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Aktuelle Ausgabe Nr. 3

Ehre deinen Vater und deine Mutter

Das vierte Gebot und die Sorge um die Eltern

Wenn Eltern pflegebedürftig werden, stellt sich für die Kinder die Frage, wie sie ihrer Verantwortung am besten gerecht werden. Für religiöse Menschen bekommt das vierte der Zehn Gebote dann ein besonderes Gewicht. Aber wie ist das Elterngebot zu verstehen? Welche Werte sollte es schützen? Und welche Bedeutung hat es für Christen heute?

«Ehre deinen Vater und deine Mutter, damit du lange lebst in dem Land, das der Herr, dein Gott, dir gibt» (Ex 20,12) – Dieses Gebot entwickelte sich über Jahrhunderte, bis es wahrscheinlich im 10. Jahrhundert vor Christus schriftlich festgehalten wurde. Es wendet sich an erwachsene Söhne (Töchtern fiel in dieser Zeit eine untergeordnete Rolle zu). Sie sollen für ihre Eltern sorgen, wenn diese dazu nicht mehr in der Lage sind. Da es damals keine Sozialversicherung gab, war diese Sorge für alte Menschen lebenswichtig. Sie sicherte ausserdem den sozialen Frieden über die Familien hinaus. Darin erschöpft sich die Bedeutung dieses Gebotes aber nicht: Das Buch Jesus Sirach macht deutlich, dass die Söhne ihren Vater nicht herabsetzen, betrüben und beschämen sollen, wenn sein Verstand abnimmt (Sir 3, 1-16). Mit dem Elterngebot wird also auch die unbedingte Achtung von Vater und Mutter verbunden, die auch dann noch bestehen soll, wenn deren körperlichen und geistigen Kräfte schwinden.

Verbunden mit den Wurzeln
Die Wertschätzung der Eltern wird auch heute von vielen bejaht und eingefordert. Und das nicht nur aus religiösen Motiven. Psychologen haben festgestellt, dass die Achtung der Eltern wesentlich zur eigenen Reifung und zur seelischen Gesundheit beiträgt. So strebt beispielsweise das Familienstellen nach Bert Hellinger an, dass sich der Protagonist vor seinen (von anderen dargestellten) Eltern verneigt und zu ihnen sagt: «Ich ehre dich als meinen Vater und als meine Mutter». Auch wenn diese Methode zum Teil kritisiert wird, verbindet sich mit diesem Ritual doch eine besondere Kraft: Nur wer seine Eltern achtet, ist auch mit seinen eigenen Wurzeln verbunden, kann sich auch selbst achten. Freilich gelingt das nur, wenn zuvor Trennendes ernst genommen wird. Es ist auch eine Form der Wertschätzung, den Eltern all das zuzumuten, womit sie einen verletzt haben und was die Beziehung zu ihnen verstellt. Wenn dies ausgesprochen und angenommen wird, sind aufrichtiges Verzeihen und Achtung möglich.

Andere lieben wie sich selbst
Im Vergleich zu den Anfängen des Volkes Israel ist ein älterer Mensch heute nicht mehr allein auf die Fürsorge seiner Kinder angewiesen. Soziale Systeme und Einrichtungen ermöglichen ihm ein sicheres Leben im Alter. Für viele verbindet sich mit dem vierten Gebot dennoch der Anspruch, die eigenen Eltern selbst zu pflegen und sie nicht anderen Händen anzuvertrauen oder gar in ein Heim «abzuschieben». Die Pflege von Angehörigen kann für einzelne eine positive Herausforderung sein, durch die sie über sich selbst hinauswachsen. Sie können später trotz gewisser Einschränkungen mit Genugtuung und Freude auf diese Zeit zurückblicken. Für andere wiederum kann eine solche Pflege eine Überbelastung darstellen oder mit grossen Einschränkungen verbunden sein wie z. B. dem Verzicht auf eine Partnerschaft oder der Aufgabe des eigenen Berufs.

Die Sorge um die Eltern stellt einen hohen Wert dar, die Sorge um sich selbst aber auch. Was nützt es, wenn man seine Eltern pflegt, sich dabei aber übernimmt oder total unzufrieden wird? Es gelten auch hier beide Hälften des Liebesgebotes: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.

Miteinander reden
Diese Überlegungen brauchen die Kinder ja nicht für sich alleine machen. Es ist – im Gegenteil – sehr hilfreich, wenn Eltern und Kinder frühzeitig darüber reden, was sich jeder vorstellt, was man vom anderen erwartet, was man befürchtet usw. Der offene Austausch kann schon viel klären und ermöglicht das Wachsen einer von allen getragenen Lösung.

Manche Eltern haben ihren Kindern gegenüber sehr hohe Erwartungen und übersehen die Verantwortung, die diese noch für andere tragen. Ehren bedeutet in diesem Zusammenhang nicht, jede Erwartung zu erfüllen, sondern miteinander nach der besten Lösung zu suchen – eine Lösung, die die Bedürfnisse aller Beteiligten berücksichtigt. Wer den Erwartungen anderer nachgibt, ohne auf seine eigenen Grenzen zu achten, steht in Gefahr, lieblos und aggressiv zu werden. Und das trägt nicht dazu bei, den Eltern in Achtung zu begegnen. Schliesslich kann es sein, dass man den Eltern näher ist, wenn man die Pflege in professionelle Hände gibt und dafür frei wird für gemeinsame Erlebnisse und Gespräche.

Aus dem vierten Gebot lässt sich keine Patentlösung ableiten. Es trägt vielmehr die Aufforderung in sich, dass Eltern und Kinder verantwortungsvoll miteinander umgehen.

Detlef Kissner

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Wenn die Eltern betagt sind und ihre Kräfte schwinden, sind die Kinder gefragt. Wie viel Verantwortung können sie übernehmen neben der eigenen Familie, Beruf, gesellschaftlichem
Engagement …?

Bild: Viktor Schwabenland / Pixelio.de
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