Pfarreiblatt der Bistumskantone
Schaffhausen und Thurgau
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Ausgabe Nr. 21

Woher kommt Gewalt?

Wie Religion und Gewalt zusammenspielen

«Gewalt ist älter als die Religionen», sagt Stephan Peter Bumbacher. Der Religionswissenschaftler über religiöse Gewalt und die Versuche, diese zu überwinden.

Stellvertretend für den bisher ältesten bekannten Mord in der Menschheitsgeschichte, welcher vor etwa 430'000 Jahren im heutigen Spanien stattfand, steht in der judäo-christlichen Tradition die Geschichte von Kain und Abel: Der sogenannte «Schädel 17» aus der Höhle Sima de los Huesos (Nordspanien), der einem Neandertaler gehörte, weist mehrere tiefe Frakturen auf, die von demselben Gegenstand herrührten und zum Tode geführt haben müssen.

Gewalt im Tierreich

Dass nicht nur der Mensch Seinesgleichen tötet, war die erschütternde Erkenntnis der 1970er-Jahre. Zwar wusste man, dass die nächsten Verwandten des Menschen, die Schimpansen, kleinere Affen jagen, um sie zu verzehren. Doch dann wurde bekannt, dass es im Schimpansen-Reservat in Gombe (Tansania) zu regelrechten Vernichtungskriegen zwischen verschiedenen Schimpansen-Gruppen gekommen war. Später wurde Ähnliches auch im Kibale-Reservat (Uganda) und im Mahale Nationalpark (Tansania) beobachtet. In allen diesen Fällen waren es männliche Mitglieder grösserer Gruppen, welche männliche Angehörige angrenzender, kleinerer Gruppen schwer misshandelt oder getötet haben. Die übrig bleibenden weiblichen Gruppenmitglieder schlossen sich jeweils der grösseren Gruppe an.

Möglichkeiten, Gruppen zu definieren

Schimpansen wie Menschen organisieren sich in Gruppen. Diese grenzen sich einerseits gegen andere Gruppen ab, andererseits forcieren sie den inneren Zusammenhalt. Während sich die Schimpansen- Gruppen über das gemeinsam bewohnte Territorium «definieren», hat der Mensch schier unbegrenzte Möglichkeiten, Gruppenzugehörigkeiten zu bilden. Diese reichen, angefangen vom Stamm, Clan oder der Familie über Staats-, Gemeinde- oder Dorfzugehörigkeit, von der Anhängerschaft von Sportvereinen bis hin zu politischen Parteien und Religionsgemeinschaften. Menschen können gleichzeitig Mitglieder mehrerer Gruppen je unterschiedlicher Kategorien sein. Welche Zugehörigkeit grösseres Gewicht erhält, hängt von der jeweils konkreten Situation ab: Im Falle eines Konflikts mit einem Nachbarstaat ist die nationale Identität wichtiger als die Mitgliedschaft im lokalen Tennisclub. Die Mitglieder einer Gruppe können ihre Identität äusserlich sichtbar machen, etwa durch eine gemeinsame Tracht, Uniform oder ein Kostüm. Sie können eine gemeinsame Sprache sprechen (Slang, Dialekt…). Häufig besitzen sie einen gemeinsamen Wertekanon, der ihr Verhalten bestimmt. Die Abgrenzung gegenüber anderen Gruppen erfolgt häufig über negative Zuschreibungen, etwa als Fremde, Barbaren, Untermenschen, Ungläubige oder Heiden.

Dynamik in Gruppen

Nach aussen tendieren Gruppen dazu, ihren Einfluss und ihre Macht zu vergrössern, ihre Konkurrenten zu schwächen oder gar auszuschalten. Nach innen suchen Gruppen den Zusammenhalt ihrer Mitglieder dadurch zu festigen, dass ein von den Gruppenidealen abweichendes Verhalten bestraft wird: Verräter werden liquidiert, Deserteure hingerichtet, radikale Neuerer gekreuzigt, Ketzer verbrannt.

Wenn also im 11. Jahrhundert die italienischen Hafenstädte Genua, Pisa und Venedig ihren Anteil am Mittelmeerhandel, der von muslimischen Schiffsleuten beherrscht wird, vergrössern wollen, gilt es, die «Gruppe der Christen» zu mobilisieren, die «anderen» als die Übeltäter gegenüber den Christen hinzustellen und durch den Papst 1096 den Kreuzzug gegen sie ausrufen zu lassen. Um Häretiker im Innern leichter ausfindig machen und verurteilen zu können, wird anfangs des 13. Jahrhundert die Inquisition eingerichtet.

Älter als Religionen

Religiöse Gewalt, also religiös legitimierte kulturelle, strukturelle, personale und emotionale Beeinträchtigungen bis hin zur physischen Misshandlung und Tötung von Andersgläubigen ist lediglich ein Spezialfall menschlicher Gewaltanwendung. Sie dient der Durchsetzung von Interessen der eigenen Gruppe, der Stabilisierung oder Erweiterung der eigenen Gruppe oder dem Zugang der eigenen Gruppe zu mehr Macht, Einfluss, Territorien und Ressourcen. Gewalt als solche scheint biologisch angelegt und somit älter zu sein als die Religionen. Die meisten Religionen haben nicht nur selber Gewalt eingesetzt, sie haben sich auch darum bemüht, die biologischen Grundlagen emotionaler Gewaltbereitschaft mit moralischen Gesetzen wie «Du sollst nicht töten» oder «Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst» zu überformen.

Stephan Peter Bumbacher/Red.

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Dieser Artikel stammt aus der interreligiösen Zeitung zVisite. Sie erscheint jedes Jahr zur Woche der Religionen, dieses Jahr zum Thema «Religion und Gewalt».

■ Nähere Infos www.zvisite.ch

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Prof. Dr. Stephan Peter Bumbacher (*1953) ist Lehrbeauftragter für vergleichende Religionswissenschaft an der Uni Basel.

Bild: © Andreas Zimmermann
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