Sri Lanka vorwärtsbringen durch Bildung

Anna Hermes ist Co-Präsidentin des Vereins Lankawelamai. Das Wort heisst übersetzt sri-lankische Kinder und deutet an, worum es dem Verein geht : Er setzt sich ein für die Bildung von benachteiligten Kindern in Sri Lanka. Im Januar bereiste Anna Hermes zusammen mit drei weiteren Vorstandsmitgliedern das Land, um die unterstützten Projekte vor Ort zu besichtigen. forumKirche hat sie zum Gespräch getroffen.

Sie sind kürzlich von einer zweiwöchigen Reise nach Sri Lanka zurückgekehrt. Konnten Sie alle sieben Projekte besuchen, die Sie betreuen ? 
Ja, wir haben alle Projekte besucht. Unsere Besuchsreise begann in der Mitte des Landes, im singhalesischen Distrikt Kurunegala. Es ist die Heimat unserer Vereinsgründerin Yulanie Perumbadage, wo 2021 das erste Projekt des Vereins entstand. Dort haben wir drei Schulen besucht und alle Patenkinder getroffen. Ausserdem führten wir ein Gespräch mit der Präsidentin des Schulamtes von Kurunegala. Das war sehr wichtig, um unser bisheriges Engagement kritisch anzuschauen und die zukünftige Unterstützung zu planen. 
Dann reisten wir mit Vorstandsmitglied Kamali Gowrisankar weiter in den tamilischen Distrikt Jaffna im Norden. Dort hat die Tamilin, die seit Langem in Schaffhausen wohnt, ihre Familie und Beziehungen, die sie intensiv pflegt. Sie ist seit Ende 2023 bei Lankawelamai. Dank ihrer Vermittlung konnten wir auch im Norden Projekte beginnen. Unser wichtigster Anlass dort war die Eröffnung eines Gemeindezentrums mit Bibliothek und integriertem Kindergarten. Der Verein hat den Bau 2025 finanziert, und unsere Anwesen­heit bei der Einweihung war eine Freude für alle Beteiligten. In der tamilischen Region besuchten wir ausserdem zwei Schulen und ein Nach­hilfe­zentrum und hatten auch dort Gelegen­heit zu einem Gespräch im Schulamt, um unsere zukünftige Unterstützung zu planen. Ohne die persönlichen, zuverlässigen Kontakte von Yulanie und Kamali in ihrer Heimat wären unsere Projekte nicht möglich.

Wie wurden Sie an den Schulen empfangen ? 
Alle haben sich über unseren Besuch gefreut, und wir wurden sehr respektvoll mit einer traditionellen Zeremonie begrüsst. Am Schultor wurden wir immer von den kleinsten Kindern mit Blumen begrüsst, an grösseren Schulen auch von der Schulkapelle, danach Fahnenaufzug mit Singen der Landeshymne. Im grössten Raum der Schule wurde dann ein eindrucksvolles Programm geboten, stets von älteren Schülerinnen in sorgfältigem Englisch moderiert. Dazu gehörten wunderschöne Tänze, englische Songs, Gedichte und kleine Theaterszenen. So konnten die Kinder stolz ihre Englisch-Kenntnisse zeigen. Dazwischen forderten lange Reden in Tamilisch oder Singhalesisch unsere Geduld. Nach dem ganzen Programm – immer mit voll aufgedrehten Lautsprechern – haben wir uns gerne wieder von den Ehrenplätzen erhoben zum Schulrundgang. Zum Abschluss des meist mehrstündigen Programms wurde ein tolles Buffet mit Snacks offeriert. Dabei waren dann auch Gespräche mit den Lehrkräften möglich, soweit die Englischkenntnisse das erlaubten. Die Kinder freuten sich über unsere Mitbringsel : Spiel- und Sportsachen und natürlich ein Stücklein Schweizer Schokolade. 

Die Insel wurde Ende November 2025 aufgrund starker Regenfälle von verheeren­den Überschwemmungen und Erdrutschen heimgesucht. Haben Sie noch Spuren davon gesehen ? Wurden auch Ihre Projekte davon betroffen ?
Überall, wo Brücken und Flüsse sind, gab es grosse Baustellen, türmten sich abge­brochene Bäume und Schutt. Strassen und Zugstrecken waren zum Teil noch gesperrt. Aber es ist erstaunlich, wie vieles durch private und staatliche Hilfe schon wieder hergerichtet worden ist. Unsere Projekte waren zum Glück nur marginal betroffen. Die Schulgebäude sind unversehrt geblieben, aber in den Aussen­bereichen gab es noch deutliche Überschwemmungsspuren. 

Wie sieht das Schulsystem in Sri Lanka aus ?
Sri Lanka hat nach dem Ende der Kolonial­zeit das englische Schulsystem beibehalten. Die Schulpflicht beträgt 11 Jahre, aber die meisten Kinder wollen die Schule bis zur Matura nach 13 Schul­jahren besuchen und streben ein Studium an. 

Landesweit gibt es die gleichen Prüfungen nach der 5., 11. und 13. Klasse. Vom Bestehen dieser anspruchsvollen Prüfungen hängt die weitere Schullaufbahn ab sowie die Chance, am Ende einen der raren Studienplätze zu ergattern. Praktische Berufe geniessen wenig Ansehen. Wer die Prüfung nach der 11. Klasse nicht besteht, gilt als Versager. Darum verläuft der notwendige Aufbau einer beruflichen Bildung sehr zäh, niemand will dahin ; und darum spielt der Besuch von Kursen zur Nachhilfe und Prüfungsvorbereitung eine so grosse Rolle. 
Genau hier beginnt die Ungerechtigkeit, die unser Verein vermindern will : In den kleinen Schulen auf dem Land, die verkehrs­mässig schlecht zu erreichen sind, werden oft nicht alle Fächer unterrichtet und die Ausstattung ist mangelhaft. Es fehlen Fachlehrpersonen für Englisch, Mathematik und Naturwissenschaften. Arme Eltern haben kein Geld für Schulmaterial und Nachhilfekurse.

Wie war Ihre erste Reise nach Asien ? 
Das tropische Klima und das asiatische Essen habe ich gut vertragen, niemand aus unserer Gruppe hatte gesund­heitliche Probleme. Der Januar ist eine gute Reisezeit mit relativ mässigen Temperaturen. Dank unserer sri-lankischen Vorstandsfrauen Yulanie und Kamali bewegten wir uns in einer Komfortzone. Wir waren jeweils in ihren Familien untergebracht und wurden aufs Feinste bekocht mit eigenem Reis, frischem Obst und Gemüse aus dem Garten. Für die Fahrten zu den verschiedenen Projekten haben uns die Familien zuverlässige Fahrer mit klimatisierten Autos vermittelt. Zu unserem Wohlbefinden und unserer Sicherheit trug auch Daniel Zeljkovic bei, der Ehemann unserer Vorstandsfrau Sabine, der als Fotograf und aufmerksamer Begleiter mitgereist ist. Das Einzige, was ich als verwöhnte Schweizerin vermisst habe, war eine warme Dusche anstatt des Eimers mit kaltem Wasser, den man über sich goss.

Wie sicher haben Sie sich gefühlt ? Der zwischen 1983 und 2009 tobende Bürgerkrieg hat Spuren hinterlassen, die Menschenrechtsverbrechen zwischen der Mehrheit der Singhalesen, die im Süden leben, und der grössten Minderheit, der Tamilen, die im Norden und Osten leben, sind bisher nicht unabhängig aufgearbeitet worden. 
Wir haben uns überall sicher gefühlt, haben aber deutlich gesehen und gespürt, dass der Weg zu einer echten Versöhnung zwischen der tamilischen und der singhalesischen Bevölkerung noch weit ist. Wir sind im Norden an Dutzenden riesiger staatlicher Militärcamps vorbeigefahren und haben erfahren, dass in der Haupt­stadt Colombo Tamilen regelmässig gegen den Landraub demonstrieren. In jeder Familie gibt es gefallene oder geflüchtete Verwandte. Der Hinweis auf Orte, an denen Massaker stattgefunden haben, fehlt nie, wenn man daran vorbeifährt.
Gerade deshalb finden wir es wichtig, mit unserem Verein unabhängig von ethnischer und religiöser Zugehörigkeit Hilfe zu leisten. Wir wollen einen kleinen Beitrag dazu leisten, dass es den Kindern im ganzen Land besser geht, dass sie durch eine gute Bildung eine Zukunft haben, um sich und das Land vorwärtszubringen.

Wie geht es den Menschen heute ? Nach dem Bürgerkrieg kollabierte 2022 auch noch die Wirtschaft vollständig und erholt sich nur langsam. 
Seit Ende 2024 stellt die marxistische Partei den Präsidenten. Es ruht viel Hoffnung auf ihm. Viele Privilegien der alten Elite wurden abgeschafft und der allgegenwärtigen Korruption der Kampf angesagt. Es ist aber eine Mammutaufgabe, das nahezu bankrotte Land wieder kreditwürdig zu machen und wirklich vorwärtszubringen. 
Im Norden, wo Leute zu Tausenden geflüchtet sind, passiert wirtschaftlich viel von privater Seite. Alle, die vor 30, 40 Jahren gehen mussten, schicken Geld heim oder investieren zu Hause. Uns ist die Vielzahl neuer, sehr moderner Gebäude in der tamilischen Stadt Jaffna aufgefallen. Aber der Staat hat kein Geld für die Verbesserung der Infrastruktur. Viele Schulen, Krankenhäuser und Strassen sind marode. Wer keine Verwandten im Ausland hat und in einem Gebiet ohne Tourismus lebt, war vor dem Krieg schon arm und ist nachher noch ärmer geworden aufgrund der wirtschaft­lichen Probleme des Landes. Wer der Armut entrinnen will, sucht sich Arbeit im Ausland. Das ist gut für die finanzielle Versorgung der Familien, geht aber auf Kosten des Familienlebens. Urlaub gibt es meist nur einmal pro Jahr für ein paar Wochen.

Was ist Ihr persönliches Fazit der Reise ?
Ich bin froh darüber, diese Reise unter­nommen zu haben, obwohl ich die verschiedenen Eindrücke innerhalb kurzer Zeit – in einem Meer von fremden Lauten schwimmend – sehr anstrengend fand. Dank unserer beiden sri-lankischen Vorstandsfrauen Yulanie und Kamali haben wir sehr viel erfahren und wichtige Personen kennengelernt. Ich werde sicher noch längere Zeit brauchen, um alles zu verarbeiten. Das ist aber auch sinnvoll, schliesslich liegt jetzt eine Zeit der Planung und Reflexion vor uns. 

Wie entstand der Verein Lankawelamai ? Was ist sein Zweck ?
Er wurde 2021 von Yulanie Perumbadage und ihrem Freundeskreis gegründet und verfolgt den Zweck, die Bildungschancen von Kindern aus bedürftigen Familien zu verbessern. Die Künstlerin Yulanie ist seit 2009 in der Schweiz und hatte schon als Kind den Wunsch, dem Beispiel ihrer Eltern zu folgen. Diese haben ein Berufsleben lang als Schulleiter und Lehrerin in einer kleinen Landschule gearbeitet und die Dorfkinder mit allen Kräften gefördert. 
Ab 2020 begann Yulanie, im Freundinnen­kreis ein Patenschaftsprojekt für arme Kinder in ihrem Herkunftsort zu organisieren. Paten und Patinnen unter­stützen Kinder mit Schulmaterial und Nachhilfestunden. Bei der Vereinsgründung 2021 sprachen sich viele Interessierte für eine breiter angelegte Unterstützung aus : Anstatt einzelnen Kindern wollten sie lieber ganzen Schulen in armen Gebieten helfen. So starteten wir 2022 gleich mit der Schule, in der Yulanies Eltern gearbeitet haben. Wir sorgten als Erstes für eine Wasserfilteranlage und damit für sauberes Trinkwasser. Es wurden Computer und ein Drucker gekauft und ein Schulzimmer dafür saniert. Mit der Renovierung der Toiletten und der Abgabe von Monatsbinden an die Mädchen wurde die hygienische Situation verbessert. Der Englischlehrer wird dafür bezahlt, die Nachhilfe am Nachmittaq in der Schule zu erteilen, kostenlos für die Kinder. Während der Wirtschaftskrise 2022 / 23 haben wir ein Schulessen organisieren und bezahlen können sowie die Anlage eines Schulgartens gefördert.
Nachdem unser Verein 2023 den Preis für Entwicklungszusammenarbeit des Kantons Schaffhausen bekommen hat, konnten wir die Unterstützung auf weitere Schulen und andere Bildungsinstitutionen erweitern. Sechs sind es zur Zeit, die in ähnlicher Weise wie die erste Schule unterstützt werden. Auch das Patenschaftsprojekt läuft parallel erfolgreich weiter. 
Die Gespräche mit den Schulämtern waren erhellend. Letztere möchten massgebend in die Planung unserer Unterstützung miteinbezogen werden und dann auch Verantwortung und Kontrolle übernehmen. Sie kamen mit neuen Ideen auf uns zu : eine war die Unterstützung einer Schule für Kinder mit Beeinträchtigungen, eine andere die Finanzierung flexibler Trennwände für Ein-Raum-Schulen, in denen fünf Klassen eng nebeneinander unterrichtet werden. Davon gibt es im Norden sehr viele. Wir freuen uns auf die Übernahme neuer Aufgaben und darauf, bei der Fortführung der bisherigen Amtshilfe zu bekommen. 

Sie haben letzten November zum ersten Mal einen Benefizabend in der Zwinglikirche in Schaffhausen veranstaltet. Welche Bilanz ziehen Sie ?
Es war ein gelungener Anlass. Die Kirche war voll, die Singgruppe St. Peter hat den Abend musikalisch gut gestaltet. Die Beiträge der tamilischen Kulturtänzerinnen boten dazu einen guten Kontrast. Tamilische Frauen und Männer haben mit leckeren Snacks einen kulinarischen Beitrag geleistet. Auch die Informationen zur Vereinsarbeit stiessen auf Interesse. Wir waren sehr zufrieden mit dem Erlös und haben auch neue Unterstützerinnen gefunden.

Was wünschen Sie dem Verein für die Zukunft ?
Engagierte Menschen jeden Alters, die die Vereinsarbeit weiterführen, und viele Unterstützer und Unterstützerinnen, die unser Anliegen, Kindern in Sri Lanka eine gute Zukunft zu ermöglichen, mit ihren Spenden mittragen. 

Interview : Béatrice Eigenmann, forumKirche, 2.3.2026

Weitere Infos zum Verein : www.lankawelamai.ch


Sri Lanka

Der Inselstaat, der von 1796 bis 1972 Ceylon hiess, erlebte eine wechselvolle Geschichte, da er ein strategischer Knotenpunkt war für die Seefahrt: Zuerst von lokalen Königreichen regiert, kolonisierten im 16. Jahrhundert erst die Portugiesen, danach die Holländer den Grossteil der Insel. 1815 wurde Sri Lanka dem Britischen Weltreich unterstellt, von dem es 1948 auf friedlichem Weg unabhängig wurde. 
Von 1983 bis 2009 herrschte Bürgerkrieg zwischen der singhalesischen Mehrheit (v.a. Buddhisten) und Separatisten der grössten Minderheit der Tamilen (v.a. Hindus). Die beiden Regierungen ab 2005 führten 2022 zum Zusammenbruch der Wirtschaft.

kleine Schulmädchen in Uniform führen in Sri Lanka einen Tanz auf
Quelle: Daniel Zeljkovic
Ein Tanz in Sri Lanka zu Ehren der Schweizer Gäste

 

Porträt von Anna Hermes, Co-Präsidentin des Vereins Lankawelamai
Quelle: Béatrice Eigenmann
Anna Hermes, Co-Präsidentin des Vereins Lankawelamai

 

eine Vorstandsfrau vom Verein Lankawelamai sitzend, Co-Präsidentin Yulanie Perumbadage stehend mit Couvert für Patenkinder in Sri Lanka
Quelle: Daniel Zeljkovic
Yulanie Perumbadage übergibt den Patenkindern einen Gutschein für Kleider und Nachhilfestunden.

 

Tafel am Gemeindezentrum mit Bibliothek und Kindergarten im tamilischen Norden Sri Lankas
Quelle: Daniel Zeljkovic
Tafel am Gemeindezentrum mit Bibliothek und Kindergarten im tamilischen Norden

 

Personal des Al-Akram College in Sri Lanka um einen Tisch mit Essen und Getränken
Quelle: Daniel Zeljkovic
Buffet nach dem offiziellen Empfang durch das Al-Akram College

 

Schulkindder des Al-Akram College im Nordwesten von Sri Lanka
Quelle: Daniel Zeljkovic
Lankawelamai unterstützt auch eine kleine muslimische Schule: das Al-Akram College im Nordwesten der Insel im Distrikt Kurunegala. Es sind rund 50 Kinder von der 1.-8. Klasse.

 

fünf sitzende Personen in Sri Lanka sind das Helferteam des Vereins Lankawelamai im Distrikt Kurunegala, dahinter stehend der fünfköpfige Schweizer Besuch des Vereins
Quelle: Daniel Zeljkovic
Helferteam vor Ort im Distrikt Kurunegala (sitzend) mit dem Besuch aus der Schweiz (stehend)

 

Schweizer Besuch im Schulamt des Nordens von Sri Lanka
Quelle: Daniel Zeljkovic
Besuch des Schulamtes im Norden

 

Lehrerinnenteam im Sari mit Schulleiter und zwei Vorstandsmitgliedern des Vereins Lankawelamai
Quelle: Daniel Zeljkovic
Lehrerinnenteam der Grundschule im Norden mit Schulleiter und Schweizer Besuch

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