Pfarreiblatt der Bistumskantone
Schaffhausen und Thurgau
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Ausgabe Nr. 4

«Das Konzil schickte mich auf den Weg»

Eine Theologin blickt auf ihr Berufsleben zurück

Die Theologin Rita Bausch (74) leitete als erste Frau im Bistum Basel einen Seelsorgebezirk. Ihr selbst erscheint es rückblickend viel wichtiger, dass das Vatikanische Konzil das Selbstverständnis der Kirche öffnete und sie in ihrem Kirche-Sein prägte, wie Bausch erzählt.

War die Leitung des Seelsorgebezirks Birrfeld (1983–1990) Ihr grösster Schritt innerhalb der Kirche?

Nein. Die Pfarreiseelsorge war nichts Neues für mich. Ich war ja bereits seit 1967 in der Pfarreiseelsorge tätig. Neu war, dass ich die Leitung übernahm. Andere Schritte waren für mich einschneidender, etwa als ich mit 24 Jahren in die Seelsorge einstieg oder als ich 1990 Leiterin der Arbeitsstelle für kirchliche Erwachsenenbildung in der katholischen Landeskirche Thurgau wurde.

Sie wurden immer wieder von Kirchenvertretern ermutigt, einen Schritt zu machen.

Ja, das ist so. Nach dem vierjährigen Theologiekurs für Laien (1964–1968) und der Katechetenausbildung ermutigte mich beispielsweise Bischof Anton Hänggi, meine Ausbildung mit zwei zusätzlichen Studienjahren an der theologischen Fakultät zu vervollständigen, was ich später machte. Zur Birrfelder Zeit übergab mir Bischof Otto Wüst die Aufgabe zu taufen, da dies jetzt nach dem neuen Kirchenrecht möglich war. Ich gestalte seither auch ökumenische Trauungen, also Segnungen.

Wollten Sie Priesterin werden?

Diese Frage hat sich mir als Frau nicht gestellt. Ich wüsste auch nicht, was sich für mich geändert hätte, wenn ich Priesterin geworden wäre. Ich hatte in keiner meiner Aufgaben je das Gefühl, ich hätte zu wenig Möglichkeiten, mit den Menschen als Seelsorgerin unterwegs zu sein. Die Spiritualität, die Botschaft, die wir als Kirche in Wort und Tat in die Welt bringen sollen, hängt nicht von einer Weihe ab.

Beim Feiern von Gottesdiensten empfinde ich meine Situation sogar als Vorteil. Priester riskieren, liturgisch in der Form festzufahren, denn sie müssen sehr oft Eucharistie feiern. Ich hingegen kann für Wortgottesdienste immer wieder kreativ nach neuen Formen suchen.

Wie wichtig sind für Sie die Sakramente?

Dass wir die Sakramente feiern und ins Leben hereinholen, finde ich wichtig. Aber ich bin nicht eine auf Sakramente bezogene Theologin. In Birrfeld lobte mich Pfarrer Eugen Vogel, weil die Hostienrechnung immer mehr anstieg. Tatsächlich feierten immer mehr Leute den Gottesdienst mit. Ich antwortete, das freue mich, aber mir gefalle ebenso gut, wenn eine Serbin einer Bosnierin Butter bringe, die ihr fehle, oder der Schweizer mit dem Kroaten zum Arzt fahre. Mir ist vor allem auch der persönliche Kontakt wichtig. Während meiner 23 Jahren Pfarreiseelsorge machte ich durchschnittlich einen Hausbesuch pro Tag. Das war einer meiner wenigen Grundsätze.

Hatte das Zweite Vatikanische Konzil einen Einfluss auf Ihren beruflichen Weg?

Bausch (sichtlich bewegt): Das Konzil war und ist so wichtig und gut für die Kirche. Es mobilisierte uns und öffnete das Selbstverständnis der Kirche. Es rückte das «Volk Gottes unterwegs» in den Mittelpunkt, in dem alle in den verschiedenen Aufgaben, den vielfältigen Lebenssituationen, ihren Freuden und Leiden gleichwertig, gleich wichtig und würdig sind. Das motivierte und prägte mich in meinem «Kirche-Sein». Das Konzil schickte mich auf den Weg, unser Christ- und Kirche-Sein zu überdenken und zu gestalten. Mir wurde dabei klar, dass es mir in der Seelsorge nicht darum gehen soll, dem Erhalt der Institution Kirche zu dienen. Ich wollte den einzelnen Menschen, der Glaubensgemeinschaft und damit der ganzen Welt dienen. Dies ist für mich Dienst am Reich Gottes im Geist Jesu.

Lebt der Elan jener Zeit weiter?

Als ich Ende der 1980er-Jahre an der Universität Freiburg Seminare zum Thema «Als Laientheologin und Laientheologe in der Kirche arbeiten» leitete, sah ich junge Studentinnen und Studenten deprimiert dasitzen. Sie waren kaum wegzubringen von der Angst, sie würden beruflich auf ein Abstellgleis zufahren. Das tat mir leid. Dabei gibt es doch so viele Möglichkeiten, mit den Menschen im Sinn von Jesus das Leben zu teilen, auch ohne Priesterweihe!

Wie sehen Sie die Situation in der Kirche von heute?

Im ersten Buch Samuel (Kapitel 3,1) heisst es: «In jenen Tagen waren Worte des Herrn selten; Visionen waren nicht häufig.» Mich dünkt, in unseren Breitengraden fehlen in der Kirchenleitung Visionen. Ich will aber Kirchenträume und Reich-Gottes-Visionen nicht aufgeben.

Sind Sie noch in der Kirche engagiert?

Ja, in den Nachbargemeinden leite ich aushilfsweise Gottesdienste. Auch gestalte ich ab und zu Altersnachmittage, Bildungsanlässe oder ich berate Liturgie- und andere Pfarreigruppen.

Regula Pfeifer/Red.

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Rita Bausch gibt ihre Kirchenträume und Reich-Gottes-Visionen nicht auf.

Bild: Regula Pfeifer
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