Frauen waren noch nicht stimmberechtigt – genehmigten dies am 18. Februar 1968. Das Resultat von 7923 Ja gegenüber 5002 Nein zeigte auf, dass noch längst nicht alle Ressentiments ausgeräumt waren.

Den möglichen Knackpunkt der Vorlage, nämlich die Frage der Pfarrerbesoldungen, hatte man wohlweisslich ausgeklammert. Dieses heisse Eisen sollte erst 15 Jahre später mit der Volksabstimmung vom 27. Februar 1983 zur Zufriedenheit aller, respektive der 56 Prozent, Zustimmenden geschmiedet werden.

Wann fand die Reformation statt?

Da Martin Luther am 31. Oktober 1517 seine 95 Thesen an die Tür der Schlosskirche in Wittenberg genagelt haben soll, hat man das Reformationsjubiläum allenthalben im Jahr 2017 zu feiern begonnen. Gerade in Schaffhausen handelte es sich bei der Reformation jedoch um einen langen, keineswegs geradlinig verlaufenden Prozess. Breitere Kreise erfasste erst der 1522 in seine Vaterstadt zurückgekehrte Franziskanermönch Sebastian Hofmeister. Er wurde aber 1525 verbannt mit dem Vorwurf, sich an der Aufstandsbewegung der Rebleute beteiligt zu haben. Schaffhausen führte die Reformation am 29. September 1529 auf Druck der grossen reformierten Städte Bern, Basel, St. Gallen, Mühlhausen und vor allem Zürich durch. Es war, ein Paradoxon der Geschichte, eine Reformation ohne Reformator.

Dementsprechend halbherzig erfolgte die Umsetzung. Eine durchgreifende Konsolidierung der kirchlichen Verhältnisse im Sinne der Reformation wurde erst ab 1566 von Johann Konrad Ulmer angepackt.

Sonderfall Ramsen

In Ramsen setzte Österreich als Landesherr den katholischen Glauben durch, tolerierte gleichzeitig aber eine reformierte Bevölkerungsmehrheit. Daran änderte sich weder 1770 etwas, als Ramsen vollständig in zürcherischen Besitz gelangte, noch 1798, als es im Zuge der Helvetik Schaffhausen zugeteilt wurde. Als mit der Kantonsverfassung von 1876 das Staatskirchentum abgeschafft wurde, erlangte die katholische Kirchgemeinde Ramsen 1883 die öffentlich-rechtliche Anerkennung. Es folgten 1890 die Christkatholiken. Die Reformierten hingegen brachten erst 1915 ein mehrheitsfähiges Organisationsstatut zustande.

Wieder katholische Gottesdienste

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts waren im Zuge der allgemeinen Niederlassungsfreiheit und der berufsbedingten Mobilität die ersten Katholiken in die Stadt Schaffhausen gekommen. Diese besuchten die Gottesdienste im Kloster Rheinau oder, weitaus häufiger, im Kloster Paradies. Johann Georg Neher, der mit seinem Eisenwerk am Rheinfall zeitweilig der bedeutendste Arbeitgeber Schaffhausens war, erhielt 1825 als erster Katholik das Schaffhauser Bürgerrecht, dies allerdings verbunden mit der Auflage, seine Kinder reformiert zu erziehen. Zusammen mit angesehenen katholischen Mitstreitern erreichte Neher 1836 ein Toleranzedikt, welches 1841 in der St. Anna-Kapelle beim Münster zum ersten neuzeitlichen katholischen Gottesdienst in der Stadt Schaffhausen führte. 1885 wurde auf dem Fäsenstaub die Kirche St. Maria eingeweiht. Die Katholiken kämpften danach jahrzehntelang um eine bessere politische Vertretung sowie um Gleichberechtigung in Beruf und Gesellschaft, jedoch nicht um die öffentlich-rechtliche Anerkennung ihrer Kirche, da man die kirchliche Hierarchie nicht in Einklang mit den Ansprüchen des Staates bringen wollte.

Der Weg zur Landeskirche

Der kirchliche Demokratisierungsprozess wurde erst nach dem Zweiten Weltkrieg angestossen. Im August 1963 wurde der Wunsch nach Anerkennung von Pfarrer Franz Niggli anlässlich des 50-Jahr-Jubiläum der Pfarrei Neuhausen ein erstes Mal öffentlich ausgesprochen. Dies war kein Zufall, denn einen Monat zuvor hatten die Zürcher Katholiken die Anerkennung erlangt. Zudem hatte das im Vorjahr von Papst Johannes XXIII. mit dem Auftrag pastoraler und ökumenischer Erneuerung einberufene Zweite Vatikanische Konzil bei den Katholiken für eine Aufbruchstimmung und bei den Reformierten für ein differenzierteres Katholikenbild gesorgt.

Ein halbes Jahr später reichte Gottfried Waeffler seine Motion ein, die von reformierter Seite mit Wohlwollen entgegengenommen wurde. Nach der Volksabstimmung im Februar 1968 machten sich die Katholiken, angeführt von Synodalratspräsident Walter Späth, an den Aufbau der Kirchgemeinden und der Landeskirche. Eine Herausforderung bildeten vorab die zunächst zahlreichen Kirchenaustritte von Ausländern, die in ihrer Heimat nie eine Kirchensteuer gezahlt hatten.

Regelung der Finanzierung

Die heikle Diskussion um die finanzielle Abgeltung des im Rahmen der Reformation verstaatlichten Kirchenvermögens wurde 1969 von Kantonsrat Rudolf Hädener ausgelöst. Er monierte, die ausbezahlten Pfarrerbesoldungen würden weit über die Erträge des einstigen Kirchengutes hinausgehen, es sei jedoch nicht rechtmässig, dass alle Kantonsbewohner die Differenz zu bezahlen hätten. Die Parlamentsmehrheit wollte aber die Stellung der Landeskirchen nicht schwächen. Weil die Katholiken ebenfalls Anspruch auf das ursprüngliche Kirchenvermögen geltend machten, zog sich die Problemlösung in die Länge. Von 1985 an wurde den drei Landeskirchen ein indexierter jährlicher Fixbetrag ausbezahlt – dies im Verhältnis von 77,5 Prozent für die Reformierten, 2,5 Prozent für die Christkatholiken sowie 20 Prozent für die Katholiken, die vorher lediglich 4,2 Prozent (für den Pfarrer in Ramsen) erhalten hatten.

Staatsbeitrag angepasst

Am 24. November 2013 lehnte die Bevölkerung eine einschneidende Kürzung der Beiträge an die Landeskirchen im Rahmen eines Sparprogramms ab. Gleichzeitig willigten die Landeskirchen freiwillig in eine weniger weitgehende Reduktion ein. In diesem Zusammenhang wurde der Anteil der Katholiken auf 22 Prozent erhöht.

Dass die katholische Landeskirche vom Bischof von Basel, als pastoralem Leiter der Kirche im Kanton Schaffhausen, Glückwünsche zu ihrem Jubiläum erhält, ist historisch betrachtet keine Selbstverständlichkeit. Ramsen gehörte nämlich dem Bistum Chur an; die übrigen Schaffhauser Pfarreien wurden dann aber, nach heftigen Streitigkeiten, provisorisch dem Bistum Basel zugeteilt. Die definitive Zuteilung zum Bistum Basel erfolgte erst 1978. Dies hat ein seltenes Kuriosum zur Folge: Als Vertreter des Diözesanstandes Schaffhausen wählen zwei in der Regel reformierte Regierungsräte jeweils den neuen Bischof von Basel.

Andreas Schiendorfer

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Als es in Schaffhausen noch keine röm.-kath. Landeskirche gab: Das katholische Unterrichts- und Schwesternhaus (l.), und der Eingang zum Vereinshaus (um 1920)

Bild: zVg
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