Umgang mit moralischer Verletzung
Seit einigen Jahren wird erforscht, wie sich tiefe moralische Verletzungen auswirken. Die betroffenen Menschen sind erschüttert, weil sie das nach ihrem Wertesystem Richtige nicht tun können oder konnten. Mit manchmal schwerwiegenden Folgen.
Pierre (Namen sind geändert) war Pfleger in einer Alterseinrichtung. Er hat den Beruf aufgegeben, obwohl er eigentlich sehr glücklich damit war. « Ich hatte keine Zeit mehr, die alten Menschen in Ruhe zu betreuen, ihnen zuzuhören, ihnen einmal die Hand zu halten. Ich hetzte nur noch herum, es fehlte an Personal », erzählt er. Er fühlt sich heute leer, hilflos, ist depressiv. Dorit konnte als Mitarbeiterin einer Stelle für Jugendschutz mehrmals Kinder nicht rechtzeitig aus einer gewalttätigen Umgebung befreien. « Ich bin immer mehr verzweifelt », sagt sie, sie hat tiefe Schuldgefühle. Claude hetzt sich als Priester ab. «Ich verkomme zum Sakramentenspender und Organisator », klagt er.
Diese Menschen stehen für viele ; sie sind nicht nur tief erschöpft. Sie mussten massiv gegen ihre eigenen Werte verstossen oder hilflos zusehen, wie andere es taten. Sie leiden an Moralischer Verletzung. Ihr Gewissen ist tief verletzt : Sie haben sich klar an ihren Werten orientiert, doch es kam zu einem Bruch, durch eigenes Handeln oder weil man andere nicht daran hindern konnte.
Das Gewissen schreit
Menschen mit bestimmten Berufen geraten besonders häufig in solche Situationen : Sanitäterinnen und Sanitäter, die manchmal nicht allen rechtzeitig helfen können. Pflegepersonen, die Sterbende alleinlassen müssen. Polizistinnen und Polizisten, die Gewalt ausgesetzt sind, Gewalt sehen, andere nicht schützen können oder selbst gewalttätig werden müssen. Lehrpersonen, die gefährdete Kinder nicht ausreichend schützen, sowie Soldaten, die Zivilisten nicht aus dem Kampfgeschehen heraushalten oder vor Terror beschützen können. Und : Familienangehörige, die sich in der Pflege kranker und / oder alter Angehöriger notgedrungen als unzulänglich erleben ; die Angehörige haben, die sich das Leben nehmen oder suchtkrank werden. Mütter und Väter, die sich wegen eigener seelischer oder körperlicher Erkrankungen nicht ausreichend um ihre Kinder kümmern können.
Als Folge dieser Verletzung verschiebt sich der Blick auf die eigene Menschlichkeit oder die anderer. Man wird beispielsweise zynisch, misstrauisch oder geht auf Abstand. Man isoliert sich in (Glaubens-)Gemeinschaften. Moralische Urteile werden zu Verurteilungen, auch gegen sich selbst. Man kann sich nicht verzeihen oder hat grosse Schuldgefühle - gegenüber sich selbst oder andern. Es kommt zu übermässiger Scham, Selbstabwertung, und innerer Leere. Viele verlieren den Lebenssinn und ihren Glauben. Daraus kann selbstverletzendes Verhalten wie Sucht oder auch Suizid werden. Dazu kommt das Gefühl, man habe sich verloren, sei nicht mehr dieselbe Person. (Litz & Walker 2025, Annual Review of Clinical Psychology) Nicht alle reagieren aber auf tief verletzende Situationen mit einer Moralischen Verletzung. Eine neue Studie geht von etwa 10 Prozent der Betroffenen aus, die klinisch bedeutende Symptome entwickeln.
Das Gewissen verarzten
Zur Behandlung von Moralischer Verletzung gibt es heute neben einigen professionellen Therapien für Militärs nur eine für Zivilpersonen. Dazu existiert eine Reihe von Arbeitsbüchern, etwa zur Selbstvergebung, doch ist bei grossen Belastungen die Hilfe von Fachpersonen notwendig. Ein wichtiger Punkt bei allen Therapieansätzen ist religionsübergreifend der Aufbau spiritueller Stärke. Oft geht es ja darum, mit grossen Schuld- und Schamgefühlen sowie Sinnfragen umzugehen. Diese sollen nicht länger zerstörerisch wirken. Als hilfreich hat sich dabei auch Seelsorge oder spirituelle Begleitung erwiesen, die den Weg zur Vergebung unterstützt. Auch den, sich selbst zu verzeihen.
Gewissensfragen sind eine der Kernkompetenzen der Religionen und des Glaubens. Was ist das Richtige ? Es betrifft die einzelnen Menschen, aber auch unsere Gesellschaften. Vor fünf Jahren riefen die Vereinten Nationen deshalb den ersten Internationalen Tag des Gewissens aus. Sie betonten seine wichtige Rolle für ein positives Zusammenleben. Der Tag wird am 5. April begangen. Wer ausserhalb dieses Tages sein Gewissen trainieren möchte, kann dies etwa mit einer guten Tat täglich, mit Zeiten der Meditation, des Gebets oder auch mit einer Bussfeier oder Beichte tun. Die Kirchen verfügen über einen grossen Schatz an Traditionen, welche – richtig angewendet – hilfreich und heilend wirken können.
Christiane Faschon, 03.02.2026
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10.03.2026, 12:10