Pfarreiblatt der Bistumskantone
Schaffhausen und Thurgau
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Ausgabe Nr. 5

Damit die Kirche im Dorf bleibt

Sakralbauten haben einen Mehrwert

Gemeinden kämpfen einerseits mit schwindenden Mitgliederzahlen und Priestermangel. Andrerseits sind sie vermehrt mit einem Überangebot an Kirchengebäuden konfrontiert. Ein Problem, das es anzugehen gilt, finden Thurgauer Fachleute.

«Eine Kirche ist keine gewöhnliche Immobilie», sagt Urs Brosi. Er ist Generalsekretär der Thurgauer Landeskirche und weiss, dass er ein heisses Eisen anspricht, wenn es um leere Kirchen geht. Gerade in ländlichen Gebieten identifizierten sich die Menschen noch sehr mit «ihrer» Kirche. Die Thurgauer Denkmalpflegerin Eva Schäfer geht sogar noch einen Schritt weiter: «Kirchen sind Erkennungszeichen in Ortsbildern. Sie sind identitätsstiftend.» Doch was tun, wenn Kirchen quasi chronisch unterbelegt sind? Wenn gleichsam Aufwand und Ertrag nicht mehr übereinstimmen? Urs Brosi weiss: «Es ist ein Thema, das wir nicht verdrängen dürfen.» Dem stimmt Eva Schäfer zu. Sie hat eine Dissertation zum Thema Umnutzung von christlichen Sakralbauten geschrieben. Diese basiert zwar auf Erfahrungen in den Niederlanden und der ehemaligen DDR. Aber die Entscheidungsfindung verlaufe überall ähnlich, so Schäfer. Speziell für Schweizer Verhältnisse sei, dass das herrschende Milizsystem eine langfristige Perspektive verlange. «Umnutzungen sind ein Thema, für das man gerüstet sein muss», sagt sie.

Kirchen waren immer «rot»

Für Urs Brosi ist die Umnutzung einer Kirche dann angezeigt, wenn der finanzielle Aufwand und die Nutzung in einem Missverhältnis stehen. «Es kann nicht sein, dass Ausgaben für Gebäude konstant sind, während diejenigen für pastorale Aufgaben stetig sinken.» Gerade dies sei aber aktuell die Tendenz. Für Generalsekretär Urs Brosi sollten die finanziellen Aufwendungen jedoch dem primären Auftrag der Kirche dienen. Und der laute, die frohe Botschaft verkünden, durch Sakramente die Nähe Gottes vermitteln und Menschen diakonisch begleiten. «Auf keinen Fall», so Brosi, «darf die Kirche zu einem musealen Verein verkommen.» Eva Schäfer weiss um das ökonomische Argument. Dem hält sie entgegen, dass Kirchen immer «rote Zahlen» geschrieben hätten. Ein Kirchengebäude lasse sich nicht dem Kosten-Nutzen-Prinzip unterordnen. Die Denkmalpflegerin gibt zu bedenken, dass «jahrhundertelang Spenden gesammelt wurden, um eine Kirche bauen zu können». Auch Urs Brosi kennt den Wert von Kirchen, der sich nicht im Angebot für Gottesdienstbesuchende erschöpfe. Kirchen in Städten – teilweise auch auf dem Land – verzeichneten ausserhalb der offiziellen Gottesdienste wachsenden Zulauf: «Gerade weil Kirchen in vieler Hinsicht einen Mehrwert darstellen, sollte man nicht vorschnell unter ökonomischem Denken handeln müssen.»

Kirche im Dilemma

Wie die NZZ 2017 berichtete, sollen schweizweit in den letzten 25 Jahren 200 Sakralräume eine Um- oder Neunutzung erfahren haben. Dass damit das Problem für die Kirche nicht aus der Welt geschafft ist, zeigt aktuell das Beispiel der St. Leonhardkirche in St. Gallen. Hier haben Kirchgemeinde und Behörden die Einflussnahme über ein umstrittenes Projekt verloren. Dem wolle man entgegenwirken, so Brosi. «Wenn die Kirche Besitzerin bleibt, kann sie verhindern, dass im Extremfall aus einer Kirche eine Lastwagengarage oder ein Rotlichtlokal wird.» Denn: «Kirchen sind und bleiben Markenzeichen.» Auch Eva Schäfer verweist auf die Symbolik von Kirchengebäuden. Sie sieht die Kirche deshalb in der Verantwortung und schlägt vor: «Die Kirche könnte Gebäude im Baurecht abgeben oder Bestimmungen in Rahmenverträgen festlegen.» Wenn es um die Finanzierung von meist kostenintensiven Umnutzungen geht, kann sie sich auch unkonventionelle Wege vorstellen. So könnten politische Gemeinden ihren Beitrag leisten oder, wie dies aktuell im Graubünden diskutiert wird, Tourismusvereine. Denn: «Der Tourismus profitiert von unseren Kirchen und generiert Geld damit.»

Inwieweit Umnutzungen vor Ort umsetzbar sind, wird sich zeigen. In Herdern wurden sie zumindest angedacht. Dort überlegte man sich, die Kirche einer gemeinsamen Nutzung von Kirche und Gemeinde zu führen. Generell ist für Urs Brosi bei Umnutzungen wichtig, nebst den Entscheidungsträgern in Pastoralräumen, Bischofskonferenz und Denkmalpflege auch die betroffenen Menschen in den Pfarreien von Anfang an in den Entscheidungsprozess einzubinden – so dass die Kirche im Dorf bleibt.

Sibylle Zambon-Akeret

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Eine zweimalige Umnutzung

Die ehemalige St. Mark’s Church in Luzern liegt prominent unweit des Sees. Sie war 1899 von der anglikanischen Kirche für 3000 Gemeindemitglieder erstellt worden. Als diese wegblieben, wurde sie 1984 an eine Freikirche verkauft. Laut Kirchenleiter Marek Kolman wurden damals für die Zwecke der Kirche mehrere Räume eingebaut. Seither ist die Gemeinde, die heute Markuskirche heisst, gewachsen. Vor kurzem wurde deshalb die Administration der Kirche in einen Neubau auf dem Nachbarareal verlegt. In der Kirche selbst wurde Platz gemacht. «Wir haben Transparenz geschaffen. Der Sakralraum ist wieder als ganzer wahrnehmbar.» Gleichzeitig wurde für den sozialen Teil des Gottesdienstes eine Begegnungszone gestaltet. Durch den Einbau von Kücheninfrastruktur, moderner Technik und Kinderräumen auf der Empore entspräche die Gestaltung nun den Bedürfnissen der Gemeinde. Nebst einer guten Zusammenarbeit mit Architekten und Denkmalpflege nennt Kolman weitere Faktoren für eine gelingende Umnutzung: «Man muss die spirituellen Formen seiner Kirche kennen und die Raumgebung entsprechend gestalten.»

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Die Haltung der katholischen Kirche

Die katholische Bischofskonferenz priorisiert bei Umnutzungen eine Weiterverwendung durch andere christliche Gemeinschaften. Ferner sei eine Übernahme durch die öffentliche Hand derjenigen durch Private vorzuziehen und die kulturelle einer kommerziellen Nutzung. Bei baulichen Veränderungen müsse die Konservierung beachtet und allfällige Umgestaltungen reversibel gestaltet werden. Bleibt ein Sakralraum im Besitz der Kirche, so wird bei liturgischer Nutzung – durch andre kirchliche Gemeinschaften – eine partnerschaftliche Lösung angestrebt. Soll kommerziell genutzt oder verkauft werden, wird eine Entweihung durch den Bischof notwendig.

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Die umgenutzte Markuskirche in Luzern.

Bild: Patrik Frei, a4agentur.ch
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