Ein Buch würdigt die Verdienste von Harald Feller

Unter Lebensgefahr rettet der Schweizer Harald Feller als Diplomat in Budapest während des Zweiten Weltkrieges 32 Juden. Eine Biografie würdigt nun die Verdienste eines Mannes, der von den Russen verschleppt wurde und von den Schweizer Behörden angeklagt. Rehabilitiert wurde Feller erst kurz vor seinem Tod.

Der gerade mal 30 Jahre junge Jurist Harald Feller wird, während der Zweite Weltkrieg tobt, 1943 von der Berner Regierung nach Budapest entsandt. Der unerfah­rene Diplomat ist als Legations­sekretär in der Schweizer Gesandt­schaft zuständig für juristische und kulturelle Angelegen­heiten. Fellers Aufgabe : Schweizer Juden in Ungarn die Rückkehr in die Schweiz zu ermöglichen und sie dabei zu unterstützen. Ein schwieriges Unterfangen. Die Lage hat sich für jüdische Menschen dramatisch zugespitzt, nachdem die faschistischen Pfeilkreuzler im Oktober 1943 mit Unterstützung der Nazis die Macht an sich gerissen haben. Diskriminierung, Stigmatisierung, Ghettoisierung und Zwangsarbeit über­ziehen seitdem die jüdische Bevölkerung in Ungarn. Für insgesamt rund 750'000 Menschen herrschen Terror und Willkür.

Im März 1944 marschieren Hitlers Nazitruppen in Budapest ein. Organisiert von Adolf Eichmann, dem Kopf hinter der « Endlösung », werden « in wenigen Wochen mehr als 430'000 Juden aus der gesamten ungarischen Provinz verschleppt. Mehr als drei Viertel der Deportierten », so der Historiker François Wisard in seiner gerade erschienenen Biografie über Harald Feller, « werden direkt in die Gaskammern von Auschwitz-Birkenau  getrieben, die anderen zur Zwangsarbeit genötigt ». Carl Lutz, Vizekonsul der Schweizer Gesandt­schaft, stellt Schutzbriefe für Palästina aus und ermöglicht so 8'700 jüdischen Familien, insgesamt rund 40'000 Menschen, die Ausreise.

Währenddessen bemüht sich der junge Legationssekretär Feller um die sichere Rückreise von Schweizer Juden, die Transit­visa benötigen für die Durchreise durch das nationalsozialistisch besetzte Österreich. Dies, obwohl die Schweizer Behörden inzwischen von der Regierung in Bern angewiesen worden sind, Schweizer Jüdinnen und Juden Pass und Asyl zu verweigern. Feller stellt ihnen dennoch provisorische Identitätsausweise aus. Dabei ist es alles andere als einfach für Feller, bis er den zuständigen Sach­bearbeiter der ungarischen Behörden ausfindig gemacht und zudem so weit gebracht hat, die nötigen Papiere auch auszustellen.

Er weiss, was mit Juden passiert
Nötig sind diese Papiere zum Beispiel für die Jüdin Berta Rottenberg Passweg, die durch ihre Heirat mit dem Ungarn Wilhelm Rottenberg automatisch ihre Schweizer Staatsbürgerschaft verloren hat und so rechtlich Ungarin geworden ist. In ihrer lebensbedrohlichen Not wendet sich Berta Rottenberg, die inzwischen eine kleine Tochter hat, an die Schweizer Gesandtschaft und knüpft Kontakt zu Harald Feller. Der Diplomat darf inzwischen auf Order aus Bern – die Schweizer Regierung sorgt sich um die Sicherheit ihres Botschaftspersonals – keinen Kontakt mit jüdischen Menschen unterhalten, die nicht Schweizer Bürger sind. Feller tut es trotzdem. Er setzt sich über diese Anordnung vom Bundesrat in Bern hinweg. Der Biograf François Wisard sagt : « Es war das grosse Verdienst von Feller, die Transitvisa zu beschaffen. Eigentlich war die legale Auswanderung von ungarischen Juden so gut wie ausgeschlossen. »

« Er hätte sagen können, tut mir leid, ich kann nichts machen », erzählt Eva Koralnik, die Tochter von Berta Rottenberg, 81 Jahre später im Schweizer Fernsehen. « Ohne Harald Feller wäre ich in Flammen aufgegangen. » Koralniks Schwester Vera Rottenberg – sie wurde 1994 Bundes­richterin – ergänzt in der gleichen Sendung , Feller habe « genau gewusst, was mit Juden passiere».  « Er hat für sich beschlossen, alles zu tun, um dem entgegenzuwirken, auf welche Weise auch immer », erzählt die 81-Jährige weiter.

Versteckt in der Privatwohnung
Harald Fellers Rettungsaktion im Oktober 1944 ist äusserst riskant. Denn die Visa für die ausreisewilligen Frauen – neben Berta Rottenberg und ihren beiden Töchtern gehörten drei weitere Frauen jüdischer Herkunft zu der Reisegruppe – gelten nur zeitlich beschränkt. Hinzu kommt, dass Berta Rottenberg kurz vor der Geburt ihrer Tochter Vera steht. Feller überlegt keine Sekunde und versteckt die vier jüdischen Frauen in einem Haus der Schweizer Gesandtschaft in Budapest. « Da ging es wirklich um Leben und Tod », erinnert sich Eva Koralnik in der Sendung «Kulturplatz».

Im Oktober 1944 geht die Abreise endlich los. « Wir haben auf Feller gewartet wie auf den Messias », erzählt Eva Koralnik weiter. Legationssekretär Feller hat ihnen alle nötigen Reisedokumente übergeben mitsamt einem Kuchen als Reiseproviant. So glückt den vier Frauen und den beiden heute noch lebenden Rottenberg-Töchtern die Ausreise in buchstäblich letzter Minute. Wenige Tage später, am 15. Oktober 1944, übernehmen die ungarischen Nazis, die Pfeilkreuzler, in Budapest die Macht und gehen brutal gegen Juden und Regime­gegner vor.

In der Schweiz vor Gericht
Die Schweizer Regierung reagiert im Dezember mit dem Abzug fast des gesamten diplomatischen Personals aus der Gesandt­schaft. Harald Feller aber bleibt in Budapest und übernimmt mit gerade einmal 31 Jahren die Leitung der Gesandtschaft. « Für einen Schweizer Diplomaten zweifelsohne der schwierigste Posten während des ganzen Krieges », schreibt Historiker François Wisard in seiner gründlich recherchierten Feller‑Biografie. Der Diplomat rettet 26 weiteren verfolgten Juden das Leben, indem er ihnen Visa und Pässe für die Rückkehr in die Schweiz beschafft. Neun von ihnen versteckt er bei sich und verpflegt sie auf eigene Kosten. Dies geht aus einer Liste hervor, die der Richter Jakob Kehrli 1946 im Zuge seines Unter­suchungs­berichts zu Fellers Verhalten in Budapest im Auftrag des Bundesrats erstellt hat.

Doch bevor der Legationssekretär und sein Kollege Max Meier nach Bern zurückkehren konnten, werden sie am 16. Februar 1945 von sowjetischen Agenten nach Moskau entführt und in einem ehemaligen Gefängnis fast ein Jahr lang festgehalten. « Es war für uns ein Internierungslager, und wir haben sofort gemerkt, dass wir als Pfand festgehalten werden », erzählte Feller beim Treffen im Jahr 1997 mit Eva Koralnik und Vera Rottenberg.

Wisard gibt ausführlichen Einblick in das diplomatische Hin und Her zwischen Bern und Moskau, bis es zu einer « Über­einkunft » kommt. Schliesslich kommen Feller und Meier Ende Januar 1946 im Austausch gegen russische Internierte frei.

Zurück in Bern, sieht sich der junge Diplomat mit Kollaborations­vorwürfen konfrontiert und mit einer vom Bundesrat geheim angeordneten richterlichen Unter­suchung. Während Fellers Gefangenschaft in Moskau hat die Schweizer Regierung keinen Kontakt zu ihm aufnehmen können und tappt über die Gründe im Dunkeln. So hat Richter Jakob Kehrli zu unter­suchen, ob Feller illegal Schweizer Pässe an Nicht­schweizer ausgestellt, Aus­ländern und pro­nazistischen Pfeilkreuzlern in der Budapester Gesandt­schaft Asyl gewährt und überdies die Einreise von Pfeil­kreuzlern begünstigt hat.

Alle diese massiven Anschuldigungen erweisen sich nach mehreren Tagen Verhör durch Richter Kehrli als haltlos und werden fallengelassen. Der vom Bundesrat autorisierte, über 300 Seiten umfassende Untersuchungsbericht erwähnt zwar Harald Fellers mutige Rettungsaktion von jüdischen Menschen, würdigt sie aber in keiner Weise angemessen. Die Schweizer Regierung attestiert ihm zwei Jahre später in einer internen Note lediglich, dass ihm keine  »Unregelmässigkeiten«  zur Last gelegt werden.

Regisseur im Gefängnis
Harald Feller quittiert 1949 den diploma­tischen Dienst, arbeitet als Advokat und wird 1959 zum Staatsanwalt ernannt. In dieser Funktion kommt er mit dem Gefängnis in Thorberg in Kontakt und schliesst sich dort der Theatergruppe der Insassen an. Unter seiner Regie kommen 17 Theaterstücke zur Aufführung. Damit « erfüllte Feller sich einen Jugendtraum : Theater zu spielen und zu inszenieren », wie Biograf François Wisard schreibt.

Öffentliche Anerkennung bekommt Harald Feller, der 2003 im Alter von 90 Jahren stirbt, erst vier Jahre vor seinem Tod. Im hohen Alter von 86 Jahren wird er 1999 mit der Medaille der Gerechten unter den Völkern geehrt, der höchsten Auszeichnung, die das Institut Yad Vashem in Jerusalem zu vergeben hat. Fellers Dankes­rede ist noch einmal ein beeindruckendes Zeugnis seiner Menschlichkeit : « Ich bin kein Held, ich habe einfach eine selbstverständliche Pflicht erfüllt. »

Wolf Südbeck-Baur, 13.04.2026


Dieser Artikel erschien zuerst im « Publik-Forum » in Deutschland.


Buchtipp :
François Wisard : Harald Feller. Retter von Verfolgten, Gefangener von Stalin • 245 Seiten
Verlag : elfundzehn
ISBN : 978-3-905769-79-1

Harald Feller
Quelle: zVg
Harald Feller (1913-2003)

 

Festnahmen von Jüdinnen und Juden in Budapest 1944
Quelle: Faupel / WikiCom
Festnahmen von Jüdinnen und Juden in Budapest 1944

 

Aufmarsch der nationalsozialistischen Pfeilkreuzler in Budapest
Quelle: Faupel / WikiCom
Aufmarsch der nationalsozialistischen Pfeilkreuzler in Budapest

 

Harald Feller als Schauspieler im Gefängnis
Quelle: zVg
Harald Feller als Schauspieler im Gefängnis

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