Überhaupt keine Schnapsidee!
Ein Schweizer Produkt vom Thurgauer UnterseeBisher wurde in Thurgauer Kirchen meist Messwein aus südlichen Ländern für den Gottesdienst gebraucht. Daran störte sich Marc Freiberger aus St. Pelagiberg, dessen Frau schon seit Jahren als Mesmerin tätig ist. Er machte sich auf die Suche nach einem lokalen Weinbauern, der bereit war, sich für die Produktion eines Messweins vereidigen zu lassen.
Das Weingut der Familie Lampert liegt dort, wo man keine Häuser, geschweige denn Rebstöcke erwartet. «Wenn Sie durch einen Wald fahren und meinen, Sie seien falsch, dann sind Sie richtig», lautete die Wegbeschreibung von Winzer Othmar Lampert. Tatsächlich lichtet sich der Wald nach ein paar Hundert Metern und macht den Blick frei auf grössere Gebäude. Und da sind auch, ideal an einem Südhang gelegen, die Rebstöcke zu finden. Auch wenn die Aussicht auf den steilen Rebberg und den nahen Wald etwas beengend wirkt, umso offener ist Othmar Lampert für aussergewöhnliche Ideen. Deshalb überraschte ihn die Anfrage von Marc Freiberger nicht sonderlich, als dieser sich bei ihm erkundigte, ob er einen vereidigten Messwein für die katholische Kirche produzieren wolle.
Natürlich, rein und unverfälscht
Dass in den Eucharistiefeiern in Thurgauer Kirchen ein spanischer Messwein gebraucht werde, habe für ihn einfach nicht gestimmt, sagt Marc Freiberger aus St. Pelagiberg. «Wir haben im Thurgau doch auch Wein», sagte er sich und nahm sich des Projekts «Messwein aus dem Thurgau» an. Doch für den Einsatz als Messwein kann nicht irgendein Wein genommen werden. «Dieser Wein muss vereidigt werden und ganz bestimmte Kriterien erfüllen», sagt Freiberger. Auf der Suche nach diesen Kriterien und der Definition eines vereidigten Messweins stiess er sogar beim Bistum Basel auf vorübergehende Ratlosigkeit. «Schliesslich wird nicht jede Woche ein Wein als Messwein vereidigt.» Gemäss Definition muss dieser Wein «natürlich, rein und unverfälscht, ohne Zuckerzusatz oder sonstige Beigaben» sein. Zudem wird der Winzer in einem offiziellen Akt vereidigt.
Offen für Neues
Gestärkt mit diesen Angaben machte sich Marc Freiberger auf die Suche nach einem Winzer. Die ersten Anrufe waren ernüchternd und liessen ihn an seinem Projekt zweifeln. «Das macht Ihnen heute niemand mehr», bekam er als Antwort, angesprochen auf die Menge und die Besonderheit des Weines. Kurzum, die Idee wurde als Schnapsidee abgetan. Doch Freibergers liessen sich nicht entmutigen und stiessen bei Othmar Lampert in Steckborn auf offene Ohren.
Dass der Wein natürlich, rein und unverfälscht ist, ist für Othmar Lampert sowieso Ehrensache. Bereits in der dritten Generation bewirtschaftet der Steckborner Rebflächen. Sein Grossvater und sein Vater betrieben zwar in erster Linie Milchwirtschaft, Othmar Lampert hat sich aber ganz dem Weinbau verschrieben. Zusammen mit seiner Frau und einem Festangestellten betreut der gelernte Weinküfer und Winzer rund fünf Hektaren entlang des Untersees. Angebaut werden hauptsächlich Blauburgunder und Müller Thurgau. «Etwas überrascht war ich schon, als Marc Freiberger mir von seiner Idee erzählte», sagt Othmar Lampert. Doch habe er zugehört, da er merkte, dass es dem Anrufer wirklich ernst war mit seinem Anliegen. Gereizt habe ihn auch die Tatsache, dass ein lokaler Messwein durchaus eine Seltenheit darstellt.
Feierlicher Moment
Mittels einer Degustation wurde ein geeigneter Wein ausgesucht – ein Müller Thurgau mit einer Restsüsse – und ein Gesuch zur Vereidigung an den Generalvikar gestellt. Dieser hielt das Gesuch zuerst für eine Werbung, doch dank des unermüdlichen Einsatzes von Marc Freiberger konnte der Irrtum geklärt werden. Am 5. November des vergangenen Jahres schliesslich übergab Generalvikar Markus Thürig dem Ehepaar Lampert im Beisein von Vera und Marc Freiberger die bischöfliche Urkunde, die die Herstellung und den Verkauf von vereidigtem Messwein erlaubt. «Die Vereidigung war ein sehr feierlicher und einzigartiger Moment», sagt Othmar Lampert. Die erste Bestellung wurde schon ausgeliefert, zudem wurden Musterflaschen auf verschiedene Anfragen hin verschickt. Den Namen des Messweins, St. Othmar, und die Etikette hat sich das Ehepaar Freiberger ausgedacht. «Othmar ist ein sehr bekannter Heiliger in der Bodenseeregion, der auf der Insel Werd starb», erklärt Marc Freiberger. Dass der Messwein den gleichen Namen wie der Weinbauer trage, sei jedoch reiner Zufall, sagt Othmar Lampert mit einem Lachen.
Claudia Koch
In einer feierlichen Zeremonie übergab Generalvikar Markus Thürig (links) dem Winzer-EhepaarLampert (Mitte) im Beisein von Marc (2. v. l.) und Vera (rechts) Freiberger die Erlaubnis.
Bild: zVg



