Pfarreiblatt der Bistumskantone
Schaffhausen und Thurgau
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Ausgabe Nr. 2

Die Königin der Kirchenmusik

Oder: Wie aus Windkraft Töne werden

Es gibt sie seit über 2000 Jahren, sie beeindruckt durch Grösse, Klang und nicht selten durch Schönheit. Von vielen wird sie geliebt, von andern nur geduldet: die Kirchenorgel. Simon Menges ist Organist in Arbon und kennt «sein» Instrument.

Die Orgel gilt als Königin der Instrumente; und tatsächlich thront sie meist über den Köpfen des gewöhnlichen Publikums auf einer Empore, erhöht im Chor der Kirche oder als sogenanntes Schwalbennest an einer Seitenwand. Sie ist ein aussergewöhnliches Instrument. Denn sie ist mehr als das, oft ist sie ein Kunstwerk und immer auch eine Maschine. Simon Menges ist nicht nur als Musiker von der Orgel fasziniert, er interessiert sich auch für deren komplexe Technik: «Die Orgel ist zweifellos das technisch aufwändigste Instrument.» «Seine» Orgel in Arbon ist imposant. Immerhin ist sie das grösste Instrument im Kanton Thurgau. Freilich lässt sie sich nicht mit den Orgeln im Mailänder Dom, in der St. Paulus Kathedrale in London oder Notre Dame in Paris vergleichen, auf denen Menges schon gespielt hat. Auch nicht mit der Kaufhausorgel in Philadelphia – einem Instrument, das sich über mehrere Stockwerke erstreckt –, und das er gerne einmal spielen würde.

Doch zu «seiner» Orgel hat Simon Menges eine ganz besondere Beziehung. «Ich kenne ihre Stimmung und ihre Eigenheiten, wie etwa Töne, die nicht kommen wollen», sagt er. Und mehr noch: «Es würde mich schmerzen, wenn ich dieses Instrument verlassen müsste.» Dabei sei es ein Instrument, das es einem nicht leicht mache. «Man muss etwas dafür tun, damit es schön klingt.» Woran das liegt? Die Arboner Orgel habe nicht so schöne Einzelstimmen wie etwa diejenige der katholischen Kirche in Weinfelden, wo seine Frau Organistin ist.

Himmelsstimmen

Wenn Simon Menges sich auf der Empore an den Spieltisch setzt – der quasi das Schaltpult ist, von dem aus gespielt wird – geht sein Blick in Richtung Orgelprospekt. Das ist der sichtbare Teil der Orgel, der in der evangelischen Kirche in Arbon aus übermannshohen Orgelpfeifen besteht. Unmittelbar vor ihm breiten sich die Tasten aus, die in drei übereinanderliegenden Manualen angeordnet sind. Mit jeder Tastenreihe lässt sich ein anderer Teil der Orgel ansteuern. Was nicht mit den Händen bespielbar ist, wird über Fusspedale bewältigt. Denn die Orgel verfügt über mehr als 4‘400 Pfeifen. Pfeifen gleicher Bauart, sind in Reihen zu sogenannten Registern angeordnet. Über entsprechende Registerknöpfe zu beiden Seiten des Spieltisches können sie bedient werden. Sie tragen Namen wie, Spitzflöte, Gemshorn, Trompete oder Voix Celeste, also himmlische Stimmen. Menges‘ Lieblingsregister ist der Violon. «Das ist noch ein Register der Orgel, wie sie 1924 gebaut worden war», sagt er. Einst für die Interpretation von grossen Werken der deutschen Romantik gedacht, bestach sie nicht nur durch Volumen, sondern auch durch grosse dynamische Vielfalt und Klangfarben. Seither wurde sie aber zweimal renoviert. «Der Geschmack hatte sich geändert», so Menges. «Man verkürzte die Pfeifen und funktionierte die Orgel zu hellerem Klang und geringerem Volumen um, wie sie für die Interpretation von Barockmusik geeignet sind.

Körperarbeit

Er demonstriert die Stimmung seiner Orgel mit einer Toccata von Bach. Ein Stück, das von ihm intensive Beinarbeit verlangt. Behende gleiten seine Füsse über die Pedale, während seine Finger in die Tasten greifen und er gleichsam auf der Orgelbank schwebt. Was so leicht aussieht, fordert ganzen Körpereinsatz. «Es braucht eine gute Körperspannung», so Menges. Überhauptmüsse man als Organist einiges aushalten können. Es sei schon vorgekommen, dass er einen Wettbewerb bei einer Raumtemperatur von zwei Grad Celsius bestreiten und sich zwischendurch die Finger aufwärmen musste. Auch sei das Üben in manchen Kirchen nur nachts möglich. Man müsse also auch eine gewisse Isolation in Kauf nehmen. Nicht nur das Üben könne einsam sein. Eine Distanz bestehe auch zum Instrument. «Der Organist ist ein bisschen wie der Dirigent. Er hat Distanz zum Klangkörper.» Dafür sei er quasi Herr über ein ganzes Orchester. Und ähnlich einem Dirigenten müsse sich der Organist in die Interpretation einfühlen können. «Man muss sich vorstellen, wie ein Sänger die musikalischen Bögen spannen würde.» Denn erst dann werde aus den Tönen Musik.

Windkraft von Rolls-Royce

Erzeugt wird der Orgelton durch sogenannte Windwerke. Diese muss man sich als grosse Blasbälge vorstellen, die gleich Lungen das Instrument mit Luft versorgen. Vielerorts wurden diese noch bis ins 20. Jahrhundert mit Muskelkraft betrieben. Helfer sorgten mit ihren regelmässigen Tret- oder Zugbewegung dafür, dass die Orgelpfeifen möglichst ohne Unterbruch über Windkanäle belüftet wurden. «Das war Team-Arbeit», meint Menges. An grossen Orgeln waren oft bis zu zehn Bälgetreter im Einsatz. Fiel einer aus, hatte das Auswirkungen auf die Spielqualität. Das änderte sich, als die Orgeln mit Elektromotoren ausgerüstet wurden. Eine Vorreiterrolle bei der Elektrifizierung der Orgel von Notre Dame in Paris soll die Firma Rolls-Royce gespielt haben. Eine kleine Geschichte besagt, dass in den 1870er-Jahren bei einem Kirchbesuch von Claude Johnson, seines Zeichens Generaldirektor von Rolls- Royce, die Orgel zweimal ausfiel. Nach dem Grund gefragt, meinte der Organist: «Das sind die Balgtreter. Wenn sie müde sind, dann ist das eben so.» Johnson fand das sei einer Kathedrale wie Notre Dame unwürdig und finanzierte die elektrische Aufrüstung.

Auch in Arbon steht wieder eine Renovation an. Von ihr erhofft sich Simon Menges eine Wiederbelebung des ursprünglichen Orgelklangs. Er liebt den voluminösen Orchesterklang, wie er in der Musik um die Wende zum 20. Jahrhundert geschrieben wurde. Eben jene Musik, für die die Orgel in der evangelischen Kirche Arbon eigentlich konzipiert war.

Sibylle Zambon-Akeret

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Simon Menges

Seit 2010 ist Simon Menges Kirchenmusiker an der evangelischen Kirche in Arbon. Seit 2013 ist er zudem Präsident des Thurgauischen Organistenverbandes und hat das «Internationale Orgelfestival Arbon» ins Leben gerufen. Simon Menges spielt regelmässig Konzerte an bedeutenden Orten und Instrumenten im In- und Ausland. Er erhielt mehrere internationale Preise und Auszeichnungen. 

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Organist Simon Menges vor «seiner» Orgel in Arbon.

Bild: Sibylle Zambon-Akeret
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