Eine theologisch-pastorale Standortbestimmung

Die Kirchenaustritte junger Erwachsener bedeuten nicht zwingend, dass sich diese Menschen von Gott abwenden. Viele sehnen sich nach Orientierung und Spiritualität. Aber sie haben ihr Vertrauen in die kirchlichen Institutionen verloren und erleben diese als lebensfern und nicht glaubwürdig.

Die Distanz vieler junger Menschen zur Kirche gehört zu den sichtbarsten Heraus­forderungen der Gegenwart. Kirchen­austritte, sinkende Gottesdienstbesuche und eine wachsende Gleichgültigkeit gegenüber kirchlichen Angeboten prägen das Bild. Schnell wird dabei von einem Glaubensverlust gesprochen. Doch wer jungen Menschen wirklich zuhört, merkt bald : Ihr Weggehen ist selten ein Abschied von Gott. Viel häufiger ist es Ausdruck einer ernsthaften, manchmal schmerzhaften Suche.

Viele junge Erwachsene verlassen die Kirche nicht im Protest, sondern leise. Oft bleibt eine innere Verbundenheit zurück – mit Fragen, Erinnerungen, manchmal auch mit Enttäuschung. Sie gehen, weil sie den Eindruck haben, dass ihre Lebensrealität, ihre Zweifel und ihre Hoffnungen keinen echten Raum finden. Was bleibt, ist jedoch eine tiefe Sehnsucht nach Sinn, nach Orientierung und nach einer Spiritualität, die trägt.

Suche statt Absage an den Glauben
Theologisch betrachtet ist diese Such­bewegung kein Zeichen von Schwäche, sondern ein Wesensmerkmal des Glaubens selbst. Die Bibel erzählt nicht von fertigen Glaubenden, sondern von Menschen auf dem Weg. Abraham verlässt Sicher­heiten, Mose ringt mit seiner Berufung, die Psalmen geben Zweifel, Klage und Gottesferne eine Stimme. Auch die Jünger Jesu verstehen oft erst im Gehen, wer er wirklich ist.
Glaube erscheint hier nicht als Besitz, sondern als Beziehung. Nicht als fertige Antwort, sondern als Weg. Wenn junge Menschen heute fragen, zweifeln oder Abstand nehmen, stehen sie damit in einer zutiefst biblischen Tradition. Ihr Weggehen ist oft kein Nein zu Gott, sondern ein ehrliches « So kann ich im Moment nicht glauben ».

Vertrauensverlust und Glaubwürdigkeit
Ein zentraler Grund für die Entfremdung vieler junger Menschen liegt im massiven Vertrauensverlust gegenüber kirchlichen Institutionen. Missbrauchsskandale, Macht­miss­brauch und eine oft als unzu­reichend empfundene Aufarbeitung haben tiefe Verletzungen hinterlassen. Für junge Menschen ist dabei nicht nur das Geschehene selbst erschütternd, sondern auch der Umgang damit.
Glaubwürdigkeit ist jedoch kein Neben­aspekt des Glaubens. Das Evangelium lebt vom Zeugnis. Wo Anspruch und Wirklichkeit auseinanderfallen, verliert die Botschaft an Kraft. Junge Menschen reagieren darauf besonders sensibel. Sie suchen keine perfekte Kirche, aber eine ehrliche. Keine Institution ohne Fehler, sondern eine, die Verantwortung übernimmt und lernfähig bleibt.

Lebensrealität und kirchliche Sprache
Hinzu kommt das Erleben einer Kirche, die in zentralen Lebensfragen häufig als lebensfern wahrgenommen wird. Themen wie Gleichberechtigung, sexuelle Identität, vielfältige Lebensformen oder Mitbestimmung betreffen junge Menschen existenziell. Wo sie das Gefühl haben, sich erklären oder anpassen zu müssen, entsteht innere Distanz.

Auch die Sprache der Kirche spielt dabei eine Rolle. Viele junge Menschen empfinden sie als abstrakt, moralisch oder nicht anschlussfähig. Sie vermissen eine Sprache, die das Leben in seiner Widersprüchlichkeit ernst nimmt – eine Sprache, die verletzlich sein darf und nicht vorschnell Antworten gibt.

Spirituelle Sehnsucht in neuer Gestalt
Gleichzeitig ist die junge Generation keineswegs spirituell leer. Das Interesse an Meditation, Achtsamkeit, Stille, Naturer­fahrungen und sozialem Engagement ist gross. Viele suchen Gemeinschaft auf Augenhöhe, Räume ohne Leistungsdruck und Rituale, die berühren. Sie wünschen sich einen Glauben, der nicht bewertet, sondern begleitet.

Im Zentrum dieser Sehnsucht steht oft ein anderes Gottesbild : nicht Gott als moralische Instanz über dem Leben, sondern als Beziehung. Als der Gott, der im Evangelium zuhört, heilt, fragt und mitgeht. Jesus begegnet Menschen nicht zuerst mit Forderungen, sondern mit Nähe. « Was willst du, dass ich dir tue ? » (Mk 10,51) – diese Frage bringt eine seelsorgliche Haltung auf den Punkt, die auch heute entscheidend ist.

Mitgehender Gott 
An dieser Stelle öffnet sich eine tiefere geistliche Deutung. Vielleicht ist das Weggehen junger Menschen nicht nur eine Krise der Kirche, sondern auch ein Hinweis auf das Wesen Gottes selbst. Die Bibel erzählt von einem Gott, der nicht stehen bleibt, wenn Menschen sich auf den Weg machen. Gott ist kein Gott der festgefügten Orte, sondern der Wege.

Schon im Exodus geht Gott mit einem Volk, das aufbricht. Im Leben Jesu wird diese Nähe radikal sichtbar : Er begleitet, hört zu, stellt Fragen und bleibt – selbst dort, wo Menschen zweifeln oder sich abwenden. Gott zwingt nicht zum Bleiben. Er geht mit.

Wenn junge Menschen heute kirchliche Räume verlassen, bedeutet das nicht zwangs­läufig, dass Gott fern ist. Es könnte bedeuten, dass Gott bereits mit ihnen unterwegs ist – jenseits vertrauter Strukturen. Kirche ist dann eingeladen, nicht hinter­herzurufen, sondern mitzuwandern.

Eine Chance für Seelsorge und Kirche
Für die Kirche eröffnet sich hier eine entschei­dende Chance. Nicht im Festhalten, sondern im Loslassen. Nicht im Belehren, sondern im Zuhören. Seelsorglich geht es weniger darum, junge Menschen zu binden, als ihnen ehrlich zu begegnen.

Eine Kirche, die Zweifel aushält, Verletzungen ernst nimmt und Fragen nicht vorschnell beantwortet, kann neu Heimat werden. Vielleicht wird Kirche kleiner, aber geistlich tiefer. Weniger sicher, aber glaubwürdiger. Dort, wo Kirche wieder Weggemeinschaft wird, zeigt sich ihr innerster Auftrag : Raum zu sein für Suchende – und Zeugin eines Gottes, der mitgeht.

2.2.2026, Promod Mathew Thomas, leitender Priester des Pastoralraums Neuhausen-Hallau


Fähre zwischen den Inseln

Spiritualität und junge Menschen

Murielle Egloff ist Leiterin der Fachstelle Jugend der katholischen Landeskirche Thurgau. Von ihr wollte forumKirche wissen, wie Jugendarbeit in der Kirche aussieht. 

Wie kann man heute noch junge Menschen für kirchliche Jugendarbeit begeistern ?
Kirchliche Jugendarbeit bedeutet heute vor allem Offenheit. Wie etwa die Jubla, die katholische Pfadi, ist auch die offene kirchliche Jugendarbeit für alle da, die kommen wollen. Auch Jugendliche anderer Religionen sind willkommen, an den Angeboten und Anlässen teilzunehmen. Für die Jugendarbeit ist nicht die Konfession entscheidend, sondern die Haltung : Es muss eine offene sein.
In der Arbeit mit den Jugendlichen unter­scheiden wir zwischen drei Ebenen : Spiritualität, Glaube und Religion. Ein guter Zugang für die kirchliche Jugendarbeit ist die Spiritualität. Sie spielt für viele Jugendliche eine zentrale Rolle in ihrem Leben, auch wenn das auf den ersten Blick nicht immer ersichtlich ist. Viele sind auf der Suche nach Sinn, nach Werten oder nach etwas, das grösser ist als sie selbst. Diese Suche ist nicht zwingend an eine Religion gebunden und bildet den Boden, auf dem kirchliche Jugendarbeit heute ansetzen muss. Spiritualität ist ein gemeinsamer Prozess des Fragens und Entdeckens – etwa durch Dankbarkeit, Achtsamkeit oder gemeinsames Innehalten und Suchen.

Welche Events helfen, diese umzusetzen ?
Auch bei Aktivitäten hat sich vieles verändert. Früher spielte sich sehr viel im Jugendraum, im Keller des Pfarrei­heims ab. Das waren die Räume, die die Jugendlichen für sich alleine haben und bespielen konnten. Aber was früher gut funktionierte, ist heute kaum mehr konkurrenzfähig. Junge Menschen sind stark eingebunden – durch Schule, Aus­bildung und Hobbys – und haben hohe Erwartungen an den Nutzen ihrer Freizeit. Deshalb stehen reine Spassanlässe bei uns nicht im Zentrum. Stattdessen geht es um Gemeinschaft und Sinn. Projekte, bei denen Jugendliche gemeinsam etwas für andere tun, sind besonders wirkungsvoll, weil sie Engagement, Gemeinschaft und persönlichen Mehrwert verbinden. Die Lebens­welt junger Menschen besteht aus vielen Inseln – etwa Sport, Musik oder Ausbildung. Die Kirche darf dabei nicht einfach eine weitere Insel sein. Sie muss zur Fähre werden, welche diese Inseln miteinander verbindet und an verschie­denen Orten anlegt. 
Kirchliche Jugendarbeit soll dort präsent sein, wo junge Menschen ohnehin unter­wegs sind, und sie soll deren Themen und Lebensrealitäten ernst nehmen. Es geht darum, jungen Menschen Anschluss zu ermöglichen, nicht darum, zusätzliche Verpflichtungen zu schaffen.

Wie gelingt dieses Anlegen der Fähre ? Wie bringt man Spiritualität und Glaube zur Sprache ?
Entscheidend ist die Haltung. Spirituelle Themen lassen sich nur dann glaubwürdig ansprechen, wenn junge Menschen ernst genommen werden – auf Augenhöhe und mit echter Mitbestimmung. Spiritualität kann selbstverständlich entstehen, etwa beim gemeinsamen Singen am Lagerfeuer oder im gemeinsamen Unterwegssein. Die Messlatte ist dabei nicht ein korrekt gesprochenes Gebet oder der Gottes­dienst­besuch. Im Zentrum stehen Gemein­schaft, Nächstenliebe und gelebter Glaube im Alltag.

Interview : Béatrice Eigenmann

Menschengruppe von unten aufgenommen, bilden mit Händen einen Kreis
Quelle: Juseso
Einsatzteam 2025 des Hilfsprojekts Swiss for Greece

 

Vier junge Menschen helfen beim Aufbau des Jublasuriums; sie haben Bohrmaschinen in der Hand und Leuchtwesten
Quelle: Alain Sethmacher
Junge Menschen wollen Gemeinschaft erleben und etwas Sinnvolles tun: Helfende beim Jublasurium

 

Junger Mann kniet vor Kindern, hält einem Jungen einen Ball hin
Quelle: Juseso
Hilfseinsatz auf der griechischen Insel Skyros

 

eine Beige von in Packpapier eingepackten Paketen
Quelle: Juseso
Einsatz für die Armutsbetroffenen im Kanton Thurgau : Päckliaktion vor Weihnachten, organisiert von der Fachstelle Jugend der katholischen Landeskirche

 

 

 

 

 

 

Porträt von Murielle Egloff, Leitern Fachstelle Jugend der katholischen Landeskirche Thurgau
Quelle: zVg
Murielle Egloff, Leiterin Fachstelle Jugend der katholischen Landeskirche Thurgau

Kommentare

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Markus Lussi

05.03.2026, 21:49

Die Überlegungen zum Thema Weggang junger Menschen aus der Kirche eröffnet einen neuen Horizont.

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