Erfahrungen zwischen Handwerk und Benediktsregel

Auf dem Campus Galli in Süddeutschland wird der berühmte St. Galler Klosterplan als mittelalterliche Baustelle und Freilichtmuseum mit historischen Methoden Wirklichkeit. Die Kirchenführerin Stefanie Blaser erzählt, warum sie dort als freiwillige Mitarbeiterin für eine Woche ins 9. Jahrhundert eingetaucht ist – und was dies für den Glauben heute bedeutet.

Was hat Sie persönlich auf den Campus Galli geführt ?
Ich habe einige Zeit in St. Gallen gelebt und dort als Kirchenführerin im Kloster­bezirk gearbeitet. Der berühmte Kloster­plan war dabei immer wieder Thema. Mit einer Gruppe hatte ich das Projekt Campus Galli einmal besucht. Schon damals spürte ich : Das ist ein Ort, an dem ich mich wohlfühlen könnte. Mein Hobby ist die Darstellung des Mittelalters und das Wiederbeleben alter Handwerke. Das konnte ich dorthin mitnehmen. Ich hatte Lust, neue Menschen kennenzulernen und neues Wissen zu entdecken. Also widmete ich diesem Projekt eine Woche meines Urlaubs.

Was hat Sie an der Woche im 9. Jahr­hundert besonders gereizt ?
Ich freute mich auf die Einfachheit, auf das Beschränken auf das Wesentliche : etwas zu essen, etwas Warmes zum Anziehen – mehr braucht es eigentlich nicht. Ganz ehrlich : Komplett auf Komfort verzichtet man nicht. Ich habe nicht im Zelt geschlafen, das ist auf dem Gelände auch gar nicht erlaubt. Der Campus Galli ist kein Ort für einen Selbstfindungstrip, kein Zeltplatz und kein Fantasy-Treff. Es ist ein wissenschaftlich begleitetes Freilichtmuseum. Man lebt dort während der rund achteinhalb Stunden Arbeitszeit so gut wie möglich im 9. Jahrhundert – und geht danach wieder in eine eigene Unterkunft.

Welche Arbeiten haben Sie übernommen ?
Ich selbst durfte spinnen und nadel­binden – das kannte ich bereits. Dabei gab ich auch Auskunft zu Färbepflanzen oder zur Verarbeitung von Leinen. Gleichzeitig lernte ich Neues in der Korberei : mit einem alten Baummesser Weiden zu schneiden, zu entblättern und zu sortieren. Frische Ruten nutzten wir direkt zum Flicken von Zäunen mit verschiedenen Knotentechniken. 
Was will ich ? Was kann ich ? Und was wird gerade gebraucht ? Diese drei Fragen entscheiden über den Einsatz.
In unserer Gruppe stellte eine Frau aus dem Servicebereich Holznägel her. Ein Landschaftsgärtner wollte schon lange Schindeln fertigen. Ein Geschichtsstudent baute an der Zisterne mit. 

Was war die grösste Herausforderung ?
Die Quellenlage. Oft gibt es nur Bild- oder Schriftquellen, aus denen man erschliessen muss, wie etwas ausge­sehen oder funktioniert hat. Auch die Material­frage ist nicht immer eindeutig. Der Kloster­plan enthält keine Höhen- oder genauen Materialangaben. Und : Alles braucht mehr Zeit. Mit der Gartenschere geht es schneller als mit mittelalterlichem Werkzeug. Man muss erst lernen, es richtig zu halten, damit es funktioniert und man sich nicht verletzt. Diese Arbeitsweise entschleunigt enorm.

Spürt man dort etwas vom klösterlichen Geist ?
Ja, sehr. Der benediktinische Geist ist den Verantwortlichen wichtig. Seit einem Jahr gibt es ein « Verbrüderungsbuch » – nach dem Vorbild von St. Gallen und der Reichenau, worin die neu eingetretenen Brüder gelistet wurden, denn schliesslich beteten sie füreinander. Wer auf dem Campus Galli arbeitet, auch Freiwillige, trägt sich ebenfalls in ein solches Buch mit seinem Vornamen ein. Morgens trifft man sich im Kreuzgang der kleinen Kirche. Es wird ein Abschnitt aus der Benediktsregel gelesen, danach tauscht man sich darüber aus. Auf einer Tafel steht jeweils der Tages­heilige. Einer aus dem Kernteam ist selbst Mönch. Auch das Kirchenjahr wird bewusst einbezogen. Es geht nicht nur um Technik und Museumsarbeit, sondern darum, nachzuspüren, wie Menschen damals lebten und glaubten.

Würden Sie einen Besuch oder eine Mitarbeit empfehlen ?
Unbedingt – als Tagesausflug ins Freilicht­museum oder zur freiwilligen Mitarbeit. Für Letztere wird man auch historisch eingekleidet und erhält alles nötige Wissen vor Ort. Man braucht Mut, Offenheit und die Bereitschaft, Neues auszuprobieren und auf Menschen zuzugehen. Zimperlich sollte man nicht sein. Aber man wird mit Geduld, Hilfsbereitschaft und vielen reichen Erfahrungen belohnt.

Text und Übersetzung: Romina Monferrini, 16.03.2026


Lavorare come nel IX secolo

In cammino nel monastero-cantiere medievale

Nel Campus Galli, nel sud della Germania, il celebre piano del monastero di San Gallo prende forma come cantiere medievale e museo all’aperto. Con metodi e strumenti storici si costruisce un monastero come nel IX secolo. Stefanie Blaser racconta la sua settimana da volontaria e ciò che questa esperienza le ha insegnato per la fede di oggi.

«Avevo già visitato il Campus Galli e avevo sentito che era un luogo per me», racconta. Appassionata di rievocazione medievale e antichi mestieri, ha deciso di dedicare una settimana di vacanza al progetto. «Mi attirava la semplicità: concentrarsi su ciò che è essenziale – cibo, vestiti caldi, lavoro.» Il Campus Galli non è un campeggio né un’esperienza romantica, ma un progetto scientifico in cui per circa otto ore al giorno si vive come nel IX secolo. Stefanie ha filato, praticato il «Nadelbinden» e imparato l’arte dell’intreccio, preparando salici con strumenti antichi per riparare recinti. Una sfida è la mancanza di fonti dettagliate: il piano di San Gallo non indica misure precise, perché allora si sapeva come costruire. «Mi sono chiesta: quali cose oggi diamo per scontate senza trasmetterle?» Alla fine resta una scoperta semplice: per essere felici serve molto meno di quanto pensiamo.

Si percepisce chiaramente lo spirito benedettino. Da un anno esiste un «libro di fraternità», ispirato ai monasteri di San Gallo e Reichenau, in cui si iscrive chi lavora al Campus, anche i volontari, e per il quale si prega reciprocamente. La giornata inizia nel chiostro con la lettura di un brano della Regola di san Benedetto; si valorizza inoltre l`anno liturgico. Non si tratta solo di ricostruire tecniche antiche, ma di comprendere come le persone di allora vivevano e credevano.


Weitere Informationen zum Campus Galli

Stefanie Blaser
Quelle: Romina Monferrini
Stefanie Blaser zeigt die Weberei, wo mit Pflanzenfarben eingefärbt und neben Schafwolle auch Flachs respektive Lein verarbeitet wird.

 

 

Nur mit einfachen Werkzeugen und Muskelkraft werden Baumstämme fürs Bauen vorbereitet.
Quelle: Béatrice Eigenmann
Nur mit einfachen Werkzeugen und Muskelkraft werden Baumstämme fürs Bauen vorbereitet.

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