Pfarreiblatt der Bistumskantone
Schaffhausen und Thurgau
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Ausgabe Nr. 3

«Zu viele Alltagsfragen werden moralisiert»

Der Moraltheologe Daniel Bogner im Gespräch

Digitale Vernetzung, Mobilität und Migration stellen Werte in Frage. Viele Menschen suchen nach moralischer Orientierung. Daniel Bogner will Moral vermitteln ohne zu moralisieren.

Erst kürzlich hat CVP-Nationalrat Yannick Buttet die Moral- bzw. Doppelmoraldebatte neu entfacht. Was ist Moral?

Moral ist die Suche nach Orientierung für das Handeln. Und zwar für das eigene, wie für dasjenige der Gruppe oder Gemeinschaft, in der man lebt.

Gibt es die Moral überhaupt?

Moral kann sich aus vielen Quellen speisen: der Tradition, Weltanschauung, Überlieferung, Gewohnheit oder Religion. Diese Quellen beeinflussen die Bildung unserer Moral. Aber grundsätzlich geht es um die eine Frage: Was ist gutes und richtiges Leben?

Was ist dann Doppelmoral?

Das ist das berühmte: Wasser predigen und Wein trinken. Wenn also Reden und Handeln auseinanderdriften. Allerdings ist es ganz normal, dass wir hinter dem Ideal unserer Moralvorstellung zurückbleiben. Wenn man aber bewusst die Kluft zwischen Reden und Handeln in Kauf nimmt und daraus auch noch Vorteile zieht, dann ist das Doppelmoral.

Wie unterscheidet sich Moral von Ethik?

Ethik kommt ins Spiel, wenn es bei der Frage, was ist gutes, richtiges Leben, zum Konflikt kommt. In einer pluralistischen Gesellschaft ist das häufig der Fall. Deshalb braucht es eine ethische Diskussion, um Transparenz zu schaffen und solche Konflikte zu klären.

Ist es in einer pluralistischen Gesellschaft überhaupt noch möglich, einen gemeinsamen Nenner zu finden?

Einerseits wird es schwieriger, andererseits wird die Diskussion in einer pluralistischen Gesellschaft auch erst nötig, weil es eben unterschiedliche Vorstellungen von Moral gibt. Die Alternative zum moralisch-ethischen Diskurs wäre, autoritär vorzugehen. Aber in einer freien demokratischen Gesellschaft scheidet dieser Weg aus. Es führt also kein Weg an der Debatte vorbei. Das ist kompliziert, mühsam und anstrengend, aber auch eine Chance!

Wie steht es mit der Nähe zum Recht?

Im Recht wird die moralische Orientierung einer Gesellschaft verbindlich. Man legt fest, was gelten soll.

Berthold Brecht sagte: «Erst kommt das Fressen, dann die Moral.» Hatte er Recht?

Tatsächlich ist es so: Wenn Menschen um ihre Existenz kämpfen müssen, können sie sich kaum noch darum kümmern, wie sie ihr Leben ansonsten ausrichten wollen. Doch auch in Mangelgesellschaften gibt es moralische Orientierung. Da gibt es jene, die trotz Armut noch grosszügig sind, und jene, die Mangel als Vorwand benutzen, um andere zu bestehlen. Zudem ergeben sich aus so prekären Situationen Fragen für die Gesellschaft: Wie schaffen wir es, dass alle genug zu essen haben, wie verteilen wir die Ressourcen? Das sind moralische Fragen.

Wie sehen Sie das Verhältnis von Religion und Moral?

Religion prägt sicher die Moralvorstellung eines Menschen. Aber umgekehrt: Wer moralisch handeln will, muss nicht unbedingt religiös sein. Ich denke aber, dass der Glaube an Gott eine existenzielle Verankerung gibt, die einen zum moralischen Handeln befreien kann. Eine Verankerung, die Grosszügigkeit und Spielraum gibt, um über moralische Fragen nachzudenken und sie engagiert anzugehen. Wohingegen die weltanschauliche Heimatlosigkeit vieler Menschen dazu führen kann, dass man existenzielle Sicherheit in einer bestimmten moralischen Option, zum Beispiel im Veganismus, sucht und daraus eine Religion macht. Das ist fast wie die Rochade beim Schachspiel. Eine solche Rochade von Religion und Moral kann man heute feststellen. Das ist für beide nicht unbedingt von Vorteil.

Hypermoral, Mikroaggression, Political Correctness und Betroffenheitskultur sind aktuelle Schlagwörter: Haben wir heute eventuell zu viel Moral?

Ja, das ist ein weiterer Effekt dieser Rochade von Religion und Moral. Zu viele Alltagsfragen, die man pragmatisch lösen könnte, werden moralisiert. Das ist letztlich auch ein Problem für die demokratische Gesellschaft. Denn wo die Moral zum Moralisieren wird, schwindet die Luft für politischen Ausgleich und Verständigung. Aber die Demokratie lebt nun mal vom Kompromiss. Und dieser wird immer weniger möglich, wenn Interessenskonflikte aus einer moralisierenden Stellung heraus ausgetragen werden. In der aktuellen politischen Debatte herrscht oft eine Kultur, in der jeder seine Meinung kundtut, aber ein wirklicher Austausch findet nicht statt, eine Bereitschaft, dialogische Übereinkunft zu suchen.

Sie haben als «Moralist» eine Web-Beratungsseite eröffnet. Was oder wer ist ein Moralist?

Wir haben das Wort in Anführungszeichen gesetzt. Im Deutschen tönt es sonst zu sehr nach Moralisieren. Anders im Französischen: Da bedeutet es Moraltheologe, also ein Experte für moralische Fragen.

Wie gross ist die Nachfrage nach moralischer Beratung?

Wir müssen die Plattform noch etwas bekannter machen. Es gibt heute eine grosse Suche nach ethisch-moralischer Ausrichtung. Gerade in einer Zeit, in der die Religion als übergeordnete Instanz an Bedeutung verloren hat, steigt der Bedarf nach moralisch-ethischer Orientierung. Gerade auch, weil wir in einer globalisierten und sehr mobilen Welt leben. Man ist mit diversen Kulturkreisen vernetzt, hat unterschiedliche Lebenskreise, in denen man sich bewegt. Da sind die Menschen herausgefordert, Moralvorstellungen zu finden, nach denen sie ihr Leben führen wollen. Für diese Auseinandersetzung kann unsere Plattform Hilfe leisten.

Sie sagen, Moral sei eine Herausforderung. Kann es auch eine Überforderung sein?

Ja. Die Forderung kann in eine Überforderung umschlagen, wenn man es verpasst, die eigene Orientierung in den Kontext zu stellen. Wenn man also die eigenen Vorstellungen nicht mit denjenigen der andern oder der Gesellschaft, in der man lebt abgleicht, sondern sie verabsolutiert. Wenn das geschieht, wird das gesellschaftliche Zusammenleben eine Ansammlung von individualistischen Egotrips. Moral ist nicht nur die Frage nach dem Wünschbaren, sondern auch die nach dem Möglichen.

Interview: Sibylle Zambon-Akeret

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■ Nähere Infos: www.feinschwarz.net/tag/moralist

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Daniel Bogner lehrt an der Universität Fribourg und bloggt als «Moralist».

Bild: zVg
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