Pfarreiblatt der Bistumskantone
Schaffhausen und Thurgau
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Ausgabe Nr. 5

Auge um Auge, Zahn um Zahn

Redewendungen aus der Bibel

Wer die Formel «Auge um Auge, Zahn um Zahn» verwendet, meint damit, dass Gleiches mit Gleichem vergolten werden soll.

Wenn es darum geht, harte Vergeltung in eine griffige Formel zu fassen, muss oft das Bibelwort «Auge um Auge, Zahn um Zahn» herhalten. Das ist bei Politikern und Journalisten so, selbst bei Kirchenleuten. In unserem Alltag wird der Spruch häufig zitiert, wenn es um Streit, Vergeltung und Rache geht. Die meisten kennen die Redewendung aus der Bergpredigt, wo Jesus sagt: «Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: Auge für Auge und Zahn für Zahn. Ich aber sage euch: Leistet dem, der euch etwas Böses antut, keinen Widerstand, sondern wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, dann halt ihm auch die andere hin!»

Diese Passage aus dem Matthäus-Evangelium (Mt 5,38f) veranlasst auch heute noch viele Bibelleser dazu, einen Gegensatz zwischen «Altem» und «Neuem» Testament herzustellen und die «Wiedervergeltungs»-Religion des jüdischen Volks vom christlichen Glauben abzugrenzen, der sich durch Nächstenliebe und Verzicht auf Vergeltung auszeichne. Eine solche Lesart wird jedoch der Ursprungsbedeutung der Redewendung in keiner Weise gerecht. Die Verzerrung des wahren Sinns hat leider zu schlimmen antijüdischen Stereotypen geführt.

Bei genauerem Hinsehen begründet die Regel «Auge um Auge» (Exodus 21,24) keine Rache oder das Recht, dem Verursacher einer Körperverletzung den gleichen Schaden zuzufügen. Sie soll im Gegenteil zum Rechtsfrieden beitragen, indem der Verursacher einer Gewalttat dem Geschädigten eine unblutige Wiedergutmachung anbieten muss, in der Praxis meist eine Entschädigung in Form einer Sach- oder Geldleistung. Bestätigt wird der biblische Befund durch die richterliche Praxis: In der jüdischen Geschichte hat kein rabbinisches Gericht eine körperliche Vergeltungsstrafe zugelassen, also zum Beispiel einem Menschen ein Auge auszuschlagen. Der aus der Schweiz stammende und in Luzern lehrende Rabbiner David Bollag schreibt: «Jedem rabbinischen Richter ist klar, was ‹ajin tachat ajin› (Auge für Auge) bedeutet: Der Angeklagte muss die Verletzung, die er einem anderen zugefügt hat, finanziell entschädigen.» Die Redewendung «Auge um Auge, Zahn um Zahn» ist also keine Racheformel, sondern eine Rechtsnorm, die durch möglichst genaue Entschädigung Gerechtigkeit herstellen und damit zur Deeskalation von Konflikten beitragen will. Das entspricht der Intention der Bergpredigt, die die jüdische Rechtsnorm keineswegs aufhebt. Allerdings erweitert Jesus die Perspektive: Wir haben die Freiheit, auf das verbuchte Recht zu verzichten, um wahren Frieden zu schaffen.

Theodor Pindl, Wirk Raum Kirche St. Gallen

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Bild: pixabay.com
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