Kaum noch Zeit für sich selbst
Wenn Kinder ihre Eltern pflegenVater oder Mutter werden pflegebedürftig. Es trifft viele Familien unvorbereitet. Unzählige Fragen stellen sich, Entscheide sind zu treffen, Probleme zu lösen, und das oft unter Stress.
«Mein Vater brauchte immer mehr Hilfe. Meine Mutter und er konnten immer noch unabhängig leben, trotz der wachsenden Einschränkungen. Dann stellte eine Krankheit meines Vaters das Leben auf den Kopf! Sein Leben, das Leben unserer Mutter, das Leben von uns Geschwistern. Er wurde pflegebedürftig», berichtet Sofi (Name ist erfunden). «Es war zu erwarten. Und doch waren wir schlecht vorbereitet.» Nach Krankenhaus und Rehabilitation konnte der Vater nach Hause. Er war oft verwirrt, manchmal inkontinent und brauchte 24 Stunden Betreuung. «Wir haben uns von der Pro Senectute beraten lassen – hier wurden wir auf Hilfen hingewiesen», berichtet Sofi. Die Wohnung wurde behindertengerecht hergerichtet.
Unwägbare Tage
Ein Tag sah nun so aus: Die Tochter frühstückte mit den Eltern, sie achtete auf deren regelmässige Medikamenteneinnahme. Danach kam die Spitex zur Körperpflege des Vaters. Die Mutter betreute ihren Mann bis nach dem Mittagsschlaf. Hatte sie Probleme, rief sie Sofi, die im gleichen Haus arbeitet. Drei Mal die Woche kam am Nachmittag für drei Stunden eine Betreuerin des Entlastungs-dienstes. Dann konnte Sofi ungestört arbeiten. Gab es Probleme mit dem Zu-Bett-Bringen des Vaters, half sie. Auch nachts war der Vater oft unruhig. Die Tage waren unvorhersehbar. Die Ehefrau konzentrierte sich fast ausschliesslich auf die Bedürfnisse ihres Mannes, die erwachsenen Kinder organisierten neben ihrem Alltag das ausserhäusliche Leben der Eltern – von Bankzahlungen bis zu Arztterminen, Einkaufsfahrten. Es gab viel Wäsche zu waschen. Pflegende betonen, welch grosse Hilfe Wegwerfeinlagen sind!
Deutliche Einschnitte
Es gab Spannungen zwischen den Geschwistern. Wer in der Nähe der Eltern lebt, hat einen anderen Blick auf die Situation und ist stärker eingespannt. «Nur der Löffel weiss, wie heiss es in der Pfanne ist», zitiert Sofi ein italienisches Sprichwort. Nach einer Spitex-Studie von 2010 pflegen meist Frauen: An erster Stelle Ehepartnerinnen, meist selbst schon betagt. Dann folgen Töchter. Männer stellen etwa ein Drittel der Pflegenden. Töchter haben meist Familie, Söhne sind eher alleinstehend. Partner investieren etwa 60 Stunden pro Woche in die Pflege, Kinder die Hälfte.
Zwei Drittel der pflegenden Töchter arbeiten situationsbedingt Teilzeit, 16 Prozent geben ihren Beruf ganz auf. Dies reisst in deren Finanzen und Altersvorsorge massive Löcher. Es trifft wieder in erster Linie Frauen, die durch die immer noch tiefen Frauenlöhne benachteiligt sind (Wenigstens können Pflegende für die AHV Betreuungsgutschriften beantragen). Hier ist die Politik gefragt – sie muss Pflegende besserstellen, denn eine Pflege daheim ist wesentlich billiger als im Heim!
Hilfe suchen und finden
Spitex, Entlastungsdienst und eine Putzfrau halfen. «Die Spitex-Mitarbeiterinnen und der Hausarzt betonten immer wieder, wir müssten auch nach uns selbst schauen», berichtet Sofi. Sie entdeckte, dass Gartenarbeit, Sport, aber auch spannende Lektüre beim Abschalten helfen. Und dass sie sich bewusst Zeit für Freundinnen, Freunde und die erwachsenen Kinder nehmen muss. Auch das Gebet hilft ihr. Sie führt ein «Energietagebuch »: Wieviel Kraft hat sie wofür an einem Tag aufgewendet, stimmt die Balance noch?
Studien zeigen, dass pflegende Angehörige mehr Schlaf- und Beruhigungsmittel sowie Antidepressiva nehmen als nichtpflegende Altersgenossen. Besonders Partnerinnen sind stark belastet, stellen ihre Situation aber als «nicht so schlimm» gegen aussen dar. Oft leiden sie darunter, dass sie den Kontakt nach aussen verlieren. Für Freunde, Ausflüge, ein Konzert fehlt die Kraft. Töchter wie Sofi stresst, dass sie ständig tausend Details im Kopf behalten und viel Verantwortung übernehmen müssen.
Betreuungs-Hilfe kostet
Angehörige nennen bei Studien Liebe, Zuneigung, das Gefühl der Verpflichtung sowie religiöse Gründe als Motive für ihren Einsatz. Gern übersehen werde die Kostenfrage, so die Fachleute. Spitex-Mitarbeiterinnen berichten, dass sie nicht selten nach einiger Zeit weniger gerufen werden mit dem Hinweis, die Familie könne sich nicht mehr Hilfe leisten.
Altersarmut ist auch heute Realität. Es gibt Unterstützung, doch diese reicht oft nicht. So ist etwa bei den Höchstsätzen der anrechenbaren Mietkosten im Bundesgesetz über Ergänzungsleistungen zur Alters-, Hinterlassenen- und Invalidenversicherung (ELG) seit 2001 keine Anpassung mehr erfolgt – trotz der Tatsache, dass die Mietkosten seither um 20 Prozent gestiegen sind», schreibt Kurt Seifert im Sozial-Almanach der Pro Senectute. Mietkosten von 1250 Franken pro Monat sind für ein Paar ein Wunschtraum! Armut im Alter heisst, auf Geschenke für die Enkel zu verzichten, auf den Kaffee im Restaurant mit den Kollegen, auf Bahnbillete für Besuche.
Das andere Ich
Sofis Vater musste nach einer Verschlechterung seines Zustandes in eine Memory-Klinik. Massive Ängste hielten ihn gefangen. In der Klinik wurde er liebevoll und kompetent umsorgt. Mit Medikamenten versucht man, ihn zu stabilisieren. Oft reagierte er nur wenig auf die Besuche. Das ist hart. «Er ist da und doch nicht da», umschreibt die Tochter den Zustand. «Und doch schimmert immer wieder der Mann durch, der er früher war», meint sie. Sie wehrt sich dagegen, dass man bei ihrem Vater nur die Defizite benennt. Sie lehnt eine Wertung, wie die des Oxforder Ethikers Jeff MacMahan, der Demente als «Post-Personen» bezeichnet, entschieden ab. Andreas Kruse, Professor für Gerontologie an der Universität Heidelberg, betont, dass demenzkranke Menschen ein reiches Gefühlsleben haben. Wenn sie Zuwendung bekommen, zeigen sie deutlich Freude und Wohlbefinden. Sofi berichtet, wie ihr Vater immer wieder Vertrautes aufscheinen lässt, etwa bei seinen «Mödeli». Er kann heute lange einer Person die Hand halten, Zärtlichkeit entgegen nehmen. In seinen Äusserungen blitzt manchmal ein schräger Humor auf. «Wir sind uns oft sehr nahe», sagt sie lächelnd.
140 000 Menschen werden in der Schweiz zu Hause gepflegt. Die Zahl wird wachsen. Eine Herausforderung für uns alle!
Christiane Faschon
Wenn die Kräfte der Eltern nachlassen, brauchen sie zunehmend mehr Unter-stützung, z. B. beim Essen …
… oder um in Bewegung zu bleiben.Bilder: Detlef Kissner



