Pfarreiblatt der Bistumskantone
Schaffhausen und Thurgau
forumKirche
Ausgabe Nr. 9

Den Menschen ins Zentrum gestellt

Sozialenzyklika wird 125 Jahre alt

Am 15. Mai 1891 veröffentlichte Papst Leo XIII. die Sozialenzyklika Rerum Novarum. Sie war eine Antwort auf die sozialen Ungerechtigkeiten, unter denen die Arbeiterklasse zu leiden hatte. Innerkirchlich gilt sie als Grundlage der katholischen Soziallehre. forumKirche sprach mit Thomas Wallimann-Sasaki, Leiter des Sozialinstituts der Katholischen ArbeiterInnen-Bewegung der Schweiz (KAB), über die Bedeutung von Rerum Novarum und die sozialen Herausforderungen, vor denen die Kirche heute steht.

Was veranlasste Papst Leo XIII. dazu, die Enzyklika Rerum Novarum zu verfassen?

Die Enzyklika steht am Ende einer Bewegung. Schon Mitte des 19. Jahrhunderts war die sogenannte «soziale Frage» ein grosses Thema gewesen: Die einsetzende Industrialisierung liess viele Menschen in die Städte ziehen. Dort entstand eine Arbeiterschaft, die zusehends verarmte. In der Kirche reagierte man auf diese Not zunächst mit caritativen Massnahmen, bis man merkte, dass diese nicht ausreichten. Kirchliche Vertreter wie z. B. Bischof Ketteler zeigten auf, dass es strukturelle Fragen zu lösen galt, z. B. welche Rolle der Staat in Bezug auf die Wirtschaft habe und welche Wirtschaftssystem er fördern solle. Diese Fragen wurden innerkirchlich intensiv diskutiert – z. B. auch an der Universität in Fribourg –, bis man schliesslich starke Impulse nach Rom sandte, dazu eindeutig Stellung zu beziehen. Papst Leo XIII. hatte dafür ein offenes Ohr, weil er trotz konservativer Grundhaltung davon überzeugt war, dass sich die Kirche gegenwärtigen Fragen stellen müsse. Interessant ist, dass die Enzyklika nur an Bischöfe verschickt wurde, die sie dann «nach unten» weitergeben sollten.

Wie ist die Enzyklika ausgerichtet?

Die sozialistische Bewegung war im 19. Jahrhundert stark geworden. Die Kirche hatte Sorge, dass sie die Arbeiter verliert, wenn sie sich nicht zu ihrer Lebenssituation äussert. In Rerum Novarum grenzt sich der Papst einerseits gegenüber dem Sozialismus, andererseits aber auch gegenüber dem Kapitalismus ab. Er versucht, einen dritten Weg zu konstruieren. In Anlehnung an Thomas von Aquin wird Eigentum grundsätzlich bejaht, aber es wird nicht absolut gesetzt, sondern einer sozialen Grundpflicht zugeordnet. Die Enzyklika wendet sich so gegen extremen Kapitalismus. Sie stellt den Menschen ins Zentrum der Wirtschaft. Ausserdem kommt in ihr die Überzeugung zum Ausdruck, dass es nicht reicht, soziale Gerechtigkeit der Freiwilligkeit zu überlassen, sondern dass es dazu sozialstaatliche Massnahmen braucht.

Dieser Ruf wird auch heute wieder laut…

Ja, die Konzernverantwortungsinitiative verlangt auch eine staatliche Regulierung der Wirtschaft. Ich glaube, dass die moderne Finanzwirtschaft viele Parallelen zum damaligen industriellen Kapitalismus aufweist. Heute sind eben die Menschen in den Entwicklungsländern vorrangig betroffen. Auch in dieser Hinsicht ist Rerum Novarum sehr aktuell.

Welche gesellschaftliche Wirkung hatte die Enzyklika damals?

Ausserkirchlich wurde sie eher verhalten aufgenommen. Sie löste auch die tiefgreifenden sozialen Probleme nicht, auch wenn dies verschiedene Kirchenvertreter gehofft hatten. Aber sie war ein wichtiger Beitrag zur Wertorientierung.

In der katholischen Welt rief sie ein sehr positives Echo hervor. Sie gilt bis heute als Beginn der modernen katholischen Soziallehre. Nach all den Jahren des zentralistisch, monarchistischen Innenbezugs der Kirche (z. B. Unfehlbarkeitsdogma) eröffnete sie eine neue Perspektive, die den Gläubigen signalisierte, dass sie in dieser Welt eine wichtige Rolle haben. So wirkte sie vor allem auch in unseren Gegenden als eine Initiative zur Mobilisierung katholischer Arbeiterinnen und Arbeiter. Denn sie enthielt die höchstlehramtliche Erlaubnis: «Ihr dürft Euch engagieren, auch politisch.» Dies führte letztlich auch zur Bildung von KAB (1899) und später christlicher Gewerkschaften.

Ich glaube, dass diese sozialpolitische Ermutigung der Kirchenbasis, selber aktiv zu werden, zu analysieren und Werte zu vertreten, auch wesentlich dazu beigetragen hat, dass es zum Zweiten Vatikanischen Konzil gekommen ist.

Also hat sich auch innerkirchlich etwas geändert…

Ja, vor allem die Tatsache, dass man nicht nur «gehorchen» soll, sondern auch «mitdenken». Es ist interessant, dass die Soziallehre nicht wie üblich auf Autoritäten oder Bibelzitate zurückgreift, um soziale Veränderungen zu begründen, sondern auf ein vernunftorientiertes Denken. Dieses Argumentieren ermöglicht der Kirche bis heute, im Dialog «mit der Welt» zu sein. Es machte es auch möglich, die Menschenrechte oder Erkenntnisse der Umweltwissenschaften in die Soziallehre einzubauen. Für die katholische Kirche war dieser Schritt sehr wohltuend, weil er die Fixierung auf das Lehramt aufhob.

Welchen gesellschaftlichen Einfluss hat die katholische Kirche heute?

Macht hat sie keine und die hat sie damals schon nicht mehr gehabt. Aber sie hat nach wie vor Einfluss – nicht in dem Sinn, dass sie sagen kann, was gilt oder gemacht werden muss. Aber sie darf nicht unterschätzen, dass sie ein wichtiger Referenzpunkt in der Wertorientierung der Menschen ist. Dies hat in der Schweiz eher noch zugenommen mit der Pluralisierung der Werteordnungen. Ihr Einfluss steht und fällt mit glaubwürdigen Gesichtern, mit Exponenten, die sich klug politisch äussern. Das zeigt sich vor allem in den Medien.

Die Öffentlichkeit weiss, dass Kirche keine Partei ist, dass sie aber für eine gewisse Parteilichkeit und Überzeugung steht. Das ist auch ein Grund dafür, dass die Kirche nach wie vor ein Raum ist, in dem sich Menschen an einen Tisch zusammenführen lassen, die sonst nicht miteinander reden würden, ein Raum, in dem gesellschaftlich strittige Fragen besprochen werden können. Um diesen neutralen Status zu erhalten, muss die Kirche aber gut abwägen, zu welchen politischen Fragen sie mit welchen Gesichtern/Leuten Stellung bezieht und zu welchen nicht.

Wo setzt sich die Kirche heute für soziale Gerechtigkeit ein?

Es läuft nach wie vor viel in den Pfarreien, wo «Eine-Welt-Teams» sich für Nachhaltigkeit einsetzen, wo viele Angebote für Familien stattfinden oder konkrete karitative Hilfe geleistet wird. Sozialpolitisch ist sie über Caritas aktiv, entwicklungspolitisch über die kirchlichen Hilfswerke. In diesen Bereichen ist sie präsent und fachlich auch anerkannt.

Und wo wäre mehr soziales Engagement nötig?

Die Kirche sollte sich mehr mit ökonomischen Systemen und den damit verbundenen Fragen auseinandersetzen. Ebenso sollte sie sich mehr um gesellschaftliche Rahmenbedingungen wie z. B. um soziale Sicherheit oder Arbeitszeiten kümmern. Ähnlich wie vor 125 Jahren stellt sich ihr die Frage, welche Strukturen verändert werden müssten, um Benachteiligte besser am gesellschaftlichen Leben teilhaben zu lassen. Hier hat die Kirche eine wichtige anwaltliche Funktion.

Schliesslich halte ich es für notwendig, dass Kirche auch zu bildungspolitischen Fragen Stellung bezieht: Mathematik und naturwissenschaftliche Fächer sind unbestritten wichtig. Doch wenn nur wegen den Anforderungen einer bestimmten Wirtschaft ausgebildet wird, also wenn wir einfach nur «funktionierende Menschen» ausbilden, steht dies im Widerspruch zur kirchlichen Soziallehre, die den Menschen und seine persönliche Entwicklung in den Mittelpunkt stellt.

Interview: Detlef Kissner

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Zum Inhalt von Rerum Novarum

Im ersten Teil wendet sich Papst Leo XIII. gegen die sozialistische Theorie, vor allem gegen die Aufhebung des Privateigentums, welche der Arbeiterklasse schaden würde. Der Anspruch auf Eigentum komme dem Menschen von Natur aus zu. Eigentum gewährleiste die Eigenständigkeit der Familie gegenüber dem Staat. Im zweiten Teil (Abs. 13 – 45) wird betont, dass die Arbeiter ihre Verträge einhalten sollen. Auflehnung und Gewalt werden generell verurteilt. Die Arbeitgeber sollen im Gegenzug die Arbeiter würdevoll achten und sie gerecht entlöhnen. Die Enzyklika spricht sich ausserdem für eine staatliche Sozialpolitik aus. Der Staat habe die Pflicht, Frieden und Ordnung zu fördern, indem er unter anderem Privateigentum schütze, Streiks unterbinde, für Menschenwürde eintrete, Arbeitsbedingungen überwache und Lohngerechtigkeit garantiere.

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Dr. theol. Thomas Wallimann-Sasaki (50) leitet seit 1999 das Sozialinstitut KAB und ist derzeit Interimspräsident der Kommission Justitia et Pax.

Bild: Detlef Kissner
In seinem Gemälde «Eisenwalzwerk» (1872–1875) stellt Adolph Menzel die Arbeitsbedingungen Mitte des 19. Jahrhunderts dar.

Bild: Wikimedia Commons
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