Asketisches Leben im 11. Jahrhundert
Trentschin in der Slowakei ist neben dem finnischen Oulu Kulturhauptstadt 2026. Wer eine Reise in diese Stadt unternimmt, sollte unbedingt einen Abstecher zum Wallfahrtsort Skalka machen, der aufgrund zweier Heiliger bis heute eine grosse Ausstrahlung besitzt.
Seit dem 13. Februar ist Trentschin offizielle europäische Kulturhauptstadt. Sie liegt im Westen der Slowakei, hat rund 55'000 Einwohner und ist nur etwa zweieinhalb Autostunden von Wien entfernt. Über der Stadt thront eine mächtige mittelalterliche Burg auf einem Felsen. Berühmt ist die Stadt auch für ihre kürzlich renovierte historische Altstadt mit einer Jugendstil-Synagoge. Diese erinnert an die lange jüdische Geschichte der Stadt.
Erwachende Neugier
Unter dem Motto « Awakening Curiosity », « Erwachende Neugier », soll sich die Stadt im Laufe des Jahres durch Musik, Kunst und gesellschaftliches Leben in einen pulsierenden Ort verwandeln. Auf dem Programm stehen u.a. ein nachhaltiges Mode-Labor, das die Modegeschichte der Stadt aufgreift, zeitgenössische Zirkusformate sowie ein Brückenfest, dass die Umgestaltung einer ehemaligen Eisenbahnbrücke in ein Kulturzentrum feiert.
Einsiedler in Skalka
Etwa 15 km von der Kulturhauptstadt entfernt befindet sich der älteste Wallfahrtsort der Slowakei : Skalka. Auf einem Hügel steht ein Kloster mit Kirche und einer Höhle (Veľká Skalka), etwas davon entfernt eine Kirche mit zwei Türmen (Malá Skalka.) Die Klosterkirche ist den beiden Heiligen Andreas und Benedikt gewidmet. Sie lebten als Einsiedler in Skalka. Die Kirche mit zwei Türmen ist Benedikt allein gewidmet.
Zeitgenössischer Bericht
Über das Leben der beiden Heiligen gibt es einen zeitgenössischen Bericht. Verfasst hat ihn der heilige Maurus, Bischof im ungarischen Fünfkirchen in der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts. Maurus war ein bedeutender Benediktiner, bekannt für seine Bildung und Frömmigkeit. Gemäss seinem Bericht « Vita sanctorum heremitarum Zoerardi confessoris et Benedicti martyris » (Das Leben der heiligen Einsiedler Zoërard, des Bekenners, und Benedikt, des Märtyrers) war Andreas gebürtiger Pole, getauft auf den Namen Zoërard, und lebte in seiner Jugend als Mönch in Polen. Zu Beginn des 11. Jahrhunderts kam er in die heutige Slowakei. Er wurde von Abt Philipp im Benediktinerkloster auf dem Zobor aufgenommen. Das Kloster liegt in der Nähe der Stadt Neutra, wo sich der Bischofssitz befindet. Von Abt Philipp erhielt Zoërard den Ordensnamen Andreas.
Nach einer Zeit des gemeinsamen Lebens zog sich Andreas in die Einsamkeit zurück und führte ein Leben als Einsiedler in einer Höhle auf dem Felsen bei Trentschin (Veľká Skalka). Er lebte in dieser Einsiedelei bis etwa 1030 n. Chr.
Strenge Askese
Andreas führte ein sehr strenges, asketisches Leben. Drei Tage in der Woche ass er überhaupt nichts. Bischof Maurus berichtet, dass Andreas zu Beginn der Fastenzeit vom Abt 40 Nüsse verlangte, sich mit dieser Nahrung zufriedengab und freudig den Tag der Auferstehung erwartete. Seine tägliche Arbeit bestand darin, den Wald zu roden und das einfache Volk zu unterrichten. Nach der Arbeit bereitete er sich eine Nachtruhe vor, die eher als Qual denn als Erholung bezeichnet werden konnte : Er sass zum Schlafen auf einem behauenen Eichenstamm, der von einem Zaun umgeben war, in den scharfe Disteldornen gesteckt waren. Wenn sein müder Körper sich zur Seite neigte, wachte er sofort auf, weil er sich an den Disteln verletzte. Zusätzlich hängte er sich einen Holzreif um den Kopf, an dem er an vier Seiten Steine befestigt hatte. Wenn sein Kopf sank, schlug ihn sofort ein Stein. Andreas hatte einen Schüler, Benedikt, der aus der Region stammte.
Kasteiung bis in den Tod
Als Andreas spürte, dass sein Leben zu Ende ging, schickte er nach Abt Philipp und befahl den Anwesenden, seine Kleidung nicht anzurühren, bis der Abt gekommen sei. Dieser erzählte Bischof Maurus später Folgendes : Als sie den toten Körper entkleideten und waschen wollten, fanden sie eine Kette, die sich tief in den Körper eingegraben hatte. Maurus bat Abt Philipp um die Hälfte dieser Kette und bewahrte sie ehrfürchtig auf. Die sterblichen Überreste von Andreas wurden in der Kathedrale von Neutra beigesetzt.
Märtyrertod
Andreas' Schüler Benedikt beschloss nach dem Tod seines Lehrers, am selben Ort zu bleiben. Drei Jahre lang führte er nach dessen Vorbild ein sehr strenges Leben. Dann überfielen ihn Räuber, fesselten ihn und warfen ihn in den Fluss Waag. Die Menschen suchten lange erfolglos nach seinem Leichnam. Sie bemerkten jedoch einen Adler, der während eines ganzen Jahres am Ufer der Waag sass, als würde er etwas beobachten. Tatsächlich fanden sie Benedikts Leiche, die nach einem Jahr unversehrt war, als wäre er erst kurz zuvor gestorben. Seine sterblichen Überreste wurden ebenfalls in der Kathedrale von Neutra beigesetzt. An der Stelle, an der er in die Waag geworfen worden war, wurde eine kleine Kirche mit zwei Türmen errichtet, die ihm geweiht ist.
Heiligsprechung und Gedenktag
Bereits im Jahr 1083 sprach Papst Gregor VII. Andreas und Benedikt heilig – zusammen mit dem ungarischen König Stephan I., dessen Sohn Imre und Bischof Gerhard, dem Stadtpatron von Budapest. Der Gedenktag von Andreas und Benedikt ist der 17. Juli. Beide sind die Hauptpatrone der Diözese Neutra. Andreas ist seit 1739 auch Patron der Stadt Neutra. Beide Heilige werden nicht nur von den Benediktinern verehrt, sondern auch von den Kamaldulensern, einem strengen Zweigorden der Benediktiner, sowie von den Paulinern, einem Orden, der 1250 vom heiligen Eusebius in Ungarn gegründet wurde und eine Eremitenbewegung darstellte.
Slawische Sprache im lateinischen Ritus
Dank der beiden Heiligen wurde Skalka zu einem bekannten Wallfahrtsort. Er gilt als ältester Wallfahrtsort des damaligen Ungarn. 1224 gründete der Bischof von Neutra dort ein Benediktinerkloster. Im Laufe der Zeit entwickelte sich dieses zu einem bedeutenden spirituellen Zentrum mit Ausstrahlung nicht nur in die Region, sondern in den Grossteil der Slowakei. Gemäss zeitgenössischen Aufzeichnungen « verstärkte sich der religiöse Gesang der Gläubigen in slowakischer Sprache », was bedeutet, dass das Kloster das Privileg «idiomate slavonico» besass, also die Erlaubnis, im lateinischen Ritus eine slawische Sprache zu verwenden. Im Jahr 1644 übergab der Bischof von Neutra den Jesuiten das Kloster. Diese blieben bis zu dessen Auflösung im Jahr 1773.
Wechselvolle Geschichte
Leider wurde Skalka im 18. Jahrhundert erheblich beschädigt, da der Ort von Kriegen heimgesucht wurde. Es blieben nur noch Ruinen übrig. Doch die Menschen pilgerten nach wie vor dorthin und hielten Gottesdienste ab. Schliesslich wurde 1853 aus Spenden der Gläubigen bei Malá Skalka, wo Benedikt in die Waag geworfen wurde, wieder eine Kirche errichtet. Doch auch diese wurde wieder zerstört. Am 13. Juli 1924 wurde sie vom Bischof von Neutra und 30'000 Pilgerinnen und Pilgern erneut eingeweiht, nachdem sie rekonstruiert worden war. Zuvor war an der Bischofsweihe der drei slowakischen Bischöfe vom 13. Februar 1921 in Neutra verkündet worden, dass das ehemalige Benediktinerkloster das nationale katholische Heiligtum und Mittelpunkt des kirchlichen und nationalen Lebens werden solle.
Mehrfache Restaurierungen
Das Vorhaben konnte leider nicht umgesetzt werden, da Skalka während des Zweiten Weltkriegs erneut beschädigt wurde. Die neuerlichen Reparaturarbeiten wurden am 22. Juli 1951 mit einer feierlichen heiligen Messe abgeschlossen. Während der kommunistischen Regierung der ehemaligen Tschechoslowakei von 1948–1989 gab es jedoch starke Bestrebungen, jede religiöse Handlung in Skalka zu unterbinden. Kurz vor der jährlichen Wallfahrt wurde die Umgebung von Skalka wie zufällig verwüstet. Erst nach dem Regierungswechsel erfolgte die vollständige Wiederherstellung des gesamten Wallfahrtsortes. Mittlerweile wurde er zu einem beliebten Ausflugsziel nicht nur für die Menschen der Region, sondern für das ganze Land, aber auch für die Bewohner Mährens (Tschechische Republik) und Polens. Mittlerweile besuchen Menschen aus fast der ganzen Welt diesen Ort.
17.3.2026, Mons. Viliam Judak, Bischof von Neutra /
Béatrice Eigenmann
Slowakei
Von den Slawen im 6. Jahrhundert besiedelt, entstand auf dem Gebiet der heutigen Slowakei erst das Reich des Samo, danach gehörte es zum Mährerreich. Im 11. Jahrhundert wurde es dem Königreich Ungarn eingegliedert. Dieses wurde ab 1526 Teil der Habsburgermonarchie und ab 1867 Teil von Österreich-Ungarn. 1918 wurde die Doppelmonarchie aufgelöst und die Slowakei kam zur neu gegründeten Tschechoslowakei. Diese wurde 1939 durch das Dritte Reich zerschlagen, sodass es für kurze Zeit den Slowakischen Staat gab. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Tschechoslowakei wieder hergestellt. Von 1948–1989 übernahmen die Kommunisten die Macht. Am 1. Januar 1993 erfolgte die friedliche Aufteilung in die Slowakei und in Tschechien.
Kommentare